MUSIK

Roger Waters – The Wall 2010/ 2011
Die Geschichte

Am 8. August 1977 ging Roger Waters, Bassist und Hauptsongtexter von Pink Floyd, im Olympiastadion von Montreal als ein anderer Mensch von der Bühne. Es war die letzte Show einer aufreibenden Nordamerika-Tour zu ihrem aktuellen Album Animals. Ihren Status als eine der erfolgreichsten Rockbands der Geschichte, den sie im Jahr 1966 erwarb, sicherte sich die Gruppe durch millionenfach verkaufte Alben wie „The Dark Side of The Moon“ (1973) und „Wish You Were Here“ (1975).
Infolge der enormen Charterfolge wurden die Shows, insbesondere in Nordamerika, zu riesigen Spektakeln mit bombastischer Inszenierung. Doch jetzt schrien und kreischten überdrehte Fans während der Auftritte ununterbrochen. Ein Verhalten, das die nachdenkliche Atmosphäre vorangegangener Tourneen zerstörte. Diese Entwicklung war neben der Tatsache, dass jede Menge Feuerwerkskörper in die Menge geschleudert wurden, Grund für eine zunehmende Frustration Waters‘, der daran Anstoß nahm, dass niemand mehr den Songs zuzuhören schien. Schließlich begann er, die unpersönliche Atmosphäre dieser Events zu hassen.

Das Schlüsselerlebnis hatte er bei der letzten Show, wo die Menge ungewöhnlich laut war. ‚Ich war auf der Bühne und in der ersten Reihe stand ein Typ, der den ganzen Abend über ununterbrochen schrie‘, erinnert sich Waters. ‚Am Ende rief ich ihn zu mir und als er nah genug war, spuckte ich ihm ins Gesicht. Ich war selbst geschockt über mein Verhalten und dachte: „Warte mal. Das ist falsch. Ich hasse das alles.“‘
Der Vorfall schlug eine dunkle Saite in Waters‘ Psyche an. Er versuchte, seine Entfremdungsgefühle in seine eigene Kindheit zurückzuverfolgen; sein Gefühl der Einsamkeit durch den Tod seines Vaters während des Krieges, die Tyrannei seiner Schulzeit und das Zerbrechen seiner Ehe.

Pink Floyd: The Wall
Die Aufnahmen von Pink Floyds The Wall dauerten von 1978 bis fast zur Veröffentlichung im November 1979. Seitdem ist es das Symbol einer kraftvollen und düsteren Rockoper geworden.
Das fertige Album erzählt eine verzweifelte Geschichte über Isolation und Angst, weitaus komplexer als alles, was Waters zuvor geschaffen hatte. Es ist unumgänglich, das Werk als teilweise autobiographisch anzusehen: Pink, die Hautfigur, ist ein erfolgreicher Rockstar, der während einer Tournee mit dem Ende seiner Ehe konfrontiert wird. Das veranlasst ihn, sein ganzes Leben zu überdenken und er beginnt, eine Schutzmauer um sich zu errichten. Jeder Stein steht für etwas, was sein Leiden verursacht hat: eine erdrückende, überbehütende Mutter, grausame Schullehrer, eine untreue Ehefrau und einfältige Groupies. Pink stellt sich vor, in die Position eines faschistischen Diktators erhoben zu werden und die Zuschauer wären seine gehorsamen Anhänger. Auf dem Höhepunkt des Geschehens stellt er sich seinen Peinigern und die Mauer beginnt endlich zu bröckeln. Sobald sie jedoch eingestürzt ist, beginnt sich langsam eine andere zu errichten und suggeriert in einem trostlosen Ausklang einen immerwährenden Zyklus der Gefangenschaft.
Das Album enthält auch Pink Floyds erste Single in 12 Jahren, den weltweiten Nummer-Eins-Hit ‚Another Brick In The Wall, Part Two‘.

The Wall Live 1980-81
Auf der Bühne war The Wall die bis dahin überwältigendste Show von Pink Floyd. Sie wurde ausschließlich in Hallen aufgeführt, im Februar in Los Angeles und New York und im August 1980 in London. Wiederholt wurde sie im Februar 1981 in Dortmund und im Juni 1981 in London. Das Werk vereinigte gekonnt alle Aspekte des Rocktheatergenres. Vor den Augen des Publikums wurde eine Mauer aus hunderten von Pappziegelsteinen errichtet, die bis zum Ende der ersten Hälfte ca. 12 Meter hoch war und die gesamte Breite des Zuschauerraums durchzog.
Zur Show gehörten außerdem ein abstürzendes Sturzkampfflugzeug, eine kreisförmige Leinwand, auf die skurrile Animationen von Gerald Scarfe projiziert wurden. Drei 35-mm-Projektoren, die in horizontaler Konfiguration verwendet wurden, schufen ein Triptychon animierter Bilder auf der Mauer.

Außerdem wurden in Schlüsselszenen drei gigantische Puppen verwendet, die die Bösewichte des Werkes darstellten: ein ca. 8 Meter hohes Modell des Schullehrers, ein kleineres der Ehefrau und die aufblasbare Mutter. In die Vorderseite der Mauer wurde eine Szene integriert, die das Motelzimmer zeigt, in dem Pink komatös vor einem Fernseher sitzend, einen alten Kriegsfilm ansieht. Doch was Waters an der gesamten Produktion am besten gefiel war, dass sie angenehmerweise in bestuhlten Arenen aufgeführt wurde. „Ich lief die gesamte obere Sitzreihe am Ende der Arena ab. Mein Herz schlug wie wild und mir liefen Schauer den Rücken rauf und runter. Ich fand es fantastisch, dass die Zuschauer von jedem Platz aus etwas sehen und hören konnten.“
Im Jahr 2000 wurde eine Doppel-CD der Live-Aufzeichnungen der Originalshows veröffentlicht, mit dem Titel Is There Anybody Out There: The Wall Live

The Wall in Berlin 1990
Nach seiner plötzlichen Trennung von Pink Floyd und der Veröffentlichung des prophetischen Albums „The Final Cut“ im Jahr 1983 brachte Roger Waters zwei Soloalben heraus, „The Pros And Cons of Hitch-Hiking“ 1984 und „Radio KAOS“ 1987, bevor er The Wall im September 1990 für ein Benefizkonzert im gerade erst wiedervereinten Berlin noch einmal zum Leben erweckte. Ziel des Konzerts war es, Geld für den Memorial Fund For Disaster Relief zu sammeln. Die Wohltätigkeitsorganisation hat sich zur Aufgabe gemacht, fünf Pfund für jedes Opfer des Zweiten Weltkriegs zu sammeln und damit Hilfe bei Naturkatastrophen in aller Welt zu leisten. Mit mehr als 250.000 zahlenden Zuschauern ist es nachwievor eines der größten einzelnen Open Air-Konzerte aller Zeiten.

Roger Waters: The Wall Live 2010-11
Nach Veröffentlichung seines dritten Soloalbums „Amused To Death“ 1992 und einem spürbar großen Interesse an seiner Arbeit als Solokünstler absolvierte Waters 2006-2007 erfolgreich eine Welttournee mit Aufführungen seines anderen Schlüsselwerks „The Dark Side of The Moon“.
Die jüngsten Konflikte zwischen Nationen, insbesondere im Nahen Osten, hat Waters zum Anlass genommen, The Wall noch einmal aufzugreifen, seine Antikriegsbotschaft und das Konzept eines Requiems und einer Gedenkfeier. „Ich dachte, vielleicht gibt es etwas in der Geschichte von The Wall, die von diesem einen Kerl handelt… das als Allegorie für die Art gesehen werden könnte, in der Nationen miteinander umgehen, oder in der sich Religionen gegenüber anderen Religionen verhalten. Mit anderen Worten: könnte das Stück so interpretiert werden, dass es einen weiter gefassten, universelleren Zustand beschreibt, als bei den Aufführungen 1980 oder 1990 in Berlin?“ „Diese neue Produktion von The Wall ist ein Versuch, Vergleiche zu ziehen, unser aktuelles Dilemma zu erklären, und es ist all den unschuldigen Opfern der vergangenen Jahre gewidmet“, erklärt Waters. Ein zentrales Anliegen ist es, Menschen über seine Internetseite um Fotos von Angehörigen zu bitten, die sie in Konflikten verloren hatten, und diese während der Show auf die Mauer zu projizieren.

Da es niemals eine Videoveröffentlichung der legendären Originalkonzerte gegeben hat und neue Generationen von Fans The Wall sowohl als kraftvolles Werk als auch als Rockoper schätzen, war es keine große Überraschung, dass die von Waters vor Kurzem angekündigten Konzerte in Nordamerika innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren.
Die Fans werden nicht enttäuscht sein: „Die Projektionstechnik unterscheidet sich heute grundlegend von damals. Ich bin jetzt in der Lage, über die gesamte Fläche von 73 Metern der Mauer zu projizieren. Das war damals nicht möglich“, erklärt Waters. Der Illustrator des Album, Gerald Scarfe, der an der Tour und dem Film von 1982 mitarbeitete, lieferte neue Kunstobjekte und gestaltete neue Puppen und aufblasbare Objekte.
„Es wird zweifellos ein zum Nachdenken anregendes Spektakel von überwältigendem Ausmaß.“




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