MUSIKNEWS

17.05.2009|Moskau (dpa)
Eurovision Song Contest: «Miss Kiss» floppt - Popmärchen für Norwegen
Deutschlands Beitrag war wieder einmal nicht der große Knaller beim Eurovision Song Contest (ESC).
Die Striptease-Künstlerin Dita von Teese mit ihrer Reiterpeitsche und der drahtige US-Sänger Oscar Loya vom Typ Latin-Lover brachten die Fans in Moskau beim 54. ESC-Finale nicht so recht in Wallung. Die ernüchternde Bilanz: Platz 20 von 25 - aber immerhin nicht Schlusslicht wie die No Angels im Vorjahr. Als Strahlemann des glamourösen Abends in der Olympia-Halle der russischen Hauptstadt stellte der norwegische Teufelsgeiger Alexander Rybak mit «Harry Potter»-Charme alle Interpreten in den Schatten.
Der 23-Jährige holte mit dem Siegertitel «Fairytale» über sein ganz persönliches Märchen von der ersten Liebe das beste Ergebnis in der Geschichte des internationalen Musikwettbewerbs. Satte 16 Mal erhielt der gebürtige Weißrusse, der dem Publikum nach der Show auf Russisch dankte, die Höchstwertung von zwölf Punkten. Das waren 387 Zähler insgesamt und damit mehr als das Zehnfache der Wertung für das deutsch-amerikanische Duo Alex Swings Oscar Sings!, das mit dem Titel «Miss Kiss Kiss Bang» nur auf 35 Punkte kam - vor allem dank Litauen, Slowenien und Norwegen.
«Der Sieg ist total verdient. Der Typ ist Weltklasse!», lobte der Hamburger Produzent Alex Christensen vom Grand-Prix-Duo den Auftritt. Der Autor des erfolgreichen Songs «Du hast den schönsten Arsch der Welt» will nun weiter das Rätsel knacken, wie die begehrten zwölf Punkte zu kriegen sind. «Wir haben alles gegeben, mehr ging nicht», sagte der 42-Jährige nach der Niederlage.

Der Saal mit einer riesigen Glasbühne, einer 2000 Quadratmeter großen Videofläche und 20 000 Zuschauern kochte, als der frühere Landsmann Rybak mit seiner Violine zu dem Folklore-Poplied aufspielte. «Ich weiß, dass viele eine bessere Stimme haben als ich, aber mein Trumpf ist, dass ich es liebe und weiß, Geschichten zu erzählen», sagte der gebürtige Minsker vor seinem Auftritt in Moskau. Da machte es auch nichts, dass ihm eine Geigensaite riss - und am Ende im Jubel der Siegerpokal zu Bruch ging.
Zum ersten Mal seit Jahren gab es keinen Streit um den Sieger, wie ihn etwa der russische Vorjahresgewinner Dima Bilan («Believe») erlebte. Wohl auch, weil nun erstmals seit 1996 wieder flächendeckend Jurys neben dem Televoting zum Einsatz kamen, verstummte die Diskussion darüber, ob sich befreundete Nationen gegenseitig bei der Abstimmung die Punkte zuschusterten. Allerdings konnte das in Deutschland kaum gespielte Lied «Miss Kiss Kiss Bang» allem Anschein nach auch die Juroren im Ausland nicht überzeugen.
Dabei hatten sich Dita, Oscar und Alex mit ihrer swingig-frivolen Varieté-Show im Hamburger «Reeperbahn»-Flair mächtig ins Zeug gelegt. Bei Deutschlands größter Grand-Prix-Party auf St. Pauli lobte ARD-Fernsehmoderator und Musiker Thomas Anders den Auftritt. Auch Schlagerbarde Guildo Horn, einst selbst Grand-Prix-Teilnehmer und diesmal Jury-Mitglied, pflichtete bei. «Sie haben sich Mühe gegeben, es war kein schiefer Ton dabei», spielte er auf den letzten Platz für Deutschland der No Angels im vergangenen Jahr an.

Die von Russland mit viel Pomp, Akrobatik und farbenprächtigen Showeffekten gestaltete Show war zwar mit einer Einschaltquote von durchschnittlich 31,1 Prozent das deutsche Fernsehereignis des Abends, wie Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Unterhaltung, sagte. Dennoch sei das Moskauer Ergebnis für das «exzellente Team» eine Enttäuschung. «Für uns heißt das: Wir müssen beim Eurovision Song Contest radikal neue Wege gehen.»
Deutsche Fans in der Olympia-Halle sahen es als Nachteil an, dass sich die «großen Vier», darunter neben Deutschland auch Frankreich, Spanien und Großbritannien, im Gegensatz zu den meisten der 42 Teilnehmerländer nicht in den Halbfinals qualifizieren mussten. «Ich glaube, dass der eigentlich ganz peppige Song einfach zu wenig bekannt war bei der Abstimmung», meinte Grand-Prix-Fan Bernd Milde aus Leipzig in der Halle.
Frankreich hatte mit Sängerin Patricia Kaas (siehe Foto) und ihrem emotionalen Chanson zudem ebenso einen internationalen Star aufgeboten (Platz 8) wie Großbritannien mit dem US-Musicalkönig Andrew Lloyd Webber (61, «Phantom der Oper»), der die junge Sängerin Jade Ewen am Klavier begleitete.
Platz 1: Norwegen
Platz 2: Island
Platz 3: Aserbaidschan
Hier geht es zur kompletten Ergebnistabelle des Finales...»
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17.05.2009|Moskau (dpa)
Hintergrund: Alexander Rybak aus Norwegen

Als ein «Harry Potter» der Musikwelt hat der Norweger Alexander Rybak beim Eurovision Song Contest (ESC) in Moskau die Zuschauer mit seinem Charme verzaubert. Sein Lied «Fairytale» - «ein Märchen» - handelt von der ersten Liebe des 23-jährigen Komponisten.
«Ich weiß, dass viele eine bessere Stimme haben als ich, aber mein Trumpf ist, dass ich es liebe und weiß, Geschichten zu erzählen», sagte der gebürtige Weißrusse vor seinem Auftritt der Deutschen Presse-Agentur dpa in Moskau. Der Sohn einer Musikerfamilie hat seinen Song auch selbst komponiert und getextet.
Selbst Frankreichs Weltstar Patricia Kaas schwärmte in Moskau für den Aufsteiger aus dem Land der Fjorde. Rybak habe eine «unglaubliche Ausstrahlung und Bühnenpräsenz», sagte die Grande Dame des Chansons, die selbst auf Rang acht landete, der dpa in Moskau. Wegen seines Talents hatte das Plattenlabel EMI Germany den Shootingstar schon vor dem Finale unter Vertrag genommen. Die Experten waren sicher, dass Rybak das Rennen machen würde.
«Ich werde aber nie etwas Größeres tun als diesen Grand Prix. Mehr geht nicht», meinte Rybak angesichts von mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauern. Der Norweger hat sich in seinem Land mit nur 4,8 Millionen Einwohnern bereits als Schauspieler in dem Musical «Anatevka» einen Namen gemacht.
«Ich versuche, ein Schauspieler zu sein, weiß aber nicht, ob ich gut genug bin», meinte der gebürtige Minsker, dessen Name passend zu seiner neuen Heimat übersetzt «Fischer» bedeutet. «Wenn ich vor einer Kamera stehe, will ich nicht nur singen, sondern auch eine Geschichte erzählen.» Und die Story, die er in Moskau erzählte, sei wahr, wie er beteuerte. Sie handelt von seiner ersten Liebe vor fünf Jahren.
«Die Erinnerung an die erste Liebe bleibt immer», erklärte Rybak den Erfolg seines Songs. Immer wieder wollten Fans wissen, ob der Junge noch zu haben ist. Der dpa sagte er: «Ich habe keine Zeit für eine Freundin. Leider.» Er stelle sich auf eine lange Karriere ein und wolle nicht, dass jemand zuhause auf ihn warte.
Mit seiner früheren Heimat Weißrussland hat er abgeschlossen, seit er im Vorschulalter die «Diktatur» mit seinen Eltern verließ. Dennoch spricht er noch immer fließend Russisch. Schon etwa 80 Songs hat er nach eigenen Angaben geschrieben. Aber «Fairytale» sei sein erster kommerzieller Erfolg. «Das ist ein Hit wie aus dem Bilderbuch, ein alchemistisches Zauberkunststück, bei dem aus hitziger Liebeslyrik, sonnig unbefangener Melodie und feuriger Folklore flüssiges Gold wird - ein wahres Popmärchen», sagte EMI-Sprecher Harald Engel.
Seit seinem fünften Lebensjahr spielt Rybak Geige und Klavier - mit Schwerpunkt Klassik. Zudem hat er mit dem Popsänger Morten Harket der Band a-ha gearbeitet und ist Konzertmeister des größten Jugendsinfonieorchesters Norwegens. Ende Mai soll in Deutschland sein Debütalbum «Fairytales» erscheinen. Zu seinen Vorbildern zählen Michael Jackson, Sting und Andrea Bocelli.




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