CD-TIPPS


Album der Woche - KW 47 | 2010
Take That "Progress"
Es ist eine der verrücktesten und fesselndsten Geschichten der britischen Pop-Vergangenheit. Auch gehört sie zweifelsohne zu den begeisterndsten Ereignissen überhaupt. Zu behaupten, die Reunion von Take That zur Fünf-Mann-Kombo war komplett unerwartet, ist nicht ganz richtig: Die Möglichkeit, dass es passieren könnte, war zumindest seit 2006 ein ganz heißes Gerücht. In diesem Jahr gelang Gary Barlow, Howard Donald, Jason Orange und Mark Owen die erstaunliche Wiederkehr an die Spitze der Charts und das fast eine Dekade nach ihrer berühmten Trennung im Jahr 1996.
Nach diesem unerwarteten Triumph, erschien die Aussicht auf Robbie Williams’ Rückkehr zur Band, um das eigentliche Line-Up der 90er Jahre zu vervollständigen, zunächst jedoch sehr unwahrscheinlich – sowohl für die Band selber, als auch für Robbie und alle anderen.

Wie auch immer – die Band hat einen langen Prozess in einer kurzen Zeit vollzogen. Freundschaften wurden repariert, und in einigen Fällen wurden ganz neue geschlossen. Neue Allianzen wurden gebildet und etwas Großartiges zeichnete sich ab. Fünf Männer im besten Alter, von denen alle Triumph und Katastrophe, Erfolg und Scheitern, Freude und Depressionen kennen gelernt hatten, waren wieder vereint und wahrscheinlich waren sie zum ersten Mal nur wegen eines ganz einfachen Grundes beisammen: Sie wollten Musik zusammen machen – nach ihren eigenen Vorstellungen.
Take That wurde 1990 in Manchester von dem Besitzer einer kleinen Casting- und Modelagentur Nigel Martin-Smith gegründet. Dieser sah eine Marktlücke und verpfändete sein Haus, um eine britische Boyband finanzieren zu können, die es mit den amerikanischen New Kids On The Block aufnehmen konnte.
Seine erste Entdeckung war Gary, ein 19jähriger Junge aus Frodsham, der seit fünf Jahren Keyboard in einem Club spielte und schon im Alter von zehn Jahren eigene Songs schrieb. Um Gary herum wurden vier gut aussehende Typen gesucht und gefunden: Howard, ein Autolackierer und DJ; Jason Orange, ein Maler und Dekorateur; Mark, ein ehemaliges Kindermodel und Robbie, der letzte und jüngste im Bunde.

Zunächst trat die Band in Schwulenclubs und Minderjähirgen-Diskos auf. Im September 1991 unterschrieben Take That bei BMG für 75.000 Pfund einen Plattenvertrag. Die ersten drei Singles floppten aber 1992 erreichte die Coverversion von Taveres „It Only Takes A Minute” Platz # 7 und von da an ging es richtig los: Garys Ballade „A Million Love Songs” und „I Found Heaven” folgten, ebenso wie ein weiteres Cover: Barry Manilows „Could It Be Magic”.
Ihr ersten Album „Take That And Party“ war eine Mischung aus Barlows Balladen und energiereichen Dance-Tunes.
Der Nachfolger „Everything Changes” 1993 beinhaltete vier Nummer # 1 Singles und brachte den Durchbruch in ganz Europa und Asien. In den Jahren 1994 und 1995 waren Take That nicht zu toppen. Sie wurden auf mehreren Kontinenten von Horden kreischender Mädchen verfolgt und von Prinzessin Diana zum Tee eingeladen. Sie tourten, performten und arbeiteten unermüdlich und verkauften so über 25 Millionen Platten.
Das Album „Nobody Else” wurde 1995 mit großem Tusch veröffentlicht. Das Albumcover war im Beatles Sgt Pepper’s-Stil gehalten und untermauerte so Take Thats Anspruch, die größte Britische Band seit den Beatles zu sein. „Back For Good” war ihr größter Singleerfolg bis dato: Nummer # 1 in 31 Ländern und selbst in den USA wurde der Song ein Hit!

Doch dann fing Robbie an, aus der Reihe zu tanzen. Im Juli 1995 tauchte er während des Auftritts von Oasis auf der Bühne des Glastonbury Festivals auf und nur kurze Zeit später verließ er die Band. Ohne Robbie machten Take That zu viert noch bis zum 13. Februar 1996 weiter. An diesem traurigen Tag verkündeten sie ihre Trennung auf einer Pressekonferenz in London. Take Thats Auflösung wurde die Aufmachergeschichte in den renommierten BBC Abendnachrichten und für die bestürzten Fans wurden extra Kummer-Hotlines eingerichtet. Die letzte Single war wieder eine Coverversion. Der Bee Gees' Klassiker „How Deep Is Your Love” wurde – wie sollte es anders sein – ein Nummer # 1 Hit in UK und schloss zusammen mit der „Greatest Hits“ Sammlung das Kapitel Take That.
Die Reunion 2006 war sowohl ein Tribut an den frühen Erfolg, als auch ein Beweis dafür, dass Take That noch lebten. Als Take That im April 2008 in den Sarm Studios in Notting Hill in London wieder zusammentrafen, begannen sie zu viert die Arbeiten an einem neuen, dem zweiten Album seit der Reunion.Im Sommer, als Produzent John Shanks dazu stieß, hatte die Band bereits 25 neue Songs geschrieben.
Jeglicher Druck, den Erfolg von „Beautiful World” wiederholen zu müssen, kam einzig und allein von der Band selbst und nicht von außen. „Wir hatten bereits bewiesen, wie qualitativ gut und erfolgreich wir in den Charts sein konnten”, erzählte Jason zu dieser Zeit. „Das einzige, was jetzt noch zählt, ist, ob wir unsere Musik mögen. Wir wollen, dass die Musik uns richtig repräsentiert und zeigt, wer und wo wir sind. Sie muss vor allem authentisch sein.”

Die Songs auf „The Circus” waren typisch Take That und ein großer Schritt in die Zukunft zugleich. Große Hymnen fürs Stadion und intime Herzschmerz-Balladen, textlich überzeugend und musikalisch vielfältig. Theatralisch und geerdet, charmant naiv und auffallend reif – einfach im Aufbau, aber hoch komplex in der Ausführung.
Robbie und Take That hatten während der Zeit des zweiten Band Comebacks unregelmäßig kommuniziert. Im Sommer 2009 nach „The Circus” war Robbie gerade dabei, sein Soloalbum „Reality Killed The Video Star” fertig zu stellen, als er und Gary sich in Los Angeles trafen. Viele vage Pläne wurden geschmiedet, um für ein Songwriting-Date zusammen zu kommen.
Kurz danach. im September 2009, kamen die fünf in New York tatsächlich zusammen. Es war in Robbies Augen “wie nach Hause zu kommen”. Doch es war weitaus mehr als nur das. Es war das Zusammentreffen von zwei mächtigen Kräften, die sich entweder gegenseitig zerstören oder aber etwas viel Grandioseres gemeinsam schaffen könnten. Man muss sich nur die Zahlen zur ausverkauften „Progress” Tour anschauen, um einen Hinweis zu bekommen, welche Option gewonnen hat: Über eine Million verkaufter Tickets in acht Stunden und 1,34 Millionen Karten insgesamt machte die Tour zur am schnellsten und besten verkauften Tour in der UK Geschichte.

Rückblick ins Studio vor zwölf Monaten: Sechs Songs entstanden bei der kurzen Zusammenkunft und das von Stuart Price produzierte Album, für das damals das Fundament gebaut wurde, wird nun am 19. November erscheinen. Es ist ein Album, das genauso gewagt wie auch schön ist und das letzte Kapitel der Evolution von Take That präsentiert.
Die erste gemeinsame Single seit 15 Jahren, das epische und bombastische „The Flood” hat die Radio Airplaycharts in ganz Europa erobert wie nichts, was die Band zuvor veröffentlicht hatte.
„Wir fünf zusammen in einem Raum – diese Vision war immer nur ein Traum und sah nie nach Wirklichkeit aus”, erzählt Mark. „Jetzt machen wir ein Album zusammen und die Wirklichkeit fühlt sich wie ein Traum an. Es war eine wahre Freude, mit Rob wieder Zeit zu verbringen.”
Nach 20 Jahren, 80 Millionen verkaufen Alben und 14,5 Millionen verkauften Konzert-Tickets, 19 Brit Awards, 13 Nummer # 1 Alben, 17 Nummer # 1 Singles, acht MTV Awards und neun Ivor Novellos Awards, nach Zeiten als Boyband, als Männerband, als Solokünstler, als Freunde und Feinde, als Helden und Verlierer – sind Take That jetzt hier als etwas Neues und erfrischend Unkompliziertes wieder zusammen gekommen: Sie sind eine erwachsene Pop-Band voller Brüder.
“Das Leben ist manchmal schön und seltsam zugleich”, erzählt Jason. Und nicht zuletzt liefern Take That den wohl ergreifendsten Beweis für dieses Statement.

TRACKLIST
Take That "Progress"
1. The Flood
2. SOS
3. Wait
4. Kidz
5. Pretty Things
6. Happy Now
7. Underground Machine
8. What Do You Want From Me
9. Affirmation
10. Eight Letters




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