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19.02.2010 | Berlin (dpa)
60. Berlinale endet ohne klare Bären-Favoriten
Der Kreis der Bären-Favoriten ist klein und etwas extravagant. So schwer wie im Jubiläumsjahr der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin hat es die Jury wohl schon lange nicht mehr gehabt. Am Samstagabend werden die Gewinner des Goldenen und der Silbernen Berlinale-Bären bekanntgegeben.
Jurypräsident Werner Herzog und seine Mitstreiter - darunter Hollywoodstar Renée Zellweger und die deutsche Schauspielerin Cornelia Froboess - könnten zwischen drei ebenso politisch wie künstlerisch ambitionierten Filmen wählen: Werken aus Japan, der Türkei und dem Iran, die ohne einen Goldenen Bären sicher keine breitere Öffentlichkeit erreichen würden. Einziges Zugpferd in der Favoritenrunde ist Roman Polanskis Politthriller «Der Ghostwriter» mit Pierce Brosnan und Ewan McGregor in den Hauptrollen.

Harte, aber lohnenswerte Kost ist der japanische Bären-Anwärter «Caterpillar». Koji Wakamatsu erzählt von einem hochdekorierten Soldaten, der aus dem Zweiten Weltkrieg ohne Arme und ohne Beine zu seiner Frau zurückkehrt. Die radikale Demontage eines vermeintlichen Kriegshelden ist in klaren, oft nur schwer erträglichen Bildern gedreht, die lange nachwirken - ein starkes Plädoyer gegen den Krieg.
Der Iraner Rafi Pitts geht in seinem Film «Zeit des Zorns» ganz andere künstlerische Wege, um seine politische Botschaft zu vermitteln. Mit für westliche Zuschauer oft zu verschlüsselten Anspielungen tritt Pitts für eine Demokratisierung seines Landes ein. Filmthema ist der stoische Rachefeldzug des Familienvaters Ali, dessen Frau und Tochter bei einer «Auseinandersetzung» zwischen Polizei und Demonstranten erschossen wurden. Pitts spielt die Hauptrolle selbst, seine Schilderungen der iranischen Verhältnisse aus einem grauen Teheran sind mutig, viele Fragen bleiben aber wohl zwangsläufig offen.
Im dritten Bären-Favoriten spielt die Natur eine der Hauptrollen. In traumwandlerisch schönen, ruhigen Bildern erzählt der türkische Filmemacher Semih Kaplanoglu in «Honig» von einer Kindheit im ländlichen Anatolien. Yusuf wächst behütet von den Eltern auf, doch in der Schule hat es der stotternde Junge schwer. Er zieht sich immer mehr von seiner Umgebung zurück und lebt in einer ganz eigenen Welt. Eines Tages verschwindet sein Vater, als er seine Bienenkörbe in einer schwer zugänglichen Gegend aufstellen will.

Kaplanoglu hat bei seinem Film bewusst auf Musik verzichtet. Das Rauschen der Bäume, Vogelgezwitscher, Bienensummen und das Kratzen der Stifte der Schulkinder sind der «Soundtrack». Nach «Ei» und «Milch» ist «Honig» der Abschluss einer Trilogie über Menschen in Anatolien.
Außenseiter-Chancen werden dem russischen Kammerspiel «How I Ended This Summer» von Alexei Popogrebsky eingeräumt, das von zwei Männern auf einer entlegenen Wetterstation in der Arktis handelt. Zu Tränen rührte die Zuschauer das dänische Drama «Eine Familie» von Pernille Fischer Christensen. Wohltuend leise wird von einer Großfamilie in Kopenhagen erzählt, deren Oberhaupt unheilbar an Krebs erkrankt.
Groß ist die Zahl der Darsteller, die einen Silbernen Bären als beste Schauspieler verdient hätten. Der zur Drehzeit siebenjährige Bora Altas, der den kleinen Yusuf in «Honig» spielt, ist der jüngste Anwärter. Hollywoodstar Ewan McGregor überzeugt als «Ghostwriter» in Polanskis solidem, spannendem Drama um einen verbrecherischen britischen Ex-Premier.

Der Österreicher Andreas Lust ist «Der Räuber» in Benjamin Heisenbergs deutschem Wettbewerbsbeitrag und beeindruckt durch hochkonzentriertes Spiel. Tobias Moretti erweckt den Schauspieler Ferdinand Marian in Oskar Roehlers ansonsten heftig umstrittenem Film «Jud Süß - Film ohne Gewissen» zum Leben.
Aus dem japanischen Beitrag «Caterpillar» sind beide Hauptdarsteller preiswürdig: Shima Ohnishi als sadistischer Kriegsversehrter und Shinobu Terajima als seine Ehefrau, die ihn pflegen soll. Bei den weiblichen Darstellerinnen sticht außerdem die Japanerin Lisa Lu aus dem chinesischen Eröffnungsfilm «Tuan Yuan» (Getrennt zusammen) von Wang Quan'an hervor. Sie spielt eine alte Dame vor einer schweren Entscheidung.
www.berlinale.de

Die Berlinale-Bären
Der Berlinale-Bär ist das Maskottchen der Filmfestspiele. Am Samstag wird das Geheimnis gelüftet, wer die begehrten Trophäen bekommt. Gefertigt werden die Bären seit jeher in der Bildgießerei Noack, die diesmal zum 60. Geburtstag des Festivals mit einer Berlinale-Kamera geehrt wurde. Die Berliner Gießerei erfährt kurz vor der Verleihung die Gewinner-Namen, die im Sockel eingraviert und natürlich vorher nicht verraten werden.
Unter der silbernen und goldenen Haut der vier Kilo schweren Figuren verbirgt sich ein Bronzekörper, der in einem Sandbett gegossen wird. Anschließend wird die Oberfläche bearbeitet. Da Sand kein beständiges Material ist, benötigt jedes einzelne Exemplar eine eigene Gussform. In jedem Bären stecken etwa 25 bis 30 Arbeitsstunden. Entworfen hat das Maskottchen die Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965).
Der wichtigste Preis, der Goldene Bär, ehrt den besten Film im Wettbewerb der Festspiele. Silberne Bären gibt es zum Beispiel für die Schauspieler, die Regieleistung und das beste Drehbuch.




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