AKTUELL


22.09.2010 | Lörrach
Ermittler suchen nach dem Motiv des Amoklaufs
Was ging in der Amokläuferin von Lörrach vor? Nach der Tragödie mit vier Toten am Sonntag suchen die Ermittler weiter mit Hochdruck nach Hinweisen auf die Hintergründe. «Es geht weiter um das Motiv der Tat», sagte ein Polizeisprecher.
«Außerdem wollen wir die Tat weiter dokumentieren. Es ist wichtig, um der Sache ein rundes Bild zu geben.» Die Ermittler wollen am heutigen Mittwoch weitere Spuren auswerten und suchen dringend nach Zeugen.
Die Öffnung von zwei Tresoren in Wohnung und Kanzlei der Amokläuferin hatte am Dienstag keine neuen Erkenntnisse zu den Hintergründen der Tat gebracht. Die Ermittler hatten gehofft, darin eventuell Hinweise auf das Motiv sowie auf Probleme und die Persönlichkeit von Sabine R. zu finden.
Die Obduktion der Leichen brachte dagegen grausige Details ans Licht: Die Sportschützin schlug ihren fünfjährigen Sohn erst bewusstlos und erstickte ihn dann mit einer Plastiktüte. Die 41-Jährige selbst wurde schließlich von der Polizei erschossen.

Der Obduktion zufolge tötete Sabine R. ihren Mann in ihrer Wohnung, in der sie auch ihre Anwaltskanzlei hatte, mit zwei Schüssen in Kopf und Hals. Die Frau lebte seit Juni getrennt von dem 44-Jährigen. Das Kind wohnte beim Vater und war am Sonntag bei der Mutter zu Besuch. Als der Vater das Kind abholen wollte, kam es zu der tödlichen Gewalt.
Dann lief Sabine R. ins gegenüberliegende Krankenhaus. Auf dem Weg verletzte sie zwei Passanten. Zeugenangaben zufolge schoss sie auch noch auf weitere Menschen auf der Straße. Ein Fußgänger ging demnach sofort in Deckung. Zudem soll Sabine R. auf eine etwa 70 Jahre alte Frau mit einer Gehhilfe, ein vorbeifahrendes Auto und einen Mann mit einem Kind gezielt haben. Sie wurden nicht getroffen. Die Polizei sucht dringend Zeugen.
Im Krankenhaus erschoss sie dann einen 56 Jahre alten OP-Pfleger, einen Polizisten verletzte sie schwer. Die Frau galt zuletzt als psychisch stark angespannt und hatte offenbar die Trennung von Mann und Kind nicht verkraftet.
Nach Angaben des Deutschen Schützenbundes war die Amokläuferin bereits 1996 aus dem Schützenverein ausgetreten, hatte ihre Waffe aber behalten. Das Blutbad hat auch die Debatte um das Waffenrecht neu entfacht. Die Grünen, die Linkspartei und das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden fordern eine erneute Verschärfung. CDU, FDP und Polizei lehnen dies ab.
dpa
20.09.2010 | Berlin
Frauen laufen nur nach extremen Kränkungen Amok
Sie tötete ihren Sohn, dessen Vater und einen Krankenpfleger. Der Amoklauf einer Rechtsanwältin in Lörrach am Sonntag schockiert viele. Was Menschen zu einer solchen Tat bringt, erläuterte der Angstforscher und Kriminalpsychologe Christian Lüdke aus Essen der Nachrichtenagentur dpa.

Wie oft werden Frauen zu Amokläufern?
Lüdke: «Bei einem Amoklauf geht es dem Täter darum, seinen eigenen Selbstmord zu inszenieren. Das heißt, der Täter plant sich am Ende umzubringen oder von der Polizei erschossen zu werden. Die Statistiken zum Verhältnis der Selbstmorde bei Männern und Frauen zeigen eindeutig, dass Männer wesentlich öfter, dreimal häufiger, Selbstmord begehen als Frauen dies tun. Und ungefähr genauso ist das Verhältnis bei den Amokläufen.»
Warum rasten Frauen seltener aus?
Lüdke: «Die innere Widerstandsfähigkeit, die Fähigkeit, mit Enttäuschungen und Kränkungen umzugehen, ist bei Frauen wesentlich höher entwickelt. Das heißt, Männer sind bei Beziehungsproblemen, bei Konflikten und Krisen wesentlich verletzlicher und verletzbarer, als Frauen das sind. Von daher neigen Männer eher dazu, ihre Aggressionen in Gewalt umzuwandeln, weil die Gewaltausübung ihr Gefühl von Ohnmacht in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht wandelt.»
Was kann der Auslöser für eine solche Tat sein?
Lüdke: «Damit eine Frau Amok läuft, müssen dem enorme Kränkungen, Demütigungen, Verletzungen vorangegangen sein. In der Regel gibt es gestörte Beziehungen über einen sehr sehr langen Zeitraum und letztlich die Unfähigkeit, mit diesen hohen Aggressionen umzugehen.»

Welchen Einfluss haben psychische Erkrankungen?
Lüdke: «Psychische Erkrankungen können teilweise eine solche Tat begünstigen, das heißt, dass Frauen in diesem Fall Realitätsverluste erleben. Allerdings handelt es sich bei einer solchen Tat in den seltensten Fällen um eine Affekthandlung, sondern das Ganze wurde von den Tätern in der Fantasie schon viele Hunderte Male durchgespielt.»
Warum sind so häufig Beziehungsprobleme der Grund für solche Taten?
Lüdke: «Weil wir als Menschen in erster Linie Beziehungsmenschen sind, das heißt, wir sind auf die Beziehung zu anderen Menschen angewiesen. Wenn wir dort das Gefühl von Missachtung, von Kränkung, von Demütigung erleben, dann haben wir große Ängste, nicht mehr zur Gemeinschaft, zur Gesellschaft dazuzugehören, aus dieser Welt herauszufallen. Dann versuchen Menschen alles Mögliche, in den Mittelpunkt zu geraten. Gelingt es ihnen nicht, fehlt dann wieder die Anerkennung, werden sie erneut gekränkt, dann kann dieses starke Ohnmachtsgefühl in Gewalttaten umgewandelt werden.»




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