BERLIN

05.08.2011 | Potsdam
Urteil: neun Jahre Haft und für den Kindesentführer
Das Motiv des Entführers blieb dem Gericht unverständlich. «Diese Situation hätten sie aufgrund Ihrer Intelligenz anders lösen müssen», betonte Richter Andreas Dielitz. Neun Jahre muss der Entführer einer Vierjährigen aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) ins Gefängnis. Mit diesem Urteil folgte das Landgericht Potsdam am Freitag dem Antrag des Staatsanwalts. Es hätte härter ausfallen können, betonte Dielitz. Der 45-Jährige habe ein junges, hilfloses Kind ausgewählt, weil von diesem wenig Gegenwehr zu erwarten war. «Sie haben der Familie großes Leid zugefügt.»
Dem Angeklagten scheint dies bewusst zu sein. Vor Gericht hatte er tiefe Reue gezeigt und die Eltern des Kindes um Entschuldigung gebeten. «Dafür gibt es keine Entschuldigung», hielten ihm jedoch der Vater (52) und auch Staatsanwalt Jörg Möbius entgegen. Zu spät kam auch die Einsicht, was die Tat für seine eigenen drei Kinder im Alter von sechs, sieben und neun Jahren bedeutet. «Ich habe zwei Familien
zum Opfer gemacht», sagte der Berliner Unternehmer im Schlusswort.
Im Prozess hatte seine Ex-Frau (36) geschildert, die Kinder wüssten, was ihr Vater getan habe. Trotz Scheidung hatten die Eltern ein gutes Verhältnis zueinander. Seit der Tat ist der Kontakt gestört, er besteht nach Angaben von Verteidiger Karsten Beckmann nur noch schriftlich. Ob sein Mandant das Urteil akzeptiert, ist noch offen. «Wir müssen es erstmal sacken lassen», so Beckmann. Er hatte sechseinhalb Jahren Haft gefordert.

Der Angeklagte hatte gestanden, das Mädchen am 10. Februar entführt und die Mutter mit einer Sichel bedroht zu haben. Erst nach Zahlung von 60 000 Euro Lösegeld und nach etwa 13 Stunden hatte er das Kind freigelassen. Das Gericht bewertete die Tat als erpresserischen Menschenraub und schwere räuberische Erpressung.
Als Motiv hatte der Unternehmer 36 000 Euro Schulden genannt. Tierfutterhandlung und Confiserie liefen nicht gut, der Gerichtsvollzieher hatte sich angekündigt. Einst erfolgreicher Golf-Manager und -Spieler in einem noblen Berliner Club war der Familienvater in den Monaten vor der Tat abgerutscht. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er keinen eigenen Wohnsitz mehr; lebte erst bei einer Freundin, zuletzt in einer Gartenlaube.
Die Erpressung von Lösegeld erschien dem gelernten Juristen mit Einser-Abitur die einzige Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen. Gezielt suchte er sich eine Familie in der Neubausiedlung der Gemeinde am südlichen Stadtrand von Berlin aus, weil diese allgemein als wohlhabend gilt: Schickes Haus, zwei Autos vor der Tür, sie Steuerberaterin, er Sportlehrer. «Das Erschreckende ist, dass die Entführung jeden anderen in Kleinmachnow hätte treffen können, der in ähnlichen Verhältnissen lebt», meinte Richter Dielitz.
Das Gericht sah wenig Gründe für eine Strafmilderung. So sei der 45-Jährige voll schuldfähig und seine Tat zeuge von krimineller Energie. Das glimpfliche Ende der Entführung sei vor allem der Polizei und der Mutter zu verdanken, die vorbildlich mitgearbeitet habe. Die 42-Jährige hatte das Lösegeld bei ihrem Arbeitgeber organisiert und zum Übergabeort gebracht. Dem Geständnis des Mannes maß das Gericht angesichts der erdrückenden Indizien wenig Bedeutung bei. Schließlich sei der Täter unmittelbar nach der Freilassung des Mädchens in der Nähe des Tatorts mit dem Geld im Auto gefasst worden.
Zugunsten des Berliners werteten die Richter, dass dem Kind während der Entführung kein weiteres Leid zugefügt wurde. Die langfristigen Folgen seien aber nicht absehbar. «Was bleibt, ist ein vierjähriges Kind, das eine Last hat», so Dielitz.
Quelle: dpa

03.08.2011 | Potsdam
Angeklagter entschuldigt sich
Die Mutter Steuerberater, der Vater Sportlehrer. Ein schickes Haus in der Neubausiedlung von Kleinmachnow in Brandenburg, zwei Autos vor der Tür. Doch am 10. Februar wird die Idylle jäh zerstört: Ein Mann entführt die vierjährige Tochter der Familie.
Im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter schilderten die Eltern am Mittwoch vor dem Landgericht Potsdam, welche angstvollen Stunden sie erlebt haben während der mehr als 13-stündigen Entführung ihrer kleinen Tochter. «Ich hatte Angst, mein Kind nie wieder zu sehen», sagte die Mutter.
Angeklagt ist ein 45 Jahre alter Geschäftsmann aus Berlin, der die Tat gestanden hat. Ihm drohen mindestens fünf Jahre Haft wegen erpresserischen Menschenraubes und schwerer räuberischer Erpressung. Im Prozess zeigte er am Mittwoch tiefe Reue und bat die Eltern um Entschuldigung.

Der Unternehmer, selbst Vater von drei Kindern, hatte das Mädchen erst nach der Zahlung von 60 000 Euro Lösegeld, das die Familie selbst aufbrachte, wieder frei gelassen. Er wurde gleich nach der Tat festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Als Motiv nannte der Angeklagte Schulden.
«Ich habe das Anfangs für einen Scherz gehalten», berichtete die Mutter von dem Beginn des Entführungsdramas. Die 42-Jährige wollte ihr Kind zur Kita bringen, als plötzlich ein maskierter Mann vor ihr stand, sie mit einer Sichel bedrohte - und ihre Tochter schnappte. Nach anfänglicher Panik habe sie im Verlauf des Tages etwas Zuversicht geschöpft, sagte die Steuerberaterin. Die Minuten nach der Geldübergabe seien jedoch sehr schwer gewesen: «Ich habe mir x-mal vorgestellt, wie ich mein Kind in den Arm nehme. Gleichzeitig wurde ich unruhiger und verzweifelter, je mehr Minuten vergingen.»
Wie ihre Tochter die Entführung verkraftet hat, ist nach Angaben der Eltern noch schwer zu beurteilen. Das Kind spreche wenig von der Tat. «Sie war Anfangs ziemlich verstört», schilderte der Vater (52). «Es gibt Situationen, wo sie sehr heftig reagiert.» Den Entführer nenne sie nur «er». Die Mutter berichtete, dass eine vor der Tat abgeklungene Neurodermitis wieder stark ausgebrochen ist. Die Familie steht in Kontakt zu einem Kinderpsychologen, auch die Mutter hat entsprechende Hilfe in Anspruch genommen. Das Urteil des Landgerichts Potsdam wird für den 5. August erwartet.
Quelle: dpa

01.08.2011 | Potsdam
Familienvater gesteht Entführung von Vierjähriger
Nach der Entführung einer Vierjährigen in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) hat der angeklagte Familienvater zum Prozessauftakt am Montag ein umfassendes Geständnis abgelegt. «Es ist richtig, ich habe Carolina entführt», sagte er vor dem Landgericht Potsdam. Detailliert beschrieb der 45-Jährige die Planung und den Ablauf der Tat im vergangenen Februar. Als Motiv gab der Berliner Geschäftsmann große Geldprobleme an. Er habe «schnelles Geld» machen wollen, um seine Unternehmen - einen Tierfutterhandel und eine Confiserie - retten zu können.
Die Staatsanwaltschaft Potsdam wirft dem geschiedenen Familienvater erpresserischen Menschenraub und schwere räuberische Erpressung vor. Laut Anklage hat er die Vierjährige am Morgen des 10. Februar vor dem Haus ihrer Eltern entführt und dabei die Mutter des Mädchens mit einer Sichel bedroht. Er ließ einen Zettel zurück und verlangte 60 000 Euro Lösegeld. Weder Polizei noch Medien sollten die Eltern einschalten. Eine Nachbarin hatte das Drama jedoch beobachtet und informierte die Polizei. Mehr als 13 Stunden bangten die Eltern um ihre Tochter. Erst nach Zahlung des Lösungsgeldes ließ der Mann das Mädchen frei.
Der 45-Jährige hatte die Tat von Anfang an gestanden - die Indizien sind jedoch auch recht eindeutig. Der Angeklagte wurde unmittelbar nach der Freilassung des Mädchens in Kleinmachnow festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft - und ist selbst über die Tat verwundert, wie sein Anwalt sagte. «Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er es tun», meinte Verteidiger Karsten Beckmann. Sein Mandant habe auch Kontakt zu den Eltern der Vierjährigen gesucht und sich entschuldigt.
Quelle: dpa

Im Gerichtssaal gab es zunächst kein Wort der Entschuldigung oder der Reue. Stattdessen lieferte der Angeklagte eine detaillierte Beschreibung der Tat und ihrer Hintergründe. «Ich will das Verbrechen damit aber nicht beschönigen», beteuerte er. Etwa 36 000 Euro Schulden drückten den geschiedenen Familienvater nach eigenen Angaben. Um etwas mehr Spielraum zu haben - auch bei den Verhandlungen während der Entführung - habe er jedoch 60 000 Euro verlangt. Er hatte keine Zweifel, dass die Eltern seines Opfers das Geld aufbringen können: Schickes Haus in der Neubausiedlung von Kleinmachnow, zwei Autos vor der Tür.
Eine Entführung erschien dem gelernten Jurist sinnvoller als ein Überfall auf eine Bank oder ein Geschäft: «Ich hatte das Gefühl, dass ich aus der Sache rauskomme, ohne den Körper eines anderen verletzen zu müssen.» Als Vater von drei Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren setzte er außerdem darauf, mit dem Kind gut umgehen zu können. «Es gab keinen Plan B», sagte der Angeklagte. Er habe das Mädchen auf jeden Fall am Abend der Familie zurückgeben wollen, betonte er.
Der Prozess wird an diesem Mittwoch (3. August/09.00) mit Zeugen fortgesetzt. Als erstes sollen die Eltern des Mädchens aussagen. Sie sollen vor allem auch Angaben dazu machen, wie ihre Tochter die Entführung verkraftet hat. Das Urteil wird bereits für den 5. August erwartet.




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