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BERLIN

 

11.06.2009

10.06.2009 | Berlin (dpa)

Prinzip Glück - Berlin verlost Plätze am Gymnasium

Glück hat schon mancher Schüler gebraucht, in Berlin gilt das bald besonders: Die Hauptstadt will künftig per Los entscheiden, wer auf die begehrten Gymnasien darf und wer nicht - zumindest teilweise. Mehr «Chancengerechtigkeit» soll das bringen, eine deutschlandweit einmalige Lösung, wie die Bildungsverwaltung nicht ohne Stolz betont. «Schüler-Lotto», schimpfen dagegen die Kritiker, «Prinzip Zufall» ersetze «Prinzip Leistung». Doch Rot-Rot ist einig: Gibt es an einer Schule mehr Anmeldungen als Plätze, werden 30 Prozent verlost.

Nach langer hitziger Debatte ist damit auch klar: Per Los können es auch schlechte Grundschüler aufs Gymnasium schaffen, und haben sie erst ein Probejahr überstanden, müssen sie es gegen den eigenen Willen nicht mehr verlassen. Es kam viel zusammen bei diesem  Kompromiss: ehrgeizige Bildungsziele, gesellschaftspolitische Idealvorstellungen und ein Senator, der seine Pläne vorstellt, bevor er sich seiner eigenen Leute sicher sein kann.

Das Los ist Teil einer großen Reform, mit der der Senat gegen die Defizite der Hauptstadt-Schulen angehen will. Viele Schüler brechen die Schule ab, besonders die mit ausländischen Wurzeln schneiden schlecht ab. Die Probleme ballen sich in den 43 Hauptschulen. Die schafft der Senat nun ab, ebenso die 100 Real- und Gesamtschulen. Vom übernächsten Schuljahr an soll es nur noch eine sogenannte Sekundarschule neben dem Gymnasium geben, deren Zahl derzeit bei 93 liegt.

«Wir werden als erste das System der Zweigliedrigkeit einführen können», sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) selbstbewusst und hofft, Hamburg und Schleswig-Holstein zu überholen. Im neuen System verspricht er Ganztagsbetreuung und individuelle Förderung. Beide Schulformen sollen den Weg zum Abitur öffnen - die Sekundarschule nach 13 Schuljahren, das Gymnasium nach 11 oder 12 Jahren. Sitzenbleiben und Schulwechsel sollen die Ausnahme bleiben.

Gymnasium und Sekundarschule sollen denn auch «völlig gleichwertig» sein, wie Zöllner betont. Damit kommt er der Linken entgegen, die am liebsten nur eine Schule für alle gehabt hätte. «Wir wollen den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft trennen», sagt ihr Bildungspolitiker Steffen Zillich. Denn nirgendwo in Deutschland ist dieser Zusammenhang laut Studien so stark wie in der Hauptstadt.

So kam das Los ins Spiel: Eigentlich entscheiden in Berlin die Eltern, auf welche weiterführende Schule ihr Kind nach der sechsten Klasse geht. Auch eine Grundschulempfehlung gibt es nicht. Weil die Linke aber auf vielen Gymnasium zu viele behütete Akademiker-Kinder wähnt, rang sie Zöllner das Losverfahren ab. Noten spielen dabei keine Rolle.

Untergegangen ist in der Debatte, dass die Schulen die übrigen Schüler selbst auswählen dürfen und damit endlich ihr Profil schärfen können. Zu groß ist der Wirbel um das Losverfahren. Wenn das neue Prinzip Glück im Berliner Schulsystem auch nicht jeden glücklich machen wird, einer freut sich schon: Andreas Wegener, der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Privatschulen. «Jede Verunsicherung in der Bevölkerung führt dazu, dass sich die Leute über Schulen privater Träger Gedanken machen.» Jedes Jahr öffneten fünf bis acht neue Privatschulen in der Hauptstadt, und die Gründer seien meist unzufriedene Eltern.

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