BERLIN
11.06.2009

10.06.2009 | Berlin (dpa)
Messias auf der Bühne: Depeche Mode in Berlin
Er steht bewegungslos da, die Arme weit ausgebreitet. Eigentlich sieht man David Gahan von Depeche Mode vor der pechschwarzen Bühne im Berliner Olympiastadion noch gar nicht. Dennoch toben die rund 68 000 Fans bereits. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen Martin Gore und Andrew Fletcher begeisterte er am Mittwochabend die Massen in einer mehr als zweistündigen Show. Meist reichte eine kleine Geste des Sängers und sein Publikum folgte ihm blind, riss die Hände in die Höhe oder klatschte. Fast wie ein Prophet breitete Gahan immer wieder die Arme aus und ließ sich minutenlang feiern.
Von einer kürzlich überstandenen Krebs-OP war dem 47-jährigen Bandleader nichts anzumerken. Mit seinem Mikrofonständer wirbelte er über die Bühne und verausgabte sich nach Kräften. Dahan war kurz vor einem Auftritt in Athen Anfang Mai mit einer schweren Margen-Darminfektion ins Krankenhaus gekommen - wie es zunächst hieß. Später wurde bekannt, dass der dreifache Familienvater wegen eines bösartigen Blasen-Tumors operiert wurde. Es war nicht das erste Mal, dass der Sänger dem Tod von der Schippe sprang. In den 90er Jahren soll er bereits nach einem Drogen-Exzess klinisch tot gewesen sein. Auch einen Selbstmordversuch hat er schon hinter sich.

Wegen seiner Krebserkrankung mussten Konzerte verschoben werden, auch in Hamburg und Düsseldorf. Jetzt reisen die drei Synthie-Pop-Pioniere auf ihrer «Tour of the Universe 2009» wieder durch mehr als 20 Länder. Für die britische Band ist es die erste Tournee seit rund vier Jahren. 1979 wurde sie von drei Schulkameraden im englischen Basildon gegründet. Ein Jahr später stieß der charismatische David Gahan dazu und schlug den Namen Depeche Mode vor, den er von einem französischen Modemagazin hatte. In Berlin war die Gruppe bereits in den 80er Jahren für Albumaufnahmen.
Das alles ist 30 Jahre her und dennoch ist von Routine bei den Kult-Musikern nichts zu spüren. Die Fans haben ihnen vermutlich auch deswegen die Treue gehalten. Einige der Hits, die sie in Berlin zum Besten gaben, stammen von ihrem im April erschienenen Album «Sounds of the Universe». Besonders der Titel «Wrong» wurde vom Publikum mitgesungen. Immer dann, wenn Gahan eine Bewegung vormachte, imitierten ihn die Fans. Die riesige Arena wirkte dann wie ein Aquarium, in dem sich unzählige Teilchen im gleichen Takt bewegten.

Nach Hits wie «Chains» spielten Depeche Mode Lieder, bei denen die Zuschauer das Klatschen oder Hände-in-die-Luft-heben sein ließen und einfach nur hinhörten. So auch als Martin Gore den Song «Jezebel» alleine auf der Bühne sang. Es schien, als würde die Masse regelrecht in Trance verfallen. Erst als Gahan den stimmungsvollen Titel «Enjoy the Silence» anstimmte, erwachten die Fans wieder und reckten die Arme und ihre Kameras in die Luft. Zu den Songs bewegte sich der Frontmann auf seine ganz eigene Weise: mal erinnerte es an orientalischen Bauchtanz, mal an Flamenco.
Nach eineinhalb Stunden verließen die Musiker zunächst die Bühne, um dann doch für eine weitere halbe Stunde zurückzukehren. Nochmals gaben sie einige Hits zum Besten. Darunter auch «Personal Jesus». Und tatsächlich: Bei diesem Lied heben viele Gahan-Fans die Hände wie zum Gebet, schließen die Augen und beten ihn einfach nur an - ihren Propheten.




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