BERLIN
15.07.2009

15.07.2009 | Berlin (dpa)
Situation bei S-Bahn könnte sich verschlimmern
Die Zugausfälle und Verspätungen bei der Berliner S-Bahn könnten sich noch dramatisch verschärfen. Grund sind mögliche neue Sicherheitsauflagen des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA). Die Bahn erwartet in den nächsten Tagen einen Bescheid des EBA, ob die Fristen für die Überprüfung und Auswechselung von Rädern an den Zügen der wichtigsten Baureihe 481 weiter verkürzt werden. Dies berichtete Ulrich Homburg, Konzernvorstand Personenverkehr bei der Deutschen Bahn, am Mittwoch vor dem Verkehrsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus. Der neue S-Bahnchef Peter Buchner sagte, «wir müssen uns auf noch schlimmere Szenarien vorbereiten, falls sich die Situation noch zuspitzen sollte.»
Die S-Bahn kann seit mehr als zwei Wochen keinen normalen Verkehr anbieten, weil ihr viele Züge wegen Überprüfungen an den Rädern fehlen. Seit vergangenem Montag fährt sie nach einem Notfahrplan. Anlass für den Notbetrieb der S-Bahn sind Sicherheitsauflagen, die das Bundesamt nach dem Bruch eines Rades am 1. Mai angeordnet hat. Damals war ein Zug in Kaulsdorf entgleist.

Auch der Betriebsratsvorsitzende der S-Bahn, Heiner Wegner, befürchtet eine weitere Verschlimmerung der Situation. Die vorhandenen Werkstattkapazitäten reichten nicht aus, um die Fristen für die Überprüfung und Auswechselung von Rädern an den Zügen zu halten. «Wenn nicht bald etwas vom Konzern kommt, wird alles noch viel schlimmer», sagte Wegner vor den Abgeordneten, die zu einer Sondersitzung zusammengekommen waren. Der Betriebsrat warf der Konzernleitung erneut vor, die S-Bahn trotz vieler Warnungen mit unverantwortlichen Gewinnvorgaben «totgespart» zu haben. Allein in den Werkstätten seien in den letzten Jahre 324 Fachkräfte abgebaut worden, die jetzt zur Bewältigung der Probleme fehlten.
EBA und Bahn hatten in teils gemeinsamen Untersuchungen in den letzten Wochen festgestellt, dass die Radscheiben und Radsatzwellen der von Bombardier hergestellten rund 1000 Wagen Baureihe 481 nicht «dauerfest» sind, also keine lange Lebenserwartung haben. Aus Sicherheitsgründen müssen die Räder jetzt regelmäßig in kurzen Abständen kontrolliert und nach einer bestimmten Laufzeit auch ausgewechselt werden. Die Fristen könnten sich jetzt im Ergebnis weiterer Materialtests noch weiter verkürzen, so dass der S-Bahn noch mehr Züge fehlen würden.

Homburg sagte, eine dauerhafte Lösung des Problems sei erst zu erwarten, wenn die Industrie stabile Räder und Achsen anbieten könne. «Bis dahin findet eine Materialschlacht statt mit kurzen Überprüfungsintervallen und ständigem Austausch von Radscheiben und Radsatzwellen», sagte der Bahnvorstand. Die vom Betriebsrat beklagten Kapazitätsengpässe in den Werkstätten sieht er nicht. Allerdings gebe es Engpässe bei den technischen Prüfgeräten wie Wirbelstrom- und Ultraschallmessgeräten. Die Geräte seien bestellt, könnten von der Industrie als Einzelfertigungen aber nicht so schnell geliefert werden.
Nach Eindruck des Geschäftsführers des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, ist an der Spitze des Bahnkonzerns noch nicht angekommen, dass es mit der Berliner S-Bahn bereits seit einigen Jahren bergab gehe. Zwischen 2003 und 2008 habe sich beispielsweise die Zahl der jährlichen Weichen- und Signalstörungen auf 4700 bzw. 13 800 nahezu verdoppelt. Franz verlangte von der Konzernleitung ein Umsteuern.
Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sprach im Ausschuss von einer «enttäuschten Liebe» zur S-Bahn. Forderungen der Opposition nach einer außerordentlichen Kündigung des Verkehrsvertrages und sofortigen Nachverhandlungen erteilte die SPD-Politikerin aber eine Absage. Die Entscheidung darüber, ob die S-Bahnstrecken nach Auslaufen des Verkehrsvertrages 2017 ausgeschrieben werden, falle erst 2011. Bis dahin setze sie in der Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn auf Vertrauen, «wie es uns am Montag in ungewohnter Weise vermittelt worden ist», sagte die Senatorin. Am Montag hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit Bahnchef Rüdiger Grube gesprochen.





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