BERLIN
15.02.2009


15.02.2009 | Berlin (dpa)
Goldener Bär für "La Teta Asustada"
Der Goldene Bär ist erstmals in der Geschichte der Berlinale an einen Film aus Peru verliehen worden. Die Jury der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin zeichnete das Drama "La Teta Asustada" ("Die Milch des Leids") von Claudia Llosa mit dem Hauptpreis aus.
Der Andenstaat war zum ersten Mal im Berlinale-Wettbewerb vertreten und räumte auf Anhieb ab. Die 32-jährige Regisseurin erzählt von einer jungen Frau, die an den Folgen des Jahre zurück liegenden Terrorsystems in Peru leidet. Gleich zwei Silberne Bären vergab die von der britischen Schauspielerin Tilda Swinton geleitete Jury an den deutschen Beziehungsfilm "Alle Anderen" von Maren Ade.

"Das ist für Peru, für unser Land", sagte Llosa bei der Preisver- leihung am Samstagabend strahlend. Zum zweiten Mal in Folge gewann damit ein Film aus Lateinamerika. 2008 hatte "Tropa De Elite" (Elite-Einheit) des Brasilianers José Padilha den Goldenen Bären bekommen. Die Entscheidung für "La Teta Asustada" fiel nach Angaben von Swinton einstimmig in der Jury. Dem Gremium gehörten auch der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief und der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell an. Die Jury habe sich entschlossen, "die Filme und Künstler auszuzeichnen, denen es gelingt, politisches Statement und poetische Form in ein ausgeglichenes Verhältnis zu setzen."

Ades fein beobachtetes Liebesdrama "Alle Anderen" wurde mit dem Großen Preis der Jury geehrt. Der Preis ging zu gleichen Teilen auch an die Tragikomödie "Gigante" von Adrián Biniez aus Uruguay. Einen Silbernen Bären als beste Darstellerin erhielt die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr für ihre Darstellung der weiblichen Hauptfigur Gitti in "Alle Anderen". "Das bedeutet mir alles sehr viel, es bedeutet auch viel für unsere Arbeit", sagte die aus Karlsruhe stammende Ade.
"Ich bin sehr glücklich, auch wenn ich nicht so wirke", meinte die sehr berührte Regisseurin. Minichmayr dankte der Regisseurin, ihr diese Rolle anvertraut zu haben. "Ich lieb' dich einfach so viel." Der von vielen als Favorit gesehene deutsche Film "Sturm" von Hans-Christian Schmid ging bei der Bären-Vergabe leer aus.

Als bester Darsteller wurde der in Mali geborene, 72-jährige Sotigui Kouyate mit einem Silbernen Bären geehrt. Er verkörpert in dem Drama "London River" über die Auswirkungen der Bombenanschläge in London 2005 (Regie: Rachid Bouchareb/Frankreich) die männliche Hauptfigur. Der Preis für die beste Regie ging an den iranischen Regisseur Asghar Farhadi für sein Gesellschaftspanorama "Alles über Elly". Farhadi sagte: "Ich danke Gott. Wenn er mir nicht geholfen hätte, wäre ich jetzt nicht hier."

Im Mittelpunkt des Gewinnerfilms "La Teta Asustada" steht Fausta, beeindruckend gespielt von Magaly Solier. Ihre Mutter wurde zur Zeit des Terrors durch die Guerilla-Organisation "Leuchtender Pfad" in den 80er und 90er Jahren ein Opfer von Vergewaltigung. Die nun erwachsene Tochter, zum Zeitpunkt des Gewaltaktes im Mutterleib, trägt psychisch schwer an den Folgen. Nach einem Volksglauben wird das Leid der Geschändeten über die Muttermilch an die Nachkommen weitergegeben.
Viele Frauen und Männer in Peru leiden an der "La Teta Asustada" genannten Krankheit, die Depressionen und Ängste verursacht, und für die die Wissenschaft keine Erklärung hat. Der Film beeindruckt durch stilistische Strenge, ruhige Bilder, wenig Dialoge und den Gesang von Fausta, mit dem sie gegen ihr Leid ankämpft. Gleichzeitig wird der Alltag der Ärmsten der Armen in Peru auch mit feinem Humor gezeigt. Claudia Llosa ist die Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa ("Tod in den Anden"). Der Gewinnerfilm, eine peruanisch-spanische Koproduktion, ist ihre zweite Regiearbeit.

Für das beste Drehbuch wurden Regisseur Oren Moverman und sein Mitautor Alessandro Camon für das US-amerikanische Anti-Kriegsdrama "The Messenger" geehrt. Einen Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung bekamen die Sounddesigner Gábor Erdélyi und Tamás Székely für ihre Arbeit an dem in den Karpaten spielenden Rache-Epos "Katalin Varga" von Peter Strickland (Großbritannien). "Gigante" erhielt auch die Auszeichnung als bester Erstlingsfilm und teilt sich zudem den Alfred-Bauer-Preis mit Andrzej Wajdas "Der Kalmus" aus Polen.
Alle Preise der 59. Berlinale
Die Jury der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin unter dem Vorsitz der britischen Schauspielerin Tilda Swinton sowie die unabhängigen Jurys haben am Samstag die Preisträger bekanntgegeben.
GOLDENER BÄR: «La Teta Asustada» («Die Milch des Leids») von Claudia Llosa (Peru)
SILBERNER BÄR, GROSSER PREIS DER JURY: «Gigante» von Adrián Biniez (Uruguay) und «Alle Anderen» von Maren Ade (Deutschland)
SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE: «Alles über Elly» von Asghar Farhadi (Iran)
SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN: Birgit Minichmayr (Österreich) in «Alle Anderen» von Maren Ade
SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER: Sotigui Kouyate (geb. in Mali) in «London River» von Rachid Bouchareb
SILBERNER BÄR FÜR EINE HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG: Gábor Erdélyi und Tamás Székely für Sounddesign in «Katalin Varga» von Peter Strickland (Großbritannien)
SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH: Oren Moverman und Alessandro Camon für «The Messenger» von Oren Moverman (USA)
BESTER ERSTLINGSFILM: «Gigante» von Adrián Biniez (Uruguay)
ALFRED-BAUER-PREIS: «Gigante» von Adrián Biniez (Uruguay) und «Tatarak» («Der Kalmus») von Andrzej Wajda (Polen)
Außerdem wurden im Rahmen der Berlinale ausgezeichnet:
FIPRESCI: «La Teta Asustada» («Die Milch des Leids») von Claudia Llosa (Peru)
GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN KURZFILM: «Please Say Something» von David OReilly (Irland)
DER KIRCHENPREIS DER ÖKUMENISCHEN JURY: «Lille Soldat» (Kleiner Soldat) von Annett K. Olesen (Dänemark)
GLÄSERNER BÄR JUGENDFILMWETTBEWERB GENERATION 14plus: «My Suicide» von David Lee Miller (USA)
FRIEDENSFILMPREIS: «The Messenger» von Oren Moverman (USA)
CALIGARI-PREIS DES BUNDESVERBANDES KOMMUNALE FILMARBEIT FÜR EINEN FORUM-FILM: «Love Exposure» von Sono Sion (Japan)
GILDE DEUTSCHER FILMKUNSTTHEATER: «Sturm» von Hans-Christian Schmid (Deutschland)
PANORAMA-PUBLIKUMSPREIS: «The Yes Men Fix The World» von Mike Bonanno, Andy Bichlbaum und Kurt Engfehr (USA)
SCHWUL-LESBISCHER FILMPREIS TEDDY: «Raging Sun, Raging Sky» von Julian Hernandez (Mexiko)
AMNESTY INTERNATIONAL FILMPREIS: «Sturm» von Hans-Christian Schmid (Deutschland)
PREIS DER C.I.C.A.E. (INTERNATIONALER VERBAND DER FILMKUNSTTHEATER): Im Panorama «Ander» von Roberto Castón (Spanien), im Forum «The Happiest Girl in the World» von Radu Jude (Rumänien)
DIALOGUE EN PERSPECTIVE (AN EINEN FILM AUS DER SEKTION PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO): «Gitti» von Anna Deutsch




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