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BERLIN

 

12.010.2010 | Berlin (dpa)

S-Bahn-Fahrgäste laufen über die Stadtbahn

Ein Notarzteinsatz auf dem Bahnhof Alexanderplatz und über die Gleise laufende Fahrgäste haben am Dienstag den S-Bahnverkehr auf der Berliner Stadtbahn teilweise lahmgelegt. Für rund 20 Minuten musste der Fahrstrom abgestellt werden, um die Menschen auf den Schienen nicht zu gefährden, wie ein Bahnsprecher mitteilte. Auch auf den Fernbahngleisen ging eine Viertelstunde lang nichts mehr. Verletzt wurde nach Bahnangaben niemand. Gegen 13.30 Uhr fuhr die S-Bahn wieder, die Fern- und Regionalzüge waren schon einige Minuten früher wieder unterwegs.

In dem Geschehen spielte eine Weichenstörung eine zentrale Rolle. Nach Darstellung der Bahn war gegen 12.22 Uhr ein Notarzt alarmiert worden, um auf dem Bahnhof Alexanderplatz in einem Zug der Linie S 3 aus Erkner eine hilflose Person zu versorgen. Nachfolgende Züge sollten eigentlich um den am Bahnsteig stehenden Zug herumgeleitet werden. Doch die dafür benötigte Weiche versagte ihren Dienst - die Weichenzunge ließ sich nicht vollständig umlegen, wie ein Bahnsprecher berichtete. Deshalb musste der Störungsdienst anrücken. Ein Stau auf der Stadtbahn war die Folge.

In dem aus Richtung Jannowitzbrücke nachfolgenden, auf der Strecke vor dem Bahnhof Alexanderplatz wartenden Zug lagen bei mehreren Fahrgästen vermutlich die Nerven blank. Sie sprangen nach Bahnangaben aus dem Zug und gingen zum Bahnhof. Zwar wurden Bundespolizisten alarmiert. Die Beamten mussten nach Angaben ihrer Dienststelle aber nicht mehr eingreifen, weil niemand mehr auf den Gleisen zu sehen war. Zahlenangaben, wieviele Menschen zum Bahnhof gelaufen waren, lagen der Polizeibehörde nicht vor. In dem Zug habe es Durchsagen gegeben, die Wagen nicht zu verlassen und die Freigabe der Strecke abzuwarten, sagte ein Sprecher der Berliner Bundespolizeidirektion.

 

Auf etlichen Stationen entlang der Stadtbahn machten Wartende mit Schimpfkanonaden ihrem Zorn über ausbleibende S-Bahnen Luft. Die Wut entzündete sich vor allem an verspäteten, falschen oder fehlenden Durchsagen zur Verkehrssituation.

 

www.s-bahn-berlin.de

12.01.2010 | Berlin (dpa)

Wowereit: Bahn muss S-Bahn-Problem schnell lösen

Die Deutsche Bahn muss nach Ansicht des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) schnell wieder einen funktionierenden Betrieb ihrer Tochter S-Bahn in Berlin anbieten. «Es ist nicht hinnehmbar, dass die S-Bahn bis heute nicht erklären kann, wann die Schwierigkeiten im S-Bahn-Verkehr behoben sind», sagte Wowereit am Dienstag auf der Senats-PK. «Deshalb werde ich Bahn-Chef (Rüdiger) Grube zu einem Gespräch einladen», kündigte Wowereit an.

Dieses solle «zügig» erfolgen. Dabei wolle er Grube, «zu dem ich großes Vertrauen habe», deutlich machen, «wie groß der Imageschaden für die Bahn mit Auswirkungen auf die ganze Republik ist.» Die Bahn habe ihre «Vorbildfunktion im öffentlichen Nahverkehr durch ihre Unzulänglichkeiten verspielt», kritisierte der Regierungschef.

Die S-Bahn kann in der Hauptstadt seit einem Jahr keinen normalen Fahrbetrieb bieten, weil sie betriebsnotwendige Wartungen versäumte. Das Eisenbahnbundesamt ordnete daraufhin Kontrollen an. Derzeit kann das Unternehmen nur knapp die Hälfte ihres Wagenparks von rund 1260 Wagen einsetzen, weil Räder und Achsen der Züge laufend kontrolliert und der lange versäumte Austausch von Bremszylindern nachgeholt werden müssen. Nach Angaben von Bahn-Vorstand Ulrich Homburg schreibt das Unternehmen durch die Krise täglich einen Verlust von mindestens einer Viertelmillion Euro. Zuallererst sei die Bahn als Mutterkonzern gefordert, die Probleme zu lösen, betonte Wowereit. «Wenn sie das nicht kann, dann muss sie den Auftrag zurückgeben.»

Wowereit nannte erneut den von der Bahn mit Macht betriebenen Börsengang als wesentlichen Grund für die Krise. «Es gab zu hohe Gewinnerwartungen. Die wollte man aus dem Unternehmen herauspressen zulasten der Sicherheit», kritisierte der SPD-Politiker. Die vielen Mängel an den Zügen durch die versäumte Wartung «sollten erst nach dem Börsengang auffallen», sagte Wowereit. Ob man den früheren Bahn-Chef Hartmut Mehdorn deshalb in Regress für Schadensersatzforderungen nehmen sollte, «das muss die Bahn selbst prüfen.»
 
Zugleich warnte der Regierende Bürgermeister vor einfachen Antworten zur Lösung der Krise. Die Mängel an den Zügen seien inzwischen so groß, dass niemand das damit verbundene Risiko einschätzen könne. «Hier prüfen wir alle Optionen bis dahin, dass die BVG oder das Land die S-Bahn übernimmt», sagte Wowereit. Dabei sei jedoch genau zu klären, «ob das Land als Eigentümer besser Zug fahren kann». Zudem sei es nicht leicht, die S-Bahn gegen den erklärten Willen der Bahn zu übernehmen, sagte Wowereit.

Eine andere Möglichkeit sei die von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) angeregte Ausschreibung für ein Viertel der S-Bahn-Strecken nach Auslaufen des Verkehrsvertrages mit der S-Bahn 2017. Dafür müsste jeder andere Anbieter erst die Züge in Auftrag geben. Wenn das Land die S-Bahn übernehme, sei nicht gesagt, dass es die festgestellten Mängel an den Zügen besser beheben könne. Zudem könne noch nicht mal die Bahn sagen, wie viel die S-Bahn wert sei. Bei der Abwägung eines Kaufes durch das Land gehe es nicht um die Frage, ob das hochverschuldete Land sich das leisten könne. «Es geht um die Frage, ob Berlin es sich leisten kann, dass hier andauernd der S-Bahn-Verkehr beeinträchtigt ist», betonte Wowereit.

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