BERLIN

10.03.2010 | Berlin (dpa)
"Brav, Rex, brav" - Deutlich weniger Hundebisse
«Brav, Rex, brav». Zu diesem Sonderlob könnte der Berliner Tierfreund nach dem Studium der «Hundebeißstatistik» des Senats für 2009 kommen. In 478 Fällen wurden Menschen im Vorjahr bei Angriffen von Hunden verletzt oder «gefahrdrohend angesprungen», wie es der Amtsschimmel verkündet. 2008 waren es mit 716 noch deutlich mehr Fälle. Bei Kämpfen untereinander bissen sich im vergangenen Jahr Hunde 418 Mal blutig, 2008 kam es zu folgenschweren Beißereien in 514 Fällen.
Die Antwort der Senatsverwaltung für Gesundheit auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Claudia Hämmerling hält auf dem Papier zumindest ein deutlich friedlicheres Verhältnis zwischen Hund und Mensch in der seit jeher hundefreundlichen Hauptstadt fest. Doch abseits der Statistiktabellen bleiben die Probleme im Zusammenleben weiterhin an vielen Stellen sichtbar.

Bullterrier Eddie wartete fünf Jahre
Die Quoten im Tierheim Berlin sind so ein Gradmesser. Sprecherin Evamarie König sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa am Mittwoch: «Bei uns werden so viele Hunde wie noch nie abgeladen, wir bleiben auf den armen Tieren sitzen.» Manche Rassehunde, die auf einer Verbotsliste des Senats für Kampfhunde stehen, «versauern über Jahre, obwohl sie völlig unauffällig sind». 2005 betrug die Quote der sogenannten Listenhunde im Tierheim noch 9,4 Prozent, heute liegt sie bei 50 Prozent. Aktuell leben im Tierheim 320 Hunde, die Anlage ist für etwa 250 Tiere ausgelegt. Viele fristen dort jahrelang ihr Leben.
So fand laut Tierschützerin König der harmlose und friedliche Bullterrier Eddie vor kurzem erst nach fünf Jahren Leben im Tierheim ein neues «Herrchen». Auch wegen dieser Schicksale ist der Tierschutzverein Berlin-Brandenburg «für die komplette Abschaffung der Rasseliste», die in Berlin seit 2004 besteht und Kampfhunde verbietet.
Darauf stehen zurzeit noch 10 Rassen: Pitbull, Bull Terrier, Tosa Inu, Bullmastiff, Dogo Argentino, Fila Brasileiro, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Mastiff und gefährliche Mischlinge. Die «normalen» Mischlinge liegen in der Beiß-Tabelle im Vorjahr mit 57 Vorfällen auf Platz zwei, Rang eins besetzt der Deutsche Schäferhund mit 79 Attacken, Rottweiler werden mit 30, Dobermänner mit 22, Boxer mit 18 und Golden Retriever mit 13 Vorfällen registriert. Keine, jedenfalls nicht bekannt gewordene Klagen über direkte Angriffe gegen Menschen gab es zu Windhunden, Pekinesen, Yorkshire Terrier und Maltesern.

Viele können sich Hunde nicht mehr leisten
Nicht nur wegen der Beißereien sorgt das Hundethema in Berlin seit Generationen von Hunde- und Menschenleben schon immer für Schlagzeilen und Gesprächsstoff. Nach dem Abtauen von Eis und Schnee sind auch die hässlichen Hinterlassenschaften der Vierbeiner freigelegt worden. Allerdings müsste diese Belästigung, zumindest der Statistik zufolge, auch seltener auftreten. Denn im Vorjahr nahm der Senat nur noch für 105 177 Tiere die Hundesteuer ein, 2008 wurden noch für 108 784 Hunde die Steuern gezahlt.
Übereinstimmend sagen die Abgeordnete Hämmerling und Tierheim-Sprecherin König, dass die Zahl der in Berlin gehaltenen Hunde auch wegen sozialer Nöte der Besitzer sinkt. Viele können sich die Steuern, das Futter und die Tierarzt-Kosten einfach nicht mehr leisten. Aber die Zahl der Beißattacken ist um ein Mehrfaches gesunken. Offenbar habe die öffentliche Debatte über die viel zu hohen Zahlen auch «zu mehr Verantwortung bei den Hundebesitzern geführt», sagt Hämmerling. Früher habe es doch oft verharmlosend geheißen: «Der tut nix, der will nur spielen.». Das höre man heute kaum noch.

Kommentare