BERLIN

31.03.2010 | Berlin (dpa)
Chef von Berliner Frauennothilfe-Verein verhaftet
«Emma»-Chefredakteurin Alice Schwarzer hat sich auch dieses Mal nicht täuschen lassen. Der Chef des Berliner Frauennothilfe-Vereins Hatun & Can wurde am Mittwoch in der Hauptstadt wegen Betrugsverdachts verhaftet. Schwarzer hatte mit ihrer Anzeige gegen den Mann die Ermittlungen in Gang gebracht. Die couragierte Frauenrechtlerin wollte wissen, was aus ihrer Spende von einer halben Million Euro wurde, die sie dem Verein im Vorjahr zukommen ließ. Schwarzer hatte nicht nur in Günther Jauchs RTL-Show «Wer wird Millionär» die richtigen Antworten parat, sondern auch die richtige Frage bei der Staatsanwaltschaft gestellt.
Was die Ermittler nun an Vorwürfen auflisten, sind keine Kleinigkeiten. Und es dürfte das Ende des gemeinnützigen Vereins bedeuten, der nach dem Ehrenmord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü mit dem hehren Ziel angetreten war, bedrohte Frauen vor Zwangsheirat oder Gewalt zu retten. Der Mord durch Sürücüs Bruder im Februar 2005 hatte bundesweit Entsetzen sowie eine Debatte über Parallelgesellschaften ausgelöst. Hatuns kleiner Sohn Can kam seinerzeit in die Obhut einer Pflegefamilie.
Die Spendengelder, über die sich der 2006 gegründete Verein finanzierte, sollten den hilfesuchenden Frauen zugute kommen und ihnen beispielsweise beim Untertauchen helfen, hatte der Vereinsgründer angekündigt. Mädchen und Frauen aus Einwandererfamilien sollte ein ähnliches Schicksal wie Hatun erspart bleiben. Es ist nicht der erste Fall in der Hauptstadt, in dem gemeinnützige Vereine durch ihre Führungskräfte ins Zwielicht geraten sind. Für bundesweit negative Schlagzeilen hatte auch die Maserati-Affäre bei der Treberhilfe gesorgt.

Nun wird dem 40-Jährigen vorgeworfen, Spenden überwiegend privat ausgegeben zu haben. Für Genussmittel, Schmuck, Elektrogeräte, die Wohnungs-Renovierung seiner Lebensgefährtin und den Urlaub in einem spanischen Fünf-Sterne-Hotel. Auch ein auf 60 000 Euro teurer und auf den Verein zugelassener Wagen sei ausschließlich privat genutzt worden, so Staatsanwalts-Sprecher Martin Steltner. Nach derzeitigem Ermittlungsstand liege der Betrugsschaden bei 114 000 Euro. Der Mann soll allein verfügungsbefugt für den Verein gewesen sein.
Die Ermittler schätzen ein, dass nur wenige Frauen tatsächlich Hilfe bekamen - aber nicht durch den Verein, sondern durch andere Hilfsorganisationen wie etwa den «Weissen Ring». Schon im Dezember 2009 waren bei einer Durchsuchungsaktion Vereinsunterlagen
beschlagnahmt und der große Jeep sichergestellt worden. Noch im Februar hatte der Anwalt des Vereins von haltlosen Verdächtigungen und widerlichen Gerüchten gesprochen. Am Mittwoch stellten Beamte des Landeskriminalamtes bei Durchsuchungen auch Beweismittel sicher.
Neben Alice Schwarzer hatten auch die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek und der Privatsender RTL Anzeigen gestellt. Schwarzer und Kelek hatten berichtet, dass sie immer wieder nachgefragt hatten, wie die Spende verwendet wurde. Doch eine befriedigende
Antwort hätten sie nicht bekommen. Schwarzer wollte das Geld zurückhaben und neu verteilen. Ob sie nun etwas von ihrer Spende wiedersieht, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft wollte sich dazu nicht äußern, sagte aber, es liege noch Geld auf bereits
eingefrorenen Bankkonten.
«Wir retten Leben», hatte der Vereinsgründer mit dem Brustton der Überzeugung noch 2007 gesagt. Der Mann nannte sich in der Öffentlichkeit Andreas Becker, seinen richtigen Namen wollte er nicht sagen. Das sei zu gefährlich, meinte er damals. Nahezu konspirativ arbeitete der Verein, ohne festes Büro und nur mit E-Mail-Adressen. Auf einem roten Flyer von Hatun & Can e.V., der 2007 verteilt wurde, steht eine Notruf-Handynummer ganz unten. Auf der Mitte des Blattes prangt die Konto-Nummer für die Spenden.




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