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BERLIN

 

Bierpinsel
Fotos
07.04.2010 | Berlin (dpa)

Sprayer am Bierpinsel - Wahrzeichen wird bunt

Ein wenig irritiert wirkten die Passanten schon. Vor allem ältere Menschen guckten ungläubig nach oben. Da zückte an der Fassade des Bierpinsels in Berlin-Steglitz, seit 35 Jahren Wahrzeichen an der Schloßstraße, der Streetart-Künstler «Flying Förtress» in knapp 50 Metern Höhe die erste Spraydose. Mit drei Kollegen will er den stark verblassten Turm in den kommenden sechs Wochen kunterbunt bemalen. 2000 Spraydosen stehen bereit. Den ersten «Pinselstrich» nahm «Flying Förtress» am Donnerstag vor. Rund 400 Zuschauer verfolgten den Start des Projekts «Turmkunst 2010».

Bisher war die Schloßstraße, beliebte Einkaufsstraße im Südwesten Berlins, nicht gerade für ausgefallene Kunstaktionen bekannt. Die Avantgarde der Popkultur trifft sich in Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain - nicht in Steglitz. Umso stolzer zeigte sich Larissa Laternser, die Leiterin des «Turmkunst»-Projekts, dass nun auch in ihrem Stadtteil etwas Neues passiert. «Wir verändern hier das Stadtbild», sagte die 28-Jährige begeistert.

Eigentlich stach der futuristisch anmutende Bierpinsel schon immer aus dem eher biederen Ambiente heraus. Anfang der 1970er Jahre wurde er nach den Plänen der Architekten Ralph Schüler und Ursula Schüler-Witte errichtet, die auch das an ein Raumschiff erinnernde Internationale Congress Centrum (ICC) entwarfen. Der Volksname Bierpinsel entstand, als der baumförmige Turm eröffnet und auf der Feier Freibier ausgeschenkt wurde.

In den folgenden Jahrzehnten beherbergte das Gebäude allerdings keine hippen Galerien oder Clubs, sondern Kneipen und Restaurants. Dann stand es jahrelang wegen Sanierungsarbeiten leer. Auch außen verblassten die roten Eternit-Platten mehr und mehr, so dass sich zuletzt interessierte kaum noch jemand für den einstigen Avantgarde-Bau interessierte. «Mein Ziel ist auch, dass die Leute wieder hoch gucken, wenn sie am Bierpinsel vorbeigehen», sagte Laternser.

Die Steglitzer jedenfalls sind gespannt, und stehen der Kunstaktion überraschend aufgeschlossen gegenüber. «Ich finde das nicht verkehrt», sagte Daniela Busch, die seit vielen Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bierpinsel wohnt. Sie sah dem Treiben von «Flying Förtress» am Donnerstag zusammen mit ihrer Mutter zu. So eine Aktion tue dem Bezirk gut, der vor allem vor der Wende «ganz schön spießig» gewesen sei, sagte Busch. «Das war eine reine Beamtengegend hier.»

Die vier Streetart-Künstler wollen bis Mitte Mai täglich von einer Gondel aus an der Fassade des Bierpinsels arbeiten. Am Ende sollen drei bunte Gesichter den in die Jahre gekommenen Turm neuen Glanz geben. Wie das moderne Kunstwerk ankommt, lässt sich noch nicht sagen. Laternser kann aber offenbar damit leben, wenn es einigen nicht gefallen sollte. Zwischendurch drohte sogar das Architektenpaar Schüler mit einer Klage. «Aber das ist ja immer so bei Kunst», sagte Laternser gelassen. Und ewig muss sich ohnehin keiner mit dem neuen Erscheinungsbild arrangieren: Der Bezirksverwaltung sicherte sie zu, dass die gesprayten Gesichter nach einem Jahr wieder verschwinden und der Bierpinsel sein gewohntes Rot zurückerhält.

 

www.turmkunst.de

Besucherinfo

Arbeits-/Öffnungszeiten:
Die Künstler arbeiten Mo - Fr zwischen 10:00 und 18:00 Uhr und Sa und So ab 12:00 Uhr. Das Kunstkaffee hat täglich ab 12:00 Uhr geöffnet.

Kunstkaffee: Vernissage der Vicious Gallery mit Werken von:
Craig 'KR' Costello/ New York - Dave Decat/ Brüssel - Dave the Chimp/ Berlin Form 76/ Hamburg - Flying Fortress/ Hamburg - Honet/ Paris Keramik/ Wien - Mr. Nonski/ Hamburg - Nils Kasiske/ Hamburg Poch/ Rennes - Sozyone Gonzalez/ Alicante - Stak/ Paris - Stefan Strumbel/ Offenburg

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