BERLIN

14.04.2010 | Berlin (dpa/bb)
Luftschloss Berliner Riesenrad - Justiz ermittelt
Das Berliner Riesenrad bleibt ein Luftschloss. Der Baubeginn wurde bereits drei Mal hinausgeschoben, und jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue gegen drei Manager der Riesenrad-Betreiber. Ähnlich wie das «London Eye» sollte die Attraktion Touristenmassen aus der ganzen Welt in das Herz der West-City Berlins nahe Kurfürstendamm und Zoo locken. Doch nun geht es um verschwundene Millionen. Anleger fühlen sich betrogen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa sollen bis zu zehn Millionen Euro der Anleger in Länder des Fernen Ostens geflossen sein. Banken streiten sich außerdem mit weltweit operierenden Investoren um die Einlagen und Entschädigungen in Millionenhöhe.

Staatsanwalt Martin Steltner sagte, es bestehe der begründete Verdacht der Untreue. Es lägen unter anderem «fingierte Verträge» vor. Das Riesenrad sollte 120 Millionen Euro kosten und in einer inzwischen um 10 Meter abgespeckten Version als Europas größtes Aussichtsrad noch 175 Meter hoch werden. Die Great Berlin Wheel GmbH rechnete mit zwei Millionen Fahrgästen pro Jahr.
Das Berliner Riesenrad sollte im Verbund mit ebenfalls geplanten Aussichtsrädern in Peking und Orlando (Florida) entstehen. Fonds-Gesellschaften wollten bis zu 350 Millionen Euro von internationalen Investoren einsammeln. Doch in Berlin stiegen die Kosten wegen besonderer Umstände rasch und enorm. Der Zoologische Garten erhielt zum Beispiel aus den Fonds rund 23 Millionen Euro für das Grundstück, auf dem das Riesenrad in die Höhe wachsen sollte. Auch der Abriss des dort noch stehenden Zoo-Wirtschaftshofs kam nach Asbestfunden deutlich teurer als geplant.
Dabei hatte 2007 alles ganz harmlos angefangen. Proteste von Tierschützern, die durch die sich drehenden Passagiergondeln den lebhaften Vogelflug über der Innenstadt ebenso gefährdet sahen wie das Zeugungsverhalten der nur 50 Meter weiter wohnenden Nashörner und Dromedare im Zoo, konnten ausgeräumt werden. In einer internationalen Pressekonferenz stellte Wheel-Geschäftsführer Michael Waiser im Juni 2007 das Rad mit seiner schnittigen Abflughalle stolzgeschwellt als «neues Wahrzeichen Berlins» vor.

Doch schon 2008 und spätestens 2009 stellte sich heraus, dass die Kontenstände der Fonds für alle drei Räder in Europa, Asien und Amerika vorne und hinten nicht ausreichten. Die Anleger wurden zunehmend unruhig, weil Verzinsung und Gewinne in immer weitere Ferne rückten. Am Berliner Riesenrad wurde dann zuerst gespart: Es schrumpfte auf den Reißbrettern der Planer von 185 auf 175 Meter, und die pompöse Empfangshalle ähnelte bald einem ganz normalen S-Bahnhof-Entree. Auch die auf dem Weltmarkt explodierten Stahlpreise dampften das Projekt ein, statt 6500 Tonnen sollten nur noch 4500 Tonnen Stahl verarbeitet werden.
Als es dann endlich doch losgehen sollte, verschärften die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise die Lage. Investoren waren nicht mehr bereit, viele Millionen Euro oder Dollar nachzuschießen. Den Banken waren angesichts steigender Unsicherheit auf den Finanzmärkten auch kein Großkredit mehr zu entlocken. Im August 2009 wurde bekannt, dass der internationale Riesenrad-Fonds «Global View» auf der Suche nach weiteren 70 Millionen Euro war.

Die Fondsgesellschaft DBM Fonds Invest versicherte ebenfalls im August des Vorjahres zwar noch einmal auf einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung in Frankfurt/Main, dass die Liquidität «bis auf weiteres» gesichert sei. Doch im Hintergrund schmiedeten die Banken schon andere Pläne und schickten an die Anleger Briefe mit Entschädigungs-Angeboten in Höhe von 40 bis 60 Prozent der Investitionen.
Diese krisenhafte Entwicklung ließ schon kaum noch Hoffnung auf Realisierung des gigantischen Touristenmagneten. Der endgültige Rad-Stopp droht nun durch das Eingreifen der Staatsanwaltschaft nach Strafanzeigen von Anlegern, die sich geprellt fühlten. Staatsanwalt Steltner kündigte in Berlin an, dass jetzt die Justiz die meiste Arbeit hat, denn es gehe «um arg verschachtelte Systeme». Der Bauplatz am Zoo liegt brach, aus dem Boden wächst im Frühjahr der erste Löwenzahn.




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