BERLIN

22.04.2010 | Berlin (dpa)
Abgeordnetenhaus debattiert über Schulvergleichstests
Die umstrittenen Schul-Vergleichstests für Drittklässler (VERA) beschäftigen an diesem Donnerstag auch das Berliner Abgeordnetenhaus. Die oppositionelle CDU-Fraktion will dabei besonders die Situation und Ausstattung der Grundschulen zum Thema machen. Unter dem auf Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) anspielenden Titel «Nicht VERA muss weg, sondern Jürgen» gibt die CDU dem rot-roten Senat die Schuld an der «jahrelangen Vernachlässigung der Grundschulen». Die CDU kritisiert ebenso wie der Verband der Grundschullehrer, dass besonders an Grundschulen in Problemvierteln mit einem sehr hohen Anteil an Zuwandererkindern Lehrer und Sachmittel fehlten.
Mehr als 1000 Lehrer aus der Initiative Grundschule in sozialen Brennpunkten hatten in der vergangenen Woche in einem Brief an Zöllner gefordert, die Vergleichstests abzuschaffen. In der Woche vom 28. April bis zum 6. Mai sollen die Fähigkeiten aller Berliner Grundschüler im Lesen, Rechtschreibung und Mathematik getestet werden. Die Lehrer befürchten, dass die Mehrheit der Schüler wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnisse mit den Fragen überfordert ist und durch schlechte Testergebnisse frustriert wird. Die Initiative verzichtete am Montag auf einen Boykott, erwartet aber, dass eine Reihe von Lehrern die Vergleichsarbeiten nicht schreiben lässt. Zöllner hält an den bundesweiten Tests fest.

Die Abgeordneten beraten auf Antrag der SPD ferner über eine Änderung der Bauordnung und des Berliner Denkmalschutzes. Mit der vorgelegten Gesetzesnovelle will Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) großflächige Werbeplakate an Baugerüsten wieder einschränken. Die Riesenposter wirkten sich negativ auf das Stadtbild aus, heißt es in der Begründung. Unter anderem dürfen große Werbeplakate nur noch für die Dauer von sechs Monaten an Baugerüsten angebracht werden.
Auch eine Änderung des umstrittenen Straßenausbaubeitragsgesetzes steht auf der Tagesordnung. Danach sollen künftig sehr lange Straßen in Teilstrecken unterteilt werden, wenn sie auch visuell zum Beispiel durch einen Kreisverkehr unterbrochen werden. Finanziell am Ausbau sollen sich dann nur die Anlieger dieser mindestens 200 Meter langen Teilstrecken beteiligen müssen. So soll gewährleistet werden, dass der Ausbau langer Straßen rechtlich richtig abgerechnet wird.

13.04.2010 | Berlin (dpa)
Wieder ein Brandbrief: Neue Debatte um Berliner Schule
Wieder hat ein Brandbrief von Lehrern zu massiven Problemen an Berliner Schulen eine politische Grundsatzdebatte ausgelöst. Das Signal dazu haben mehr als 1000 Schulleiter, Lehrer, Erzieher und Mitarbeiter von arabischen und türkischen Initiativen mit ihrer am Montag bekanntgewordenen Forderung gegeben, die Vergleichstests für Drittklässler in Mathematik und Deutsch abzuschaffen. Sie glauben, dass die Kinder, die bei hohem Ausländeranteil oft Sprachprobleme haben, mit den Tests überfordert sind, schlecht abschneiden und frustriert zurückbleiben.
Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht sich nun von allen Seiten mit Forderungen nach mehr Personal in den Schulen und einer qualitativ deutlich besseren Förderung der Schüler in sozialen Brennpunkten mit hohem Ausländeranteil konfrontiert. Ein Sprecher der Schulverwaltung hatte am Montagabend betont, es bleibe bei den Tests. Zu den konkreten Mahnungen der Briefunterzeichner gab es am Dienstag zunächst keine Äußerung des Senats.
Brandbriefe von Lehrern zum Beispiel in der Thomas-Morus-Schule nach dem «Ehrenmord» an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü und in der Rütli-Schule (beide Neukölln) als Kapitulation vor zunehmender Gewalt im Unterricht und Schulhof hatten wiederholt Aufsehen erregt. Auf die nach wie vor äußerst schwierige Lage an vielen Berliner Schulen hatten kürzlich auch Tempelhofer Lehrer in einem Offenen Brief hingewiesen, in dem sie beklagt hatten, dass trotz ihrer Appelle und Warnungen so gut wie nichts in den vergangenen Jahren geschehen sei. Doch so viel Pädagogen wie im aktuellen Fall standen noch nie hinter einem der Hilferufe an den Senat und letztlich die Gesellschaft. Die Kinder würden mit den Tests hoffnungslos überfordert und letztlich «alleingelassen», lautet der Vorwurf der Pädagogen.

«Unsere Schüler können die Texte und Fragen der Deutscharbeiten in der vorgegebenen Zeit nicht oder nur unvollständig durchdringen», schreiben die Lehrer. Die Kinder würden in der 3. Klasse vor unlösbare Aufgaben gestellt. Die Tests kamen bundesweit auf Empfehlung der Kultusministerkonferenz seit 2007 zustande und sollen in Berlin Ende April/Anfang Mai geschrieben werden. Der Protest dagegen gründet sich auf die Initiative «Grundschule in sozialen Brennpunkten». Ihr gehören nach eigenen Angaben Lehrer und Erzieher in den Stadtteilen Mitte, Tiergarten, Wedding, Friedrichshain/Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof/Schöneberg an.
Die Bildungsgewerkschaft GEW hat am Dienstag mit Forderungen an den Senat nach deutlich mehr Lehrern und verstärkter Sprachförderung an Schulen mit besonders hohem Ausländeranteil reagiert. Die Landesvorsitzende Rose-Marie Seggelke sagte der dpa: «Die Lehrer beklagen völlig zu Recht die schlechte Personalausstattung. Für solche Tests müssen alle Kinder den Test auch verstehen und bestehen können, sonst gibt es nur Frust bei Lehrern und Schülern.»
Der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne bezeichnete die Tests als «völlig ungeeignetes Instrument». Die Kinder in Neukölln seien ja «nicht dümmer oder blöder», es müsste aber mit mehr individueller Förderung sichergestellt sein, dass sie durch einen qualitativ guten Unterricht nicht auf der Strecke bleiben. Der jetzige Test sei angesichts der Realität zum Beispiel wegen der Sprachprobleme «ein irgendwie abstrakter Vergleich, der niemand nutzt».

Der Neuköllner Schulstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) sagte, es nutze gar nichts, «am Ende erneut zu erfahren, dass wir wieder hinten sind». Vielmehr müsse der Senat Voraussetzungen schaffen, dass die Tests als objektiv angesehen werden könnten. Zur Zeit seien sie im Ergebnis auch deshalb verfälscht, weil «viele Lehrer ihren Schülern liebevoll nachhelfen und die Tests vorab einüben». Schimmang sagte: «Das Pädagogenherz ist weich.»
Der schulpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Özcan Mutlu, bezeichnete den Frust bei Schülern und Lehrerschaft als verständlich. Dem Senat sei vorzuwerfen, in den vergangenen Jahren nie die nötigen Konsequenzen gezogen zu haben. Es müsse mehr Personal eingesetzt werden, für Fort- und Weiterbildung gesorgt werden, die Lehrer-Ausbildung müsse generell verbessert werden. Für die SPD sagte die Parlamentarierin Felicitas Tesch, Berlin solle sich «nicht ausklinken» aus den Tests. Es wäre schon wichtig, auch in den Schulen im Vergleich mit anderen Ländern genau darauf zu sehen, «wie es aussieht in der Stadt».
Die Schul-Politikerin der FDP, Mieke Senftleben, sprach sich für die Tests aus. Eine Lehrkraft, die die Tests abschaffen wolle, gleiche «einem Arzt, der auf Diangosen verzichtet». Die bisherigen Ergebnisse zeigten eine bittere Realität und seien eine schallende Ohrfeige für den rot-roten Senat.




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