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BERLIN

 

04.05.2010 |  Neuruppin/Berlin (dpa)

Angeklagter Polizist: Tödlicher Schuss war Notwehr

 

Empörung macht sich breit auf den Zuschauerbänken, als der angeklagte Polizist seine Unschuld beteuert und sich auf Notwehr beruft. Der erste Tag des Prozesses um den tödlichen Schuss des Berliner Fahnders auf einen Kleinkriminellen verlief in emotionaler Atmosphäre. Der Hauptangeklagte verteidigte seine Schüsse am Dienstag vor dem Landgericht Neuruppin mit dem Hinweis auf Gefahr für ihn und seine zwei Kollegen. Die beiden anderen Polizisten blieben bei ihrer Aussage, dass sie nichts bemerkten. Freunde und Verwandte des 26-jährigen Autodiebs und Einbrechers aus Berlin-Neukölln, der Silvester 2008 von dem
Polizisten erschossen wurde, protestierten lautstark.

Dem Hauptangeklagten wird Totschlag vorgeworfen. Von einem Verteidiger ließ er eine Erklärung zu den Ereignissen vor 16 Monaten im brandenburgischen Schönfließ vorlesen. Es habe «eine gewaltige Gefahr für Leib und Leben für meine Kollegen und mich» bestanden, hieß es in dem kurzen Text. «Der Einsatz endete tragisch. Ich bedaure dies zutiefst.» Der tödliche Ausgang der versuchten Festnahme sei eine große Belastung für ihn.

Die beiden anderen Polizisten sind wegen versuchter Strafvereitelung angeklagt. Sie sollen ihren Kollegen mit falschen Aussagen geschützt haben. Der Anwalt des zweiten Polizisten las ebenfalls eine Erklärung vor, nach der sein Mandant nur ein Mündungsfeuer gesehen habe. Danach hätten bereits Silvesterböller in der Umgebung geknallt, so dass ihm Schüsse nicht aufgefallen seien. Weil er Pistolenschüsse nur durch Kopfhörer vom Schießstand her kenne, könne er die Knallgeräusche nicht unterscheiden. Der dritte Polizist saß im Auto und sah und hörte nach eigenen Angaben ebenfalls nichts. Er betonte in einer Erklärung: «Ich habe zu keinem Zeitpunkt unwahre Angaben gemacht.»

Einige Zuschauer aus dem Freundes- und Verwandtenkreis empörten sich. «Die lügen doch alle», rief jemand. Ein anderer: «Das stimmt doch alles gar nicht.» Der Richter verwarnte die Rufer und drohte, sie aus dem Saal zu weisen. Die Mutter des Toten hatte schon zu Beginn der Verhandlung die Todesstrafe für den Schützen gefordert.

Laut Anklageschrift versuchten die drei Polizisten, den gesuchten Kriminellen vor dem Haus seiner Freundin in Schönfließ festzunehmen. Beim ersten Versuch entkam der junge Mann in seinem gestohlenen Jaguar, kehrte aber zurück. Kurz darauf schlugen die Fahnder erneut zu. Sie versuchten den Jaguar, in dem der Gesuchte saß, zu blockieren. Die Autotüren ließen sich aber nicht öffnen.

Der Hauptangeklagte ging laut Staatsanwaltschaft daraufhin zur Fahrertür. Er rüttelte am Türgriff - und schoss zum ersten Mal. Die Kugel durchschlug demnach die Autoscheibe und blieb in der Lunge des Fahrers stecken. Trotz seiner schweren Verletzung startete der unter Kokain stehende Mann noch den Motor, fuhr vor, setzte wieder zurück, gab Gas und knallt einige Meter weiter in parkende Autos. Der Polizist feuerte noch siebenmal und traf mehrfach den Jaguar. Der Angeschossene, der ein Messer und Reizgas bei sich hatte, verblutete am Steuer.

Die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Nebenkläger kritisierten, dass die drei Polizisten nach der Tat und vor ihrer Vernehmung durch die brandenburgische Polizei mindestens zwei Stunden zusammen in einer Wache in Hennigsdorf gewartet und so Zeit zur Absprache gehabt hätten. Das schilderte zuvor ein Hennigsdorfer Polizeikommissar als Zeuge.

Bei einem Ortstermin am Abend wollte sich das Gericht ein Bild vom Tatort machen. Umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen begleiteten den Prozessauftakt. Vor dem Gericht standen Polizisten, im Saal saßen Kripobeamte in Zivil mit Funksteckern im Ohr. Der Fall hatte Anfang 2009 für großes Aufsehen gesorgt. Auf einer Demonstration durch Neukölln forderten damals Freunde und Angehörige des Toten «Gerechtigkeit».

Der Prozess wird am 20. Mai fortgesetzt. Bislang sind insgesamt neun Verhandlungstage bis Mitte Juni geplant. 15 Zeugen und 5 Sachverständige sind geladen.

Fotonachweis - BILD 1: Der Hauptangeklagte Zivilfahnder Reinhard R. (M.) steht am Dienstag (04.05.2010) mit seinen Anwälten Walter Venedey (l.) und C. Mark Höfler (r.) zum Prozessbeginn im Verhandlungssaal am Landgericht Neuruppin (Brandenburg). Der Hauptangeklagte verteidigte sich mit dem Hinweis auf Notwehr. Seine beiden Kollegen blieben bei ihrer Aussage, dass sie nichts bemerkten, als dieser einen 26-jährigen Autodieb und Einbrecher aus Berlin-Neukölln im brandenburgischen Schönfließ bei Berlin am Silvesterabend 2008 erschossen hat. Gegen den Hauptangeklagten, der zusammen mit zwei weiteren Zivilfahndern im Einsatz war, wird wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt. Foto: dpa picture-alliance

 

Fotonachweis - ARCHIVBILD 2: Ein Kriminalbeamter blickt in Schönfließ bei Berlin in das Auto, in dem am Silvesterabend ein gesuchter Straftäter erschossen wurde (Foto vom 07.01.2009). 16 Monate nach dem tödlichen Schuss eines Berliner Polizisten auf einen Kleinkriminellen in Brandenburg hat am Dienstag (04.05.2010) der Prozess begonnen. Vor dem Landgericht Neuruppin müssen sich drei Polizisten verantworten. Foto: dpa picture-alliance

 

Fotonachweis - ARCHIVBILD 3: Kriminalbeamte stehen in Schönfließ bei Berlin neben dem Auto, in dem am Silvesterabend ein gesuchter Straftäter erschossen wurde (Foto vom 07.01.2009). 16 Monate nach dem tödlichen Schuss eines Berliner Polizisten auf einen Kleinkriminellen in Brandenburg hat am Dienstag (04.05.2010) der Prozess begonnen. Vor dem Landgericht Neuruppin müssen sich drei Polizisten verantworten. Foto: dpa picture-alliance

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