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BERLIN

 

20.05.2010 | Neuruppin/Berlin

Tödliche Polizeischüsse - Zeugen: Keine Notwehr

Die tödlichen Schüsse eines Berliner Polizisten auf einen Autodieb in Schönfließ (Brandenburg) wurden nach Zeugenaussagen nicht aus Notwehr abgefeuert. Vor dem Landgericht Neuruppin widersprachen am Donnerstag zwei Mädchen aus der Nachbarschaft der Tatversion des angeklagten Kriminalpolizisten vom Silvesterabend 2008.

Der erste Schuss des Polizisten sei gefallen, als das Auto, in dem das von den Fahndern gesuchte Opfer saß, noch mit ausgeschaltetem Motor stand, sagten die beiden Schwestern. Erst dann habe der schwerverletzte Fahrer den Motor gestartet und sei noch losgefahren.

Der Polizist hatte sich auf Notwehr berufen, weil der Verdächtige ihn und seine Kollegen umfahren wollte. Der aus Berlin-Neukölln stammende 26-jährige Autodieb und Einbrecher war den Fahndern zuvor mehrmals entkommen. Die Todesschüsse hatten für großes Aufsehen gesorgt.

Die 15-jährige Zeugin sagte aus, sie habe zusammen mit ihrer Schwester beobachtet, wie Männer neben dem Auto standen. Es habe Gebrüll gegeben, es habe einen Knall gegeben und das Auto sei losgefahren. Sie habe dann die kaputte Seitenscheibe gesehen. Einer  der Polizisten sei dann zu ihnen gekommen und habe in drohendem undaggressiven Ton gefragt, ob sie etwas gesehen hätten, berichtete das Mädchen. «Wir hatten Angst und haben gesagt, dass wir nichts gesehen haben.»


Die 15-Jährige und ihre 16-jährige Schwester widersprachen auch den Aussagen der beiden anderen Polizisten. Die beiden Kollegen des Todesschützen hatten gesagt, sie hätten wegen knallender Silvesterböller in der Nähe nichts gehört. Sie sind wegen versuchter Strafvereitelung angeklagt, weil sie gelogen haben sollen. Die Mädchen sagten nun, sie hätten keine Knaller gehört. «Es war ganz ruhig.» Ihnen sei als Beobachterinnen sofort klar gewesen, dass die Knallgeräusche Schüsse seien. Weitere Zeugen sollten am Nachmittag aussagen.


Laut Anklage versuchten die drei Polizisten, den gesuchten Kriminellen vor dem Haus seiner Freundin festzunehmen. Sie wollten den Jaguar, in dem der Verdächtige saß, mit ihrem Auto zu blockieren. Der hauptangeklagte Beamte rüttelte laut Staatsanwaltschaft am Türgriff des Jaguars. Dann schoss er durch die Seitenscheibe. Die Kugel blieb in der Lunge des Fahrers stecken.

Trotz der schweren Verletzung startete der unter Kokain stehende Mann den Motor, fuhr vor, setzte wieder zurück, gab Gas und rammte einige Meter weiter parkende Autos. Der Polizist feuerte noch siebenmal und traf mehrfach das Auto. Der Angeschossene, der ein Messer und Reizgas bei sich hatte, verblutete am Steuer.

Ein Verteidiger des Polizisten las am ersten Verhandlungstag Anfang Mai eine Erklärung vor, in der der Angeklagte argumentierte, es habe «eine gewaltige Gefahr für Leib und Leben für meine Kollegen und mich» bestanden.

Die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Nebenkläger kritisierten damals, dass die drei Polizisten nach der Tat und vor ihrer Vernehmung durch die brandenburgische Polizei mindestens zwei Stunden zusammen in einer Wache in Hennigsdorf gewartet und so Zeit zur Absprache gehabt hätten. In den nächsten Wochen sollen weitere Zeugen und fünf Sachverständige aussagen.

Quelle: dpa

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