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BERLIN

 

Das Ende der Geduld

von Kirsten Heisig

 

Seiten: 208 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-451-30204-6
Verlag: Verlag Herder

 

www.herder.de

 

Erscheinung: 26. Juli 2010

Preis: 14,95 Euro

 

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Die Gewalttäter werden jünger, brutaler, skrupelloser und die Gesellschaft mit diesem Problem hilfloser. Die Berliner Jugendrichterin Kisten Heisig war nicht bereit, das hinzunehmen. So wollte sie nicht akzeptieren, dass bei Jugendlichen zwischen Straftat und Gerichtsverhandlung viele Monate vergehen und entwickelte das Neuköllner Modell. Hier findet nach einfachen Delikten von Jugendlichen innerhalb von drei Wochen die Gerichtsverhandlung statt. Die schnellen Strafen haben damit einen größeren Wirkungseffekt bei Tätern und Opfern. In ihrem Buch »Das Ende der Geduld« erläutert sie das Modell und deren Durchsetzungsweg, beschreibt Lebensläufe jungendlicher Krimineller, schildert Straftaten und Verfahren, benennt die Situationen an Schulen, Jugendämtern und der Polizei. Heisig liefert Fakten und aber auch Lösungsvorschläge, wie z.B. die Vernetzung von Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt, Schulen, Behörden, Institutionen und Eltern funktionieren sollte. Dabei wirft sie auch einen vergleichenden Blick ins europäische Ausland. Im ihrem Buch fordert die Richterin die Beseitigung von Handlungsdefiziten und eine ehrliche und notwendige Debatte in der Bekämpfung von Jugendkriminalität. Kirsten Heisig verstarb unerwartet Ende Juni 2010 in Berlin.

26.07.2010 | Berlin

«Das Ende der Geduld»: Ein Buch als Vermächtnis

Selbst im Knast prügeln Yilmaz und Hussein weiter. Auch hinter Gittern haben sie Handys und Cannabis - aber null Mitleid mit ihren Opfern. Zur Schule gingen die jungen Kriminellen nur gelegentlich. Es sind keine Einzelfälle, die die bundesweit bekannte Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig in ihrem Buch «Das Ende der Geduld» beschreibt.

 

Rund drei Wochen nach dem Tod der 48-Jährigen, die sich das Leben nahm, ist jetzt ihr harter Alltagsbericht über den Kampf gegen Jugendkriminalität erschienen. Immer brutalere Attacken von Jugendlichen ohne jegliche Hemmschwelle seien ein Problem in vielen Großstädten, schrieb Heisig.

 

Als Richterin war sie für den Berliner Problemkiez Neukölln mit einem großen Ausländeranteil und hoher Arbeitslosigkeit zuständig. Heisig initiierte das Neuköllner Modell, nach dem junge Kriminelle in beschleunigten Prozessen verurteilt und zur Vernunft gebracht werden sollen. Es war ihre Mission. Heisig glaubte an Auswege, Besserung und Zusammenarbeit. Doch gehörte wohl eine große Portion Leidensfähigkeit dazu, an manchen Tagen fast im Stundentakt Straftäter vor sich im Gericht zu haben und daneben in Vereinen und Schulen für Integration zu werben. Die Gründe für ihren Selbstmord sollen aber im persönlichen Bereich liegen.

Die meisten der rund 550 bei der Berliner Staatsanwaltschaft registrierten Intensivtäter (mindestens zehn Straftaten im Jahr) sind in Neukölln unterwegs und haben einen Migrationshintergrund, schrieb Heisig. Die Jungen würden von ihren Müttern extrem verwöhnt, bekämen keine Grenzen gesetzt. Die türkischen oder arabischen Eltern suchten die Schuld für Fehlentwicklungen meist im deutschen System.

 

«Schwer kriminelle Jugendliche können durch elterliches Versagen und unter den Augen der geduldig abwartenden staatlichen Institutionen heranwachsen», stellte Heisig fest. Die Richter seien am Ende dieser Kette nur eine Art Reparaturbetrieb - mit mäßigem Erfolg. Doch frühere oder höhere Strafen würden nicht helfen, denn Gefängnis mache junge Menschen nicht besser.

 

Die drastische und zum Teil pauschalisierende Analyse der leidenschaftlichen Juristin hat bereits kontroverse Debatten ausgelöst - wie die über geschlossene Heime, wofür auch Heisig plädierte: «Alles andere ist pseudoliberale Heuchelei.» Mit Widerspruch hatte Heisig schon beim Schreiben des Buches gerechnet, wie sie der Nachrichtenagentur dpa gesagt hatte.

 

Just dieser Tage wurde in Berlin zum wiederholten Male ein elf Jahre alter Drogendealer gefasst. Da er noch nicht 14 ist, kann er nicht bestraft werden. Die Behörden würden zusehen, wie dafür Kinder und Jugendliche aus palästinensischen Flüchtlingslagern in die Bundesrepublik geschleust würden, kritisierte Heisig. Der Handel mit harten Drogen sei in vielen Teilen Deutschlands fest in der Hand arabischer Großfamilien, die eigentlich libanesische Kurden seien.

Es gebe Zuwanderer, die nie vorhatten, sich in Deutschland einzufügen, sondern schon immer in parallelen, kriminellen Strukturen lebten und die deutsche Werteordnung verachteten, so Heisig, die von Kritikern als «Richterin Gnadenlos» bezeichnet wurde. «Integration ist ein Vertrag auf Gegenseitigkeit.» Der Sozialstaat sei kein Selbstbedienungsladen ohne Gegenleistung. Das Erlernen der deutschen Sprache müsste als Verpflichtung festgeschrieben werden, forderte Heisig. «Wer hierfür plädierte, wurde jedoch schnell der Zwangsgermanisierung bezichtigt.»

 

Mit staatlichen Institutionen ging Heisig, der ihr Erfolg auch zu schaffen machte, hart ins Gericht. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der an den Problemen bewusst vorbeigeschaut wird: aus Tradition seitens der Zuwanderer, aus Bequemlichkeit und Angst seitens der Deutschen.» Vieles in der Prävention sei auf halbem Wege stehen geblieben, eine Einrichtung warte auf die Reaktion der anderen. Dabei sei Kooperation das A und O. Auf der anderen Seite gebe es zu viele Kurse und Trainings für Gewalttäter nach dem Motto «Viel hilft viel», selbst Richter hätten keinen Überblick mehr.

 

Für Heisig ist mangelnde Bildung eine Hauptursache von Jugendkriminalität. Jugendamt, Schule und Eltern müssten dafür sorgen, dass die Heranwachsenden zur Schule gingen, appellierte Heisig, die zwei Töchter hinterließ. Wenn Eltern nicht kooperieren, sollten Bußgelder verhängt oder das Kindergeld gekürzt werden.

 

Ob das Vermächtnis der Richterin Veränderungen anstößt, wird sich zeigen. «Wir müssen uns gemeinsam Gedanken darüber machen, wie es in dieser Gesellschaft weitergehen soll. Und wir müssen handeln. Jetzt», mahnte sie. Die Debatte werde auch schmerzhaft sein. «Deutschland wird sie aushalten - und mich auch», hatte Heisig noch geschrieben.

 

Quelle: dpa

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