BERLIN

30.06.2011 | Berlin
«Gott ist immer größer»: Berliner Kardinal Sterzinsky tot
Er gehörte zu den eher leisen Purpurträgern: Der frühere Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, drängte sich ungern in den Vordergrund. «Gott ist immer größer» hatte er sich als Leitmotto ausgewählt. Sterzinsky, der Bischof in der ostdeutschenDiaspora, ist am Donnerstag im Alter von 75 Jahren nach langem Leiden gestorben. Schon zweimal war er operiert worden, seit längerer Zeit lag er im Krankenhaus.
Die Todesnachricht erreicht das Bistum in einem heiklen Moment. In diesen Tagen soll Sterzinskys Nachfolger im Bischofsamtbekanntgegeben werden. Die Suche hatte bereits vor einigen Monaten begonnen, nachdem Sterzinskys Rücktrittsersuchen vom Papst angenommen worden war. Am 22. September kommt Benedikt XVI. in die Stadt.

Vor Erreichen seines Pensionierungsalters am 9. Februar hatte Sterzinsky sein Rücktrittsersuchen an den Vatikan geschickt.Angesichts seines fragilen Zustands hatte der Papst die Bitte angenommen. Sterzinsky hätte Gastgeber des Papstes in Berlin sein können, wie schon beim Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1996. Er hatte dem Konklave angehört, das Joseph Ratzinger zum Papst wählte.
Mehr als 20 Jahre hatte der Ostpreuße in Berlin die Geschicke des Bistums mit knapp 400 000 Katholiken geleitet. Als Oberhirte zwischen Ostsee und Spreewald hatte er sich in einer Welt von Protestanten, Muslimen und Nicht-Religiösen behaupten und zwischen den Mentalitäten der Katholiken im Osten und Westen der Stadt vermitteln müssen. Im schrillen Berlin wirkte der eher stille Sterzinsky wie ein Ruhepol.
Die große Kirchenpolitik war Sterzinskys Sache nicht. Er wirkte vor allem pastoral. Als Nachfolger des heutigen Kölner Erzbischofs, Kardinal Joachim Meisner, schätzen die Menschen vor allem seinen persönlichen Ton. In Berlin wurden von Sterzinsky Akzente in der Migrations- und Asylpolitik gefordert. Hier plädierte er für eine «Balance zwischen dem Aufbau einer Parallelgesellschaft und vollständiger Assimilation». Gesellschaftspolitisch profilierte sich der Kardinal im Kampf gegen das Unterrichtsfach LER (Lebenskunde, Ethik, Religion) als Ersatz für den Religionsunterricht.

Die hohe Verschuldung des Erzbistums Berlin wurde Sterzinsky mit angelastet, weil er nicht rechtzeitig gegengesteuert habe. In einem offenen Brief übernahm der Oberhirte die Verantwortung für die Finanzmisere und entschuldigte sich. Der sehr harte Sparkurs führte im Erzbistum zu Personalabbau und herben Einschnitten.
Zu DDR-Zeiten hatte Sterzinsky als Seelsorger, Geistlicher und Würdenträger die Verhältnisse im sozialistischen Staat mit ins Kalkül ziehen müssen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit in der DDR betrieb er dann mit Fingerspitzengefühl, räumte auch Fehler ein. Die Kirche habe sich zwar klar gegen den Staat abgegrenzt, allerdings oft zu zaghaft.
Der am 9. Februar 1936 im ostpreußischen Warlack geborene und in der DDR aufgewachsene Theologe wurde 1960 zum Priester geweiht. Nach Stationen in Erfurt und Heiligenstadt übernahm Sterzinsky mit nur 30Jahren 1966 die Gemeinde St. Johannes Baptist in Jena, eine der größten Pfarrgemeinden der DDR. Als er 1981 zum Apostolischen Verwalter für das grenznahe Kirchengebiet Erfurt-Meiningen ernannt wurde, übernahm er ein Amt, das direkt von der deutschen Teilung gezeichnet war.
Als Mitglied der Berliner Bischofskonferenz führte er Verhandlungen mit den DDR-Behörden. Seinen Weg nach Berlin fandSterzinsky, als Kardinal Meisner von Papst Johannes Paul II. Ende 1988 nach Köln berufen wurde. Am 25. Juni 1989 wurde Sterzinsky zum neuen Bischof der dann nur noch wenige Monate geteilten Stadt ernannt, zwei Jahre später wurde er Kardinal.




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