DEUTSCHLAND/WELT


09.08.2011 | Frankfurt/Main
Entspannung nach abgesagtem Fluglotsenstreik
Nach der kurzfristigen Absage des Fluglotsenstreiks ist der Flugverkehr in Deutschland am Dienstag weitgehend störungsfrei geblieben. Die zuvor auf die Folter gespannten Passagiere konnten aufatmen und ihre Reisepläne umsetzen.
Flughäfen, die Deutsche Flugsicherung (DFS) wie auch die Lufthansa berichteten nur von vereinzelten Verschiebungen, die teils auf Sonderflugpläne zurückzuführen waren. Nach Mitternacht und damit keine sechs Stunden vor dem geplanten Streikbeginn hatte die DFS den Schlichter angerufen und damit eine sofortige Friedenspflicht der Lotsen ausgelöst.

Zuvor hatten die Arbeitsgerichte in Frankfurt in zwei Instanzen die von der DFS angegriffenen Streikziele der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) für rechtmäßig erklärt. Viele Passagiere verfolgten die Ereignisse in der Nacht und zeigten sich am Reisetag erleichtert. Sie kritisierten beide Seiten für die lange Ungewissheit.
Als Schlichter agiert der Münchner Arbeitsrechtler Prof. Volker Rieble, der nun eine Woche Zeit hat, einen ersten Termin mit den Streithähnen zu vereinbaren. Die Schlichtung wird nach Einschätzung beider Seiten mindestens vier Wochen dauern, so dass für die Ferien mit keinen weiteren Aktionen mehr zu rechnen ist.
Wie ein Sprecher des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport berichtete, war am Morgen alles «fast normal, abgesehen von einigen Ausreißern». Bei den «Ausreißern» handele es sich um 30 bis 40 Flüge, die am Montag von den Fluggesellschaften aus der angekündigten Streikzeit zwischen 06.00 und 12.00 Uhr herausverlegt worden seien. Auch in München hieß es: «Bei uns läuft alles weitgehend nach Plan.» Lediglich ein Dutzend Maschinen vor allem aus Übersee seien von der Streikankündigung betroffen und würden nun mit Verspätungen landen, sagte ein Flughafensprecher.

Der Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), Matthias Maas, sagte: «Kein Lotse will streiken. Es wäre für uns ein Horror gewesen, dazusitzen und die Passagiere wartenzulassen. Aber jeder wäre dazu bereit gewesen.» Er hoffe auf eine sachlich-faire Schlichtung durch den vom Arbeitgeber benannten Rieble. Die Gewerkschaft erneuerte ihre Kritik, dass die DFS die Schlichtung unnötig spät angerufen habe: «Wir sind davon ausgegangen, dass die DFS schon nach der ersten Instanz diese Karte hätte ziehen müssen, um Schaden abzuwenden», sagte GdF-Tarifvorstand Markus Siebers.
Die DFS hält trotz ihrer Niederlage vor den Arbeitsgerichten weiterhin eine zentrale Forderung der Gewerkschaft für rechtswidrig, wie Sprecher Axel Raab betonte. Es geht um mehrere hundert meist leitende Posten in der Flugsicherung, für welche die GdF ausführliche Qualifikationsmerkmale vorgeschlagen hat. Für die Jobs will sie etwa lange Berufserfahrungsfristen festschreiben. Die Flugsicherung sieht darin einen Eingriff in ihre unternehmerische Freiheit. Zudem würden andere Bewerber unzulässig diskriminiert, sagte Personalchef Jens Bergmann. Die «unannehmbaren Bedingungen» habe man aus dem Schlichtungsverfahren heraushalten wollen und daher auf einem Urteil bestanden.

Das Gericht habe das Thema aber nur kursorisch prüfen können, sagte Raab. Es komme jetzt auf das Geschick des Schlichters an, dieses Thema zu bewältigen. GdF-Tarifvorstand Siebers sagte dazu: «Wir hoffen, dass wir in der Schlichtung durchkommen, da haben wir zumindest einen neutralen Dritten dabei.» Die GdF verwies auf bislang sechs erfolgreiche Schlichtungen mit der DFS. Die kleine Gewerkschaft verlangt neben dem Einfluss auf die Stellenbesetzungen noch 6,5 Prozent mehr Gehalt für die mehr als 5000 Tarifbeschäftigten bei der Flugsicherung. Rund 1900 von ihnen sind Fluglotsen.
Die Lufthansa kündigte erneut an, Ansprüche auf Schadenersatz zu prüfen. Eine konkrete Schadenshöhe nannte sie auch für die erste Streikdrohung aus der vergangenen Woche nicht. Vorstand Stefan Lauer hatte erklärt, dass allein die Streikandrohung zu Verlusten führe, wenn etwa Kunden ihre Flüge absagten. Der mögliche Schaden werde nun untersucht, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag in Frankfurt.
Quelle: dpa
GdF Gewerkschaft der Flugsicherung e.V.: www.gdf.de




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