DEUTSCHLAND/WELT
21.04.2009

22.04.2009 | Düsseldorf (dpa)
Terror-Prozess gegen Sauerland-Gruppe gestartet
Im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts hat einer der größten Terror-Prozesse der vergangenen Jahre in Deutschland begonnen.
Vor Gericht müssen sich vier mutmaßliche Terroristen der Islamischen Dschihad Union (IJU) - die sogenannte Sauerland-Gruppe - verantworten. Sie sollen verheerende Anschläge mit Autobomben in deutschen Großstädten geplant haben. Vor eineinhalb Jahren hatten Spezialeinheiten drei der Angeklagten im Sauerland festgenommen. Bei den Männern waren Fässer mit 730 Litern Wasserstoffperoxid zum Bombenbau entdeckt worden. Der vierte Angeklagte soll die Zünder besorgt haben. Wegen großen Medienandrangs und scharfer Sicherheitsvorkehrungen verzögerte sich der Prozessbeginn am Vormittag erheblich.
Das Verfahren gilt als erster Fall, bei dem in Deutschland aufgewachsene Islamisten die Bundesrepublik angreifen wollten. Nach der Festnahme der ersten drei im September 2007 durch Spezialeinheiten im sauerländischen Dörfchen Oberschledorn war noch ein vierter Angeklagter hinzugekommen, der die Zünder besorgt haben soll. Gegen einen fünften Verdächtigen ermittelt die Bundesanwaltschaft noch.

Den 23 bis 30 Jahre alten Angeklagten wird Mitgliedschaft in einer in- sowie ausländischen terroristischen Vereinigung und Verabredung zum Mord vorgeworfen. Im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts müssen sich die Deutschen Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Atilla Selek sowie der Türke Adem Yilmaz verantworten. Schneider ist zusätzlich wegen versuchten Mordes an einem Polizisten angeklagt, weil er bei seiner Festnahme einem Polizisten die Waffe entrissen und auf ihn geschossen haben soll. Schneider droht damit lebenslange Haft, Gelowicz und Yilmaz eine Höchststrafe von 15 Jahren. Selek, der die Zünder beschafft haben soll, drohen maximal 10 Jahre Haft.
Die Prozessunterlagen füllen inzwischen 530 Aktenordner. Die Anklageschriften sind insgesamt 450 Seiten lang. Allein die Anklage hat 219 Zeugen benannt. Am Donnerstag sollen 21 Zeugen - überwiegend Verwandte der Angeklagten - aussagen. Prozessbeteiligte gehen davon aus, dass das Verfahren zwei Jahre dauern könnte.
Mit Geständnissen ist nach Verteidigerangaben nicht zu rechnen. Nach Ansicht der Anwälte fußen Beweismittel der Anklage in unzulässiger Weise auf Geheimdienst-Informationen. Bei Auslandszeugen könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie gefoltert worden seien, bevor deutsche Ermittlern sie vernommen hätten.
Die Verdächtigen waren monatelang von 300 Beamten observiert worden. Die Autos der mutmaßlichen Terroristen, ihre Wohnungen und Telefone waren verwanzt, ihre Gespräche mitgeschnitten worden. Die Ergebnisse gelten als Kern der Anklage.
Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling hat jahrelange Erfahrung in Terrorprozessen. Zuletzt verurteilte er einen der «Kofferbomber von Köln» zu lebenslanger Haftstrafe wegen versuchten Mordes. Der Libanese hatte mit einem Komplizen zwei Bomben in Regionalzügen deponiert, die nur wegen eines Fehlers nicht explodiert waren.

Der Begriff "homegrown terrorism"
Die Sauerland-Gruppe gilt als erster Fall von islamistischem «homegrown terrorism» in Deutschland. Übersetzt bedeutet der englischsprachige Begriff «hausgemachter» oder «selbst gezüchteter» Terrorismus. Oder laut Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): «Terrorismus, der gewissermaßen auf unserem eigenen Mist gewachsen ist.» Gemeint ist, dass es sich bei einer neuen Generation islamistischer Terroristen nicht mehr um Täter aus islamischen Ländern handelt, die für einen Anschlag einreisen, sondern um Menschen, die im Land des Anschlagsziels aufgewachsen sind.
Das Problem ist nicht nur in Deutschland bekannt, sondern auch in anderen Industrienationen wie Großbritannien, Frankreich oder Spanien. Bei «homegrown terrorists» in Deutschland kann es sich sowohl um Einwanderer-Kinder handeln, die schon seit Jahrzehnten im Land leben, als auch um Deutsche, die zum Islam übertraten und immer radikaler wurden. Die praktische «Ausbildung» zum Terroristen findet meist in Trainingslagern im Ausland statt.

Hintergrund: Vereitelte Anschläge in Deutschland
Seit Jahren ist Deutschland im Visier islamistischer Terroristen. Sicherheitskräfte konnten mehrfach Anschläge rechtzeitig vereiteln. Ein Überblick:
September 2007: Im Dorf Oberschledorn im Sauerland werden drei mutmaßliche islamistische Terroristen verhaftet. Laut Anklage wollten sie drei große Autobomben gleichzeitig zünden. Als Anschlagsorte sollen Kneipen, US-Stützpunkte, die israelische Botschaft und Flughäfen in der Diskussion gewesen sein.
Juli 2006: Die «Kofferbomber von Köln» deponieren in zwei Regionalzügen in Koffern versteckte Bomben. Die Zünder lösen aus, die Sprengsätze funktionieren nur wegen des falschen Gasgemischs nicht.
Dezember 2004: Mitglieder der kurdisch-irakischen Islamistengruppe Ansar al-Islam planen, den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi während eines Deutschland-Besuches zu ermorden. Die Polizei hört ihre Telefongespräche ab und nimmt die drei Männer fest.
März 2003: Ein Tunesier wird verhaftet, der angeblich Attentate gegen amerikanische und jüdische Einrichtungen plante. Vor Gericht kann ihm das nicht bewiesen werden. Die Bundesanwaltschaft bleibt jedoch bei der Auffassung, dass ein Horrorszenario verhindert wurde.
April 2002: Der Polizei gehen mutmaßliche Anhänger der El-Kaida-nahen Terrorgruppe Al-Tawhid ins Netz. Die Männer planten Angriffe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin und jüdische Gaststätten in Düsseldorf. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verhängte mehrjährige Haftstrafen.
Dezember 2000: Die Frankfurter Polizei fasst mehrere Islamisten, die mit einer Kochtopf-Bombe möglichst viele «Ungläubige» auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt töten wollten. Sie erhielten Haftstrafen zwischen zehn und zwölf Jahren.

Hintergrund: Die Islamische Dschihad-Union
Die ursprünglich aus Usbekistan stammende Terrorgruppe Islamische Dschihad-Union (IJU) steht angeblich in engem Kontakt zum Terrornetz El Kaida.
Der 2002 gegründeten IJU sollen bis zu 300 Kämpfer angehören. Nach anfänglichen Angriffen auf nationale Ziele in Usbekistan richteten sich die Anschläge der sunnitischen Gruppierung von 2004 an gegen westliche Einrichtungen wie die israelische und die US-Botschaft in dem mittelasiatischen Land.
In den vergangenen Jahren nahm die vom pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aus operierende Dschihad-Union auch Europa ins Visier. 2006 wurde laut Bundesanwaltschaft eine deutsche Zelle gegründet, der die drei im September 2007 festgenommenen Mitglieder der «Sauerland-Zelle» angehören sollen. Si sollen in IJU-Camps im pakistanischen Bergland ausgebildet worden sein.
Es gibt aber auch die Theorie, dass die IJU eine Erfindung des usbekischen Geheimdienstes ist, die diesem als Vorwand zum harten Vorgehen gegen innenpolitische Gegner dient. Die Bundesanwaltschaft ist sich aber sicher, die Existenz der IJU als terroristische Vereinigung beweisen zu können.




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