DEUTSCHLAND/WELT

19.12.2011 | Seoul
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il ist tot
Der Tod des Staatsführers der Atommacht Nordkorea, Kim Jong Il, hat bei den Nachbarn große Sorge vor einer gefährlichen Instabilität ausgelöst.
Mit zweitägiger Verspätung berichtete das nordkoreanische Staatsfernsehen am Montag, Kim sei am Samstag während einer Inspektionsreise mit dem Zug als Folge «großer körperlicher und geistiger Ermüdung» an einem Herzinfarkt gestorben. Der Diktator war nach offiziellen Angaben 69 Jahre alt.
Nordkoreas Militär und die Bevölkerung hätten dem als «großartigen Nachfolger» gepriesenen Diktatoren-Sohn Kim Jong Un die Treue geschworen. Er ist Enkel des Staatsgründers Kim Il Sung. Am Tag der Todesnachricht testete Nordkorea laut südkoreanischen Berichten zwei Raketen mit kurzer Reichweite vor der Ostküste.

Asiatische Börsen reagierten mit Kursverlusten. Südkorea versetzte seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft. Präsident Lee Myung Bak rief seine Landsleute zur Ruhe auf und telefonierte eigens mit US-Präsident Barack Obama. Obama habe dabei das «klare Bekenntnis» der USA unterstrichen, sich für die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und die Sicherheit Südkoreas einzusetzen, teilte das Weiße Haus mit.
US-Außenministerin Hillary Clinton sagte nach einem Treffen mit ihrem japanischen Amtskollegen Koichiro Gemba, man habe ein gemeinsames Interesse an einem friedlichen und stabilen Übergang in Nordkorea. «Wir bekräftigen unsere Hoffnung auf verbesserte Beziehungen zum nordkoreanischen Volk und bleiben zutiefst besorgt über sein Wohlergehen.»
Ohne Bedauern nahm die Europäische Union die Nachricht vom Tode Kims auf. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach dem nordkoreanischen Volk sein Mitgefühl in der Zeit der Trauer um ihren Staatsführer aus.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief in einer Mitteilung die Internationale Gemeinschaft dazu auf, nach dem Tod Kim Jong Ils die «Reformierung der entsetzlichen Situation» zu fordern. «Nordkorea war unter Kim Jong Il eine Menschenrechtshölle auf Erden», so HRW-Direktor Kenneth Roth. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200 000 geschätzt.
Das Regime des kommunistischen Nordkorea rief die Bevölkerung auf, sich hinter den knapp 30-jährigen Kim Jong Un zu stellen, der als Schüler in der Schweiz gelebt haben soll. Kim Jong Il hatte zuletzt seinen Sohn auf die Machtnachfolge in dritter Generation vorbereitet. «Es ist der größte Verlust für unsere Partei und der größte Trauerfall für das Volk», sagte eine in schwarz gekleidete nordkoreanische Nachrichtensprecherin mit Tränen in den Augen.
Das Fernsehen zeigte immer wieder Bilder von weinenden Menschen in Pjöngjang. Viele Menschen gingen auf den Straßen auf die Knie. Regierungsbeamte riefen: «Das können wir nicht glauben.» Große Menschenmengen versammelten sich vor den großen Denkmälern für Kims Vater und «ewigen Präsidenten» Kim Il Sung. Sein Sohn werde neben seinem Vater zur Ruhe gebetet, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Kim Il Sungs Leiche liegt einbalsamiert in einer riesigen Gedächtnishalle in der Hauptstadt.

Kim, der nach einem vermuteten Schlaganfall 2008 als gesundheitlich angeschlagen gegolten hatte, hatte zuletzt die Übertragung der Macht auf seinen Sohn vorangetrieben. Kim Jong Un war im September 2010 zum Vier-Sterne-General ernannt und in die erweiterte Führungsriege der Arbeiterpartei aufgenommen worden. Kim Jong Il, der eine «Militär-Zuerst-Politik» verfolgte, ernannte ihn damit praktisch zum Nachfolger.
Die Streitkräfte Nordkoreas hätten am Tag der Todesnachricht zwei Raketen zu Testzwecken gestartet, berichtete die nationale südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf Regierungsbeamte in Seoul. Man gehe jedoch nicht davon aus, dass der Test im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tod Kims stehe und Südkorea provoziert werden sollte.
Südkorea verstärkte nach Angaben des Generalstabs der Streitkräfte die Kontrolle der innerkoreanischen Grenze und des Luftraums. Es seien jedoch bisher keine «ungewöhnlichen Aktivitäten» der nordkoreanischen Volksarmee beobachtet worden, hieß es. Beide Staaten befinden sich völkerrechtlich seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53) noch im Kriegszustand.
Quelle: dpa

19.12.2011 | Seoul
Porträt: Kim Jong Il: Nordkoreas rätselhafter Despot
Über Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il kursierten Namen wie «Verrückter mit der Bombe», «Zombie» oder «Dr. Seltsam»: Kim, der am Samstag im Alter von 69 Jahren gestorben ist, wurde im Westen auch schon mal Größenwahn unterstellt, weil er sich mit der Supermacht USA anlegt hatte. Er unterhielt ein umstrittenes Atom- und Raketenprogramm, während sein Land wirtschaftlich am Boden lag und ein großer Teil der Bevölkerung unter Hunger litt.
Mit dem Start von Langstreckenraketen und zwei Atomtests 2006 und 2009 brachte Nordkorea erneut die gesamte internationale Staatengemeinschaft gegen sich auf. Immer wieder stieß das Regime zudem wüste Kriegsdrohungen gegen das Nachbarland Südkorea aus.

Seit seinem vermuteten Schlaganfall 2008 galt lange Zeit als ungewiss, ob der von Krankheiten gezeichnete Kim überhaupt noch die volle Kontrolle in seinem Herrschaftsbereich ausübe. Doch zuletzt hatte er nach Meinung von Beobachtern die Zügel bei den Regierungsgeschäften noch voll im Griff. Auch trieb er die Regelung für die Nachfolge in dritter Generation voran. Seinen jüngsten Sohn, Kim Jong Un, hatte Kim im September 2010 zum Vier-Sterne-General ernannt und in die erweiterte Führungsriege der herrschenden Arbeiterpartei gehievt. Damit ernannte Kim seinen Sohn praktisch zum Nachfolger.
Experten in der Region sind davon überzeugt, dass Kim im Streit um das Atomprogramm des Landes durchaus eine rationale Strategie verfolgt. Durch die Erhöhung des Einsatzes im Atompoker glaubte Kim demnach, die USA nicht nur zum Dialog, sondern auch zu weiteren Zugeständnissen zwingen zu können.
Nach mehr als einem Jahrzehnt an der Spitze des stalinistischen Staates wurde auch über Kims Politik oftmals nur spekuliert. Das gleiche galt für Kims Privatleben.
Das meiste, was die Außenwelt über den im Schatten des früheren Staatschefs und «Übervaters» Kim Il Sung aufgestiegenen Diktators weiß, stammt aus der unerschöpflichen Propagandamühle Pjöngjangs, die ihn als Halbgott und «Genie in Literatur, Kunst und Kriegskunst» verehrte. Für viele Menschen bleibt Kim deshalb eine rätselhafte Erscheinung. Verlässliche Informationen über Kim, der einst als Lebemann galt und dem Alkohol und gutem Essen zugetan war, gibt es kaum.
Quelle: dpa
19.12.2011 | Seoul
Porträt: Kim Jong Un - Der neue starke Mann Nordkoreas
Auf Kim folgt erneut Kim. Der dritte Sohn des am Samstag gestorbenen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il, Kim Jong Un, gilt als neuer starker Mann in dem kommunistischen Land. Er soll die Kim-Dynastie an der Macht in dritter Generation fortsetzen.

Politisch weist Kim Junior kaum Erfahrungen auf. Doch steht er trotz seines vergleichsweise jungen Alters - er soll unter 30 sein - schon seit drei Jahren im Mittelpunkt von Spekulationen um die Nachfolgeregelung in dem abgeschotteten Staat. Seit seiner Beförderung zum Vier-Sterne-General und seiner Aufnahme in die Führungsriege der herrschenden Arbeiterpartei im vergangenen September war klar: Damit hatte ihn Kim Jong Il auch praktisch zum «Kronprinzen» ernannt.
Kim Jong Un soll bis 1998 unter anderem Namen in der Schweiz die International School of Berne besucht haben. Sonst ist nur wenig über ihn bekannt. Die Familienverhältnisse der Kims sind in dem Land ein Tabu.
Das Schweizer Wochenmagazin «L'Hebdo» berichtete im März 2010, Kim habe die Schule im Alter von 15 Jahren ohne Abschluss verlassen. Seine Mitschüler hätten ihn als schüchtern und introvertiert beschrieben. Er sei gerne Ski gefahren und habe sich für Basketball interessiert. Zudem galt er als großer Bewunderer des US-Basketballstars Michael Jordan und des Actionfilm-Schauspielers Jean-Claude Van Damme.
Nach einer Fotografie des erwachsenen Kim Jong Un hatte man im Ausland lange vergeblich gesucht. Seit dem vergangenen Jahr zeigten die Staatsmedien Kim Jong Un regelmäßig an der Seite seines Vaters. Er begleitete ihn auf Inspektionsreisen durchs Land und nahm mit ihm Militärparaden in Pjöngjang ab.
In einem Buch schreibt der frühere Koch Kim Jong Ils unter dem Namen Kenji Fujimori, dass der dritte von drei bekannten Söhnen seinem Vater am meisten gleiche - sowohl körperlich als auch hinsichtlich des Charakters. Kim Jong Un soll früh einen Sinn für Autorität und Macht entwickelt haben, schrieb die südkoreanische Zeitung «The Korea Herald».
Noch mehr ähnelt Kim Jong Un seinem Großvater Kim Il Sung, der bis zu seinem Tod 1994 das Land diktatorisch regiert hatte. In Südkorea wurde spekuliert, dass sich Kim Jong Un kosmetischen Operationen unterzogen haben könnte, um die Ähnlichkeit deutlicher hervortreten zu lassen.
Jong Un wurde um das Jahr 1983 geboren. Seine Mutter war die dritte Frau Kim Jong Ils, die Tänzerin Ko Yong Hi. Ko starb Medienberichten zufolge vor mehr als sechs Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.




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