DEUTSCHLAND/WELT
27.04.2009
+ + + INFORMATIONS-HOTLINES ZUR SCHWEINEGRIPPE + + +
Robert-Koch-Institut (RKI) Tel. 030/18754416 (Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr)
Bundesgesundheitsministerium Tel. 01805/996619 (Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr, Freitag 8 bus 12 Uhr)

29.04.2009 | Berlin/Genf/Kopenhagen (dpa)
Schweinegrippe erreicht Deutschland
Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht. In Bayern und Hamburg bestätigten sich am Mittwoch insgesamt drei Fälle bei Mexiko-Urlaubern. Alle drei Patienten sind aber schon wieder auf dem Weg der Besserung, wie die Behörden berichteten.
Die Bundesregierung warnte vor Hysterie. In Europa sind nach EU-Angaben inzwischen mehr als ein Dutzend Fälle in vier Ländern bekanntgeworden. Die USA meldeten den ersten Schweinegrippe-Todesfall außerhalb Mexikos. Das 23 Monate alte mexikanische Kleinkind war mit seinen Eltern in Texas zu Besuch und wurde in einem Krankenhaus in Houston behandelt. Damit stieg die Zahl der nachgewiesenen Todesfälle durch Schweinegrippe auf acht. Sieben Menschen waren in Mexiko an dem Virus gestorben.
Erstmals meldete sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort. Die Regierung treffe alle Vorkehrungen zum Schutz der Bevölkerung, betonte sie. Man sei gut vorbereitet. Aus den Epidemien der vergangenen Jahre habe man gelernt und entsprechende Schutzpläne aufgestellt. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) räumte ein, dass die Situation sie mit Sorge erfülle. «Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie es sich weiterentwickelt.» Auch Schmidt versicherte, dass die Bundesrepublik für den Notfall gut vorbereitet sei. Es gebe einsetzbare Medikamente zur Behandlung.

Der Leiter des Robert Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, bestätigte, dass es neue Verdachtsfälle in Deutschland gibt. Bei mehreren anderen Fällen konnte dagegen nach Auswertung der Tests Entwarnung gegeben werden. Bei den bisher bestätigten Fällen handelt es sich um eine 22 Jahre alte Frau in Hamburg, um einen 37-jährigen Mann, der in der Uniklinik Regensburg behandelt wird, sowie um eine 37-jährige Frau aus Kulmbach. Sie sei aber bereits wieder vollständig genesen, teilte Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) mit.
Unterdessen entspann sich ein Expertenstreit um den Namen der neuen Infektionskrankheit. Das Europäische Zentrum für Seuchenkontrolle (ECDC) spricht von «neuartiger Grippe», die mit dem Hamburger Grippefall befassten Experten von «Mexiko-Grippe», die Weltorganisation für Tiergesundheit möchte die Krankheit «Nordamerikanische Grippe» nennen. Die Weltgesundheitsorganisation blieb auch am Mittwoch bei der Bezeichnung Schweinegrippe.
Durch frühzeitiges Erkennen müsse ein weiteres Ausbreiten der Grippe verhindert werden, sagte Schmidt. Per Verordnung würden die Ärzte angewiesen, Verdachtsfälle sofort den Gesundheitsämtern zu melden. Als Symptom gilt vor allem hohes Fieber. Das Gesundheitsministerium richtete eine Hotline für Bürgerauskünfte ein. Am Donnerstag kommen die EU-Gesundheitsminister zu einem Sondertreffen über die Schweinegrippe zusammen.
In der EU wurden bis Mittwochnachmittag 10 Fälle in Spanien, 5 in Großbritannien, 3 in Deutschland und einer in Österreich registriert. Außerhalb Europas wurden bislang 91 Infektionen in den USA, 49 in Mexiko, 14 in Neuseeland, 13 in Kanada und je 2 in Israel und Costa Rica gemeldet. In Südafrika gab es den ersten Verdachtsfall auf dem afrikanischen Kontinent. Außerhalb Nordamerikas ist bislang in keinem Land eine Übertragung des Virus bekanntgeworden, alle entdeckten Fälle wurden eingeschleppt. In den meisten Fällen habe es direkte Verbindungen nach Mexiko gegeben, betonte das ECDC in Stockholm.

Die deutschen Flughäfen reagierten auf das Risiko einer Einschleppung mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Ärzte kontrollierten unter anderem in Frankfurt, München und Düsseldorf Direktflüge aus Mexiko und weitere Flugzeuge auf Verdachtsfälle. Mitarbeiter der Behörden verteilten Informationsbroschüren. Die Lufthansa nimmt künftig auf allen Flügen von und nach Mexiko jeweils einen Arzt an Bord. Der Mediziner solle den Passagieren für Fragen zur Verfügung stehen und nach Symptomen der Schweinegrippe Ausschau halten, teilte das Unternehmen mit. Die zur Lufthansa gehörende Schweizer Fluglinie Swiss stattete auf Langstreckenflügen ihre Flugzeuge mit dem Antigrippemittel Tamiflu aus.
Nach Expertenmeinung sind die Flughafenkontrollen jedoch nur bedingt wirksam. Infizierte und ansteckende Passagiere könnten auch erst Tage nach ihrer Ankunft Symptome entwickeln, sagte der Leiter der Flughafenklinik des größten deutschen Airports in Frankfurt, Walter Gaber.
An den deutschen Flughäfen sieht man bereits viele Menschen mit Mundschutz. Schmidt begrüßte es, dass einige Bundesländer Reisende bei der Rückkehr aus Mexiko oder den USA an Flughäfen von Ärzten beobachten ließen. Die Gesundheitsministerin warnte vor Reisen nach Mexiko. «Wer nicht unbedingt nach Mexiko reisen muss, sollte das verschieben.»

Für die Bevölkerung in Deutschland gebe es aber nach wie vor «keine allgemeine Gefährdung» durch die Schweinegrippe, teilte das Robert Koch-Institut mit. «Generell empfohlene persönliche Hygienemaßnahmen sollten aber besonders beachtet werden, insbesondere bei Kontakt zu Reiserückkehrern aus betroffenen Regionen.» Vor allem beim Niesen oder Husten könnten Grippe-Erreger auf die Hände gelangen und dadurch weiterverbreitet werden.
Impfstoffe sollten rasch entwickelt werden, betonten Schmidt wie Hacker. Dies dauere aber noch einige Zeit. Hacker: «Wir haben einen Impfstoff, wissen aber noch nicht, ob er bei dieser neuen Variante der Viren wirkt.» Über den Einsatz entscheide die WHO. Schmidt sagte, in einem solchen Fall müsse die Bevölkerung zweimal «durchgeimpft» werden. Dies könne aber wie bei der allgemeinen Grippeschutzimpfung nur freiwillig geschehen.
Vize-Regierungssprecher Thomas Steg warnte davor, sich jetzt beim Arzt Medikamente verschreiben zu lassen und diese vorbeugend einzunehmen. Die Mittel wirkten nur, wenn tatsächlich Krankheitssymptome vorlägen.
Fragen und Antworten zur Schweinegrippe
Nach dem ersten bestätigten Schweinegrippe-Fall in Spanien erhöht sich auch in Deutschland die Aufmerksamkeit. Viele Menschen fragen sich, wie die Situation hierzulande einzuschätzen ist.

Welche Gefahr besteht aktuell für die Menschen in Deutschland?
Eine unmittelbare Gefahr zur Ansteckung besteht derzeit in Deutschland nicht. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums betonte, dass Vorsichtsmaßnahmen im Rahmen des Nationalen Pandemieplanes getroffen würden. Bundes- und Landesbehörden stünden in engem Kontakt. An Flughäfen werden Informationsblätter verteilt und Passagiere auf Krankheitszeichen hin beobachtet.
Wann gibt es einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe?
Die großtechnische Produktion eines neuen Impfstoffs dauert nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (Langen) in der Regel zehn bis zwölf Wochen. Im Fall des aktuellen Schweinegrippe-Auftretens sei man aber noch längst nicht so weit, hieß es. Derzeit sei die US-Gesund- heitsbehörde CDC mit der Herstellung eines sogenannten Impfstamms beschäftigt. Dabei wird das Virus so verändert, dass es sich in Hühnereiern vermehrt. Für die industrielle Impfstoffherstellung sind gewöhnlich nach wie vor Hühnereier die Basis.
Wo sind Informationen zu bekommen?
Umfangreiche und aktuelle Informationen sind auf den Internet- Seiten des Robert Koch-Instituts abzurufen (www.rki.de, Schweinegrippe). Auch die Gesundheitsbehörden der Länder bieten diesen Service an.

Was tun, wenn Grippesymptome auftreten?
Die Symptome einer Schweinegrippe unterscheiden sich kaum von denen einer saisonalen Grippe: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Husten. Einige Menschen, die mit Schweineinfluenza infiziert waren, klagten auch über Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Ein Arzt kann die Symptome abklären und die Krankheit gegebenenfalls durch einen Abstrich bestätigen. Ist ein Grippeschnelltest positiv, wird eine zweite Probe entnommen und an das zuständige Landeslabor geschickt, wo der spezielle Erregertyp ermittelt wird. Dies wird dann bundesweit an das Nationale Referenzzentrum für Influenza am Berliner Robert Koch-Institut gemeldet.
Wie wird die Schweinegrippe behandelt?
Die Experten gehen davon aus, dass die neueren Grippemedikamente, Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) und Relenza (Wirkstoff Zanamivir) auch gegen den Schweinegrippe-Erreger wirken. Diese Medikamente helfen am besten, wenn sie schon kurz nach Ausbruch der Krankheit genommen werden. Kommt es zu einem heftigeren Verlauf, etwa durch eine zusätzliche Lungenentzündung, müssen die Erkrankten ins Krankenhaus. Die Pandemiepläne sehen vor, dass sie dort unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen gegebenenfalls in einer speziellen Grippeabteilung weiter behandelt werden.
Wie kann man sich vor einer möglichen Ansteckung schützen?
Wie andere Grippeerreger auch wird das Schweinegrippe-Virus vorwiegend über Tröpfchen, also durch Husten oder Niesen übertragen. Darüber hinaus reichen nach Ansicht von Virologen des Paul-Ehrlich- Instituts normale Hygienemaßnahmen, wie etwa regelmäßiges Händewaschen, zur Vorbeugung aus. Gegebenenfalls werden die örtlichen Behörden jedoch dazu aufrufen, Menschenansammlungen zu meiden. Dazu gehört auch, dass unter Umständen Kindergärten und Schulen geschlossen sowie Konzerte und Großveranstaltungen eingeschränkt werden. Es kann auch zu Einreisekontrollen kommen.
Was ist die Schweinegrippe?
Die Atemwegserkrankung ist bei Schweinen sehr verbreitet, gewöhnlich sterben aber wenige Tiere daran. Die Viren vom Subtyp A H1N1 wurden erstmalig im Jahr 1930 isoliert. Wie alle Grippe-Viren verändert sich auch dieses ständig. In den vergangenen Jahren sind unter anderem die vier Subtypen H1N1, H1N2, H3N2 und H3N1 entdeckt worden. Mit H und N werden die beiden Eiweiße der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase abgekürzt. Wie sich die aktuelle Grippe weltweit entwickelt, wissen die Experten noch nicht.
Kann man durch den Verzehr von Schweinefleisch erkranken?
Die US-Gesundheitsbehörde CDC geht davon aus, dass Schweinegrippe- Viren nicht durch Nahrungsmittel übertragen werden und weist darauf hin, dass ein Erhitzen von Schweinefleisch auf 72 Grad Celsius die Viren sicher abtötet.
Gab es in der Vergangenheit bereits Ausbrüche dieser Grippe?
In Amerika gab es im Jahr 1976 in New Jersey einen Ausbruch unter Soldaten. Vier Soldaten erkrankten an einer Lungenentzündung. Es gab einen Todesfall. Die Übertragung erfolgte von Mensch zu Mensch.
www.rki.de




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