DEUTSCHLAND/WELT
04.05.2009

05.05.2009 | Berlin (dpa)
Fiat will alle vier Opel-Werke erhalten
Der italienische Fiat-Konzern will alle vier deutschen Opel-Werke nach einer möglichen Fusion erhalten. Der «Bild»-Zeitung sagte Fiat-Vorstandschef Sergio Marchionne: «Wir wollen keines der vier Opel-Werke in Deutschland schließen.»
«Ich brauche die Werke in der Zukunft, um genügend Autos zu bauen. Aber natürlich müssen die Belegschaften verkleinert werden. Das wird niemand ändern können.» Die Werke müssten effizienter werden.
Auf eine genaue Zahl beim Abbau von Arbeitsplätzen wollte sich der Fiat-Chef aber nicht festlegen: «Ich kann Ihnen heute aber noch nicht sagen, wie viele Mitarbeiter wir brauchen. Aber es werden weniger sein. Bitte vergessen Sie nicht: Der erste Rettungsplan von Opel selbst sah die Schließung von zwei Werken vor.»
Zu den Bedenken des Opel-Betriebsrates und der Gewerkschaften zu einem möglichen Fiat-Einstieg sagte Marchionne: «Opel kann in seiner jetzigen Größe niemals Geld verdienen und wenn man kein Geld verdient, kann man nicht überleben. Ich verstehe die Ängste der Gewerkschaften - aber so ist die Realität.»

Fiat will nach einem Einstieg bei Opel nach drei Jahren mögliche Staatsbürgschaften zurückzahlen. «Opel verbrennt derzeit Geld, deswegen haben sie um Staatshilfe gebeten. Deshalb muss der Staat mit Bürgschaften einsteigen. Das darf aber nicht zu lange dauern. Der Staat hat bei Opel auf Dauer nichts verloren. Wir müssen es ohne Steuergelder schaffen. Deshalb wollen wir die Bürgschaften in spätestens drei Jahren zurückzahlen», sagte Marchionne
Die Entscheidung über das Schicksal der Opel-Werke fällt möglicherweise in wenigen Wochen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass dies noch im Mai sein werde, sagte Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am Montagabend im ZDF.
Opel hat drei Endmontagewerke in Rüsselsheim, Eisenach und Bochum und ein Motorenwerk im rheinland-pfälzischen Kaiserslautern.
Guttenberg lehnte im ZDF eine Vorfestlegung erneut ab. Die Grundsatzentscheidung darüber, ob Opel von Fiat oder dem österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna übernommen werden solle, liege nun beim amerikanischen Opel-Mutterkonzern General Motors. Man müsse auch abwarten, was Magna nun vorlege.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) äußerte sich zurückhaltend über die Fiat-Pläne. In der ARD-Talksendung «Beckmann» äußerte er die Erwartung, dass das Magna- Konzept besser sei. «Wenn es wirklich so ist, wie alle erwarten, dass das Magna-Konzept besser ist, dann hat sich die Fiat-Frage erledigt.» Sollte das Magna-Konzept hingegen wider Erwarten nicht tragfähig sein, dann müsse man sehen, ob es nicht noch andere Interessenten gebe.
Über Magna sagte der Fiat-Chef der «Bild»-Zeitung: «Magna will mit russischer Hilfe bei Opel einsteigen. Wenn die deutsche Regierung das für eine gute Lösung hält, würde mich das überraschen. Unser Plan steht: Wir wollen einen echten europäischen Automobilkonzern bilden, der weltweit erfolgreich sein wird: Die Autosparte von Fiat geht zusammen mit Opel und Chrysler. Damit sind wir der zweitgrößte Autokonzern der Welt hinter Toyota.» Das mache Arbeitsplätze weltweit und in Deutschland zukunftssicher, so Marchionne.
Unterdessen konkretisierte Thüringens Regierung nach einem Bericht der «Berliner Zeitung» ihre Pläne für eine mögliche Staatshilfe bei einer Opel-Übernahme durch Fiat oder Magna. Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) sagte, wenn es ein vernünftiges Konzept gebe, sei das Land zu staatlicher Hilfe bereit: Sehr gut könne er sich staatliche Garantien und Bürgschaften vorstellen, mit deren Hilfe sich Fiat dann am Kapitalmarkt günstig mit Kredit versorgen könnte. Auch eine direkte Förderung vor Ort über Investitionsbeihilfen sei eine Möglichkeit. «Und schließlich könnten wir zum Beispiel die Immobilie des Werkes kaufen und dann an Opel und Fiat zurückvermieten.» Das würde dem Konzern sofort eine hohe Bargeldsumme einbringen. Eine direkte Beteiligung an einem Gemeinschaftsunternehmen aus Fiat und Opel schloss Reinholz aber aus.
Hintergrund
Die "Welt-Pläne" von Fiat
Fiat-Chef Sergio Marchionne ist überzeugt, dass nur Autohersteller mit ausreichender Größe durch die Branchenkrise kommen werden. Die kritische Marke bezifferte er jüngst auf 5,5 bis 6 Millionen Fahrzeuge im Jahr.
Fiat mit seinem Absatz von rund 2,2 Millionen Wagen in der Kern-Autosparte 2008 ist daran gemessen viel zu klein. Daraus ergibt sich die Marchionne-Lösung: Die Krise nutzen, um ein globales Auto-Imperium mit Chrysler und Opel aufzubauen. Ob die angepeilten sechs Millionen Autos in diesem von Absatzeinbrüchen geprägten Jahr verkauft werden können, bleibt allerdings abzuwarten. Dagegen ist das Risiko groß, sich zu verheben. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sprach schon von einem «Drahtseilakt».
Der Chrysler-Deal ist inzwischen besiegelt. Hier soll Fiat bei dem insolventen US-Autobauer zunächst mit 20 Prozent einsteigen und später bis auf 35 Prozent aufstocken. Die Italiener beharrten von Anfang an darauf, kein Geld, sondern nur Technologie zu investieren.
Über die Fiat-Pläne für Opel weiß man bisher wenig konkretes. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zufolge sichert Fiat zu, die drei Montagewerke Rüsselsheim, Bochum und Eisenach sowie die Marke zu erhalten. Um die Milliardenschulden von Fiat herauszuhalten, soll die Autosparte vom Restkonzern abgespalten werden.




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