DEUTSCHLAND/WELT
01.06.2009

02.06.2009|New York (dpa)
Straffer Zeitplan für GM-Insolvenz
Der ums Überleben kämpfende US-Autobauer General Motors (GM) hat vor dem Insolvenzgericht erste Erfolge für den erhofften raschen Neustart erzielt. Bei der ersten Anhörung des am Montag in New York eröffneten Verfahrens legte der Richter einen straffen Zeitplan fest.
Zur rettenden Finanzierung gab er zudem eine erste Tranche von 15 Milliarden Dollar für den größten US-Hersteller frei.

Nach Ablauf eines Ultimatums von US-Präsident Barack Obama hatte GM am Montag als letzte Überlebenschance die Insolvenz beantragt. Im größten Verfahren der US-Industriegeschichte soll die bisherige Opel-Mutter weitgehend verstaatlicht und gesundgeschrumpft werden.
Der Staat pumpt 50 Milliarden Dollar in GM, inklusive schon gezahlter 20 Milliarden Dollar. Opel wurde vor dem Insolvenzstrudel gerade noch rechtzeitig durch ein Treuhandmodell und neue Investoren abgeschirmt.
Das Insolvenzgericht gab bereits grundsätzlich grünes Licht zur Aufspaltung in einen überlebensfähigen Konzernteil und nicht mehr benötigte Altlasten wie zahlreiche Werke und Marken.
Einwände gegen die geplante Übernahme durch Regierung, Gewerkschaft und Gläubiger müssen nun bis 19. Juni erhoben werden, eine Anhörung dazu ist für den 30. Juni angesetzt. GM will das Verfahren binnen 60 bis 90 Tagen erfolgreich abschließen - also spätestens etwa Ende August.
01.06.2009 | New York/Washington (dpa)
Stunde Null für GM - Insolvenz beantragt
Stunde Null für den einst größten Autobauer der Welt: Nach jahrelangen Milliardenverlusten hat die bisherige Opel-Mutter General Motors als letzte Überlebensmöglichkeit Insolvenz angemeldet.
Die Unterlagen wurden am Montag um 8 Uhr Ortszeit (14 Uhr deutscher Zeit) bei einem Insolvenzgericht in New York eingereicht. Es ist das größte gerichtliche Gläubigerschutz-Verfahren eines Industriekonzerns in der US-Geschichte.
Gut 100 Jahre nach seiner Gründung steht der führende US-Autoriese damit am Scheideweg zwischen Neustart und Untergang. Mit General Motors (GM) und dem Rivalen Chrysler sind binnen eines Monats zwei der drei großen US-Hersteller in die Pleite gerast. Nur die Nummer zwei - Ford - will trotz Milliardenverlusten ohne Staatshilfe weitermachen. Die Entscheidung über die Zukunft von GM liegt nun in der Hand des Insolvenzrichters, für das Verfahren wird eine Dauer von 60 bis 90 Tagen angepeilt, hieß es von US-Regierungsbeamten.

Nach der de-facto-Verstaatlichung soll sich GM - geschützt vor dem Zugriff der Gläubiger - in der Insolvenz («Chapter Eleven») gesundschrumpfen - der Konzern wird in einen «guten» und einen «schlechten Teil» aufgespalten. GM soll künftig schon in die Gewinnzone fahren, wenn in den USA - wie etwa für 2009 erwartet - lediglich zehn Millionen Autos aller Hersteller pro Jahr verkauft werden. Bislang lag die Schwelle bei 16 Millionen.
US-Präsident Barack Obama hatte dem Traditionsunternehmen ein Ultimatum bis zum 1. Juni gestellt: Entweder legt GM einen überzeugenden Sanierungsplan vor oder als einzige Überlebenschance bleibt die Insolvenz nach US-Muster. Nun wird der Konzern radikal umgekrempelt: Laut Regierung sollen elf Werke geschlossen und drei weitere nicht mehr genutzt werden. Berichten zufolge sollen erneut Zehntausende Stellen wegfallen - auf weit unter 100 000 allein in Nordamerika. Vor zehn Jahren gab es noch mehr als doppelt so viele.
Die Zahl der US-Marken wird auf vier halbiert - es bleiben GMC, Chevrolet, Cadillac, Buick. Für die schwedische GM-Tochter Saab gab es zuletzt noch zwei bis drei mögliche Käufer. Auch der Geländewagenbauer Hummer und die US-Marke Saturn sollen verkauft werden, Pontiac muss sterben. «Während des Insolvenzverfahrens wird GM wie gewöhnlich arbeiten», hieß es aus dem Weißen Haus.

Die US-Regierung übernimmt rund 60 Prozent an dem Konzern, Kanada 12 Prozent. Die Autogewerkschaft UAW erhält für Milliarden-Zugeständnisse knapp 18 Prozent an GM. Die Chancen für ein Überleben von GM stiegen zudem am Wochenende in fast letzter Minute durch eine Einigung mit den Zehntausenden Gläubigern. Für den Verzicht auf 27 Milliarden Dollar an Schulden sollen die Kreditgeber zehn Prozent am neuen Konzern bekommen, später können es bis zu 25 Prozent werden.
Die US-Regierung springt mit weiteren rund 30 Milliarden Dollar ein, um die Insolvenz zu finanzieren, Kanada ist mit knapp 10 Milliarden dabei. Damit haben die US-Steuerzahler rund 50 Milliarden (35 Mrd Euro) in GM gepumpt. Die verbliebenen Aktionäre gehen praktisch leer aus.
«Eines der wichtigsten Prinzipien des Präsidenten ist es, dass die Opfer auf viele Schultern verteilt werden», sagte ein hoher US-Regierungsbeamter. Weitere Staatshilfen seien nicht vorgesehen. «Das soll es dann gewesen sein.» Da die Regierung Anteilseigner sein werde, habe sie auch Mitsprache bei der Besetzung des Vorstandes des «neuen GM». Man werde dabei aber «extrem diszipliniert» agieren. Der Staat wolle sich zudem so bald wie möglich wieder von seinen Anteilen trennen.
Von Anfang 2005 bis heute hat GM ein Minus von insgesamt 88 Milliarden Dollar eingefahren. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres klaffte ein sechs Milliarden Dollar großes Loch - es war der achte Quartalsverlust in Folge.
Zum Verhängnis wurden GM in den vergangenen Jahren weit zu hohe Kosten und eine verfehlte Modellpolitik. Viel zu lange setzte der Traditionskonzern fast ausschließlich auf bullige Geländewagen und spritfressende Limousinen. Die Konkurrenz vor allem asiatischer Hersteller wie Toyota und Honda wurde völlig unterschätzt. 2008 stießen die Japaner GM nach mehr als einem Dreivierteljahrhundert vom Thron des weltweit absatzstärksten Autobauers.
Der Konzern durchlitt in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neue Sanierungswellen mit drastischem Stellenabbau. Die Talfahrt beschleunigte zuletzt der dramatische Einbruch des Autoabsatzes erst auf dem Heimatmarkt USA und später wegen der Wirtschaftskrise auch in Europa und anderen Teilen der Welt.
Der beim Insolvenzgericht im Süden Manhattans eingereichte 24-seitige Insolvenzantrag beziffert die gesamten Verbindlichkeiten des Konzerns auf 172,8 Milliarden Dollar bei Vermögenswerten von 82,3 Milliarden Dollar. Der Autofinanzierer GMAC, an dem GM noch knapp unter 50 Prozent hält, muss nach eigenen Angaben nicht mit in die Insolvenz.
Anlass zur Hoffnung gibt der bisher erfolgreiche Verlauf der Insolvenz bei Chrysler. Das Insolvenzgericht gab in der Nacht zum Montag grünes Licht für den rettenden Verkauf an den italienischen Fiat-Konzern. Der drittgrößte US-Autobauer soll nun bereits bald für einen Neustart das vor einem Monat begonnene Insolvenzverfahren verlassen können, womöglich noch am Montag. Bei GM werde es «aber nicht so schnell gehen wie bei Chrysler», sagte ein Regierungsbeamter. GM sei größer und international stärker verflochten als der Konkurrent.
Fiat bekommt beim Einstieg zunächst 20 Prozent an Chrysler und kann den Anteil langfristig deutlich aufstocken. Vorerst hält die Gewerkschaft UAW über ihren Betriebsrentner-Gesundheitsfonds die Mehrheit am neuen Unternehmen im Gegenzug für Milliarden-Zugeständnisse. Den Rest erhalten die USA und Kanada.
Fragen und Antworten: Wie läuft die GM-Insolvenz ab?
Ein Insolvenzverfahren im Eiltempo soll aller Voraussicht nach den Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) retten. Einen solchen Schnelldurchgang versucht seit einem Monat auch Wettbewerber Chrysler. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur «Blitz-Insolvenz»:
Warum kann eine Insolvenz die Rettung sein?
In einem gerichtlichen Insolvenzverfahren können US-Unternehmen zunächst geschützt vor Gläubigern weiterarbeiten, Ballast abwerfen und sich so womöglich sanieren. Das Problem dieser Variante des US-Insolvenzrechts (Chapter 11): Sie kann sich über Monate oder gar Jahre hinziehen. Diese Zeit hat GM nicht - und Opel genauso wenig.
Was ist eine «Blitz-Insolvenz»?
Formell gibt es diesen Weg im US-Recht gar nicht. Präsident Barack Obama will bei GM dennoch ein wohl höchstens 60 bis 90 Tage dauerndes «chirurgisches Insolvenzverfahren» durchziehen. Bei dem Schnelldurchgang («quick-rinse-bankruptcy») sollen Rahmenbedingungen der Sanierung - etwa Finanzierung, Schuldenabbau, neue Eigentümer - schon zuvor für den Insolvenzrichter festgelegt sein, damit es dann ganz fix geht.
Wie läuft das ab?
Im Zentrum soll die rasche Übernahme (Paragraf-363-Verkauf) des um Altlasten bereinigten Herstellers durch Regierung, Gewerkschaft und Gläubiger stehen. Dazu wird der Konzern in einen «guten» und einen «schlechten» Teil aufgespalten. Der als lebensfähig erachtete Kern mit Marken wie Chevrolet und Cadillac soll die Insolvenz rasch wieder verlassen. Die Altlasten würden schrittweise entsorgt oder wie etwa die Marke Hummer verkauft. Eine Erfolgsgarantie besteht aber nicht.
Was ist dafür nötig?
Viel Geld. Die US-Regierung muss den Plänen zufolge weitere 30 Milliarden Dollar in GM pumpen. Zusätzlich zu den bereits geleisteten Finanzspritzen von 20 Milliarden Dollar.
Was ist die größte Hürde?
Gläubigerforderungen von 27 Milliarden Dollar. Im ersten Anlauf war GM mit einem Kompromissangebot zum Schuldenabbau gescheitert. Die Frist zur Annahme einer verbesserten zweiten Offerte läuft an diesem Samstagabend (17.00 Uhr Ortszeit/23.00 MESZ) ab.
Was passiert, wenn eine Sanierung schiefgeht?
Bei einem Scheitern droht ein Dominoeffekt. Außer GM stünden tausende Händler, Zulieferer und andere abhängige Firmen vor dem Aus. Und damit weltweit Hunderttausende oder gar über eine Millionen Jobs in den USA und Europa.




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