DEUTSCHLAND/WELT
30.06.2009

29.06.2009 | Berlin (dpa)
Erleichterung: Kredit für Quelle vereinbart
Der dringend benötigte Kredit über 50 Millionen Euro für Quelle ist nach tagelangem Tauziehen vereinbart.
Die Regierungen von Bayern und Sachen wollen an diesem Dienstag nach entsprechenden Kabinettsbeschlüssen die Auszahlung anweisen, sagte der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) in einer gemeinsamen Erklärung nach Beratungen in Berlin. Der Bund werde die Staatsbank KfW beauftragen. Die Zustimmung der EU-Kommission stand allerdings noch aus: Sie werde an diesem Dienstag erwartet, hieß es.
Somit können die 8000 Beschäftigten des Fürther Unternehmens vorerst aufatmen. Mit dem Kredit soll Quelle den Geschäftsbetrieb zunächst aufrechterhalten können. Bayern und Sachsen übernehmen zusammen 25 Millionen Euro. Die anderen 25 Millionen Euro kommen vom Bund und werden über die KfW ausgezahlt. Der sogenannte Massekredit soll bis zum 31. Dezember 2009 laufen.

Fahrenschon sagte, das sei das langersehnte positive Signal für Quelle. Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg gab sich dagegen verhalten optimistisch. Er erklärte: «Ich hoffe sehr, dass wir jetzt eine Basis haben, auf der wir beginnen können, die Gesellschaft zu reorganisieren.» Dies sei aber kein «Selbstgänger». Er hoffe jedoch auf einen «guten Ausgang», sagte Görg.
In Bayern hängen nach Angaben des Betriebsrates mehr als 10 000 Arbeitsplätze an Quelle. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ernst Sindel sprach nach der Entscheidung von «riesiger Erleichterung». Der Kredit versetze Quelle in die Lage, den Geschäftsbetrieb wieder aufzunehmen. «Das gibt wahnsinnige Motivation», sagte Sindel der dpa.
Quelle kann seine Lieferanten schon nicht mehr bezahlen und ist seit Wochen darauf angewiesen, dass sie im Vertrauen auf die Staatshilfe in Vorleistung gehen. Auch die Druckerei des Quelle- Katalogs begann Freitagabend im Vertrauen auf Staatshilfe mit der Auslieferung von mehr als 100 000 Katalogen.

Die Beratungen über den Kredit hatten am Montagnachmittag begonnen. Sie dauerten bis in den späten Abend hinein. An den Gesprächen nahmen Staatssekretäre der Bundesregierung, Vertreter der Länder Sachsen und Bayern, der Banken sowie von Quelle und der vorläufige Insolvenzverwalter Görg teil. Kurz vor den Beratungen nannte Fahrenschon eine «fehlende Entscheidung des Bundesfinanzministers (Peer Steinbrück/SPD) als Grund für das tagelange Hängepartie um den Kredit.
Bereits am Wochenende hatte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Bundesregierung eindringlich aufgefordert, sich an dem Kredit zu beteiligen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte die tagelange Prüfung des Kredits damit, dass die strengen Vorgaben der EU für staatliche Hilfe eingehalten werden müssten. Ein Quelle-Sprecher hatte vor verheerenden und unabsehbaren wirtschaftlichen wie soziale Folgen gewarnt, falls der Kredit verweigert würde.
Eigenes Geld hat Quelle nicht mehr, weil das Unternehmen kurz vor dem Insolvenzantrag alle finanziellen Mittel an den Mutterkonzern Arcandor überweisen musste. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) forderte eine Überprüfung dieses Vorgangs. «Ich erwarte, dass die konzerninternen Vorgänge der Geldüberweisungen seitens des Unternehmens unverzüglich vollständig aufgeklärt werden, insbesondere wohin das Geld von Quelle geflossen ist», teilte er Sonntagabend mit. Der Mutterkonzern Arcandor bezeichnete die Überweisung als einen Routine-Vorgang, der nichts mit der Insolvenz zu tun gehabt habe.
Wie geht es weiter mit Quelle?
Der vom insolventen Versandhändler Quelle dringend benötigte Massekredit in Höhe von 50 Millionen Euro ist am Montagabend nach tagelanger Unsicherheit beschlossen worden. Fragen und Antworten:

Ist Quelle mit dem Kredit gerettet?
Endgültig gerettet ist Quelle nicht - erhält aber kostbare Zeit, um weiterzuarbeiten, sich neu aufzustellen und einen Investor zu finden. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) warnte allerdings bereits davor, bei einem Massekredit «mit glühenden Augen von Rettung» zu sprechen. Der Versandhändler ist überschuldet und hat nach Einschätzung von Experten und Politikern bereits seit längerem Probleme. Manche schätzen die Überlebenschancen von Quelle in der jetzigen Situation als gering ein. Quelle braucht einen Investor, der diesen Unternehmenszweig von Arcandor in eine neue Zukunft führen kann. So ein Retter ist bislang aber nicht öffentlich bekannt.
Wie ist die Lage bei Quelle?
Wenige Stunden vor dem Insolvenzantrag überwies Quelle sein letztes Geld an den Mutterkonzern Arcandor - dies sei ein üblicher Vorgang innerhalb von Konzernen, hieß es. Seitdem sind jedoch die Kassen von Quelle leer. Die Lieferanten von Waren und Dienstleistungen treten, wenn es ihnen möglich ist und Aussichten auf Bezahlung besteht, in Vorleistung. Quelle fürchtet aber, dass Kunden und Lieferanten nicht mehr lange bei der Stange bleiben.
Warum ein Massekredit?
Quelle wollte ursprünglich eine Bürgschaft. Die Voraussetzungen dafür sah der Interministerielle Bürgschaftsausschuss von Bund und Ländern jedoch nicht erfüllt. Die Bürgschaft hätte sofort gezogen werden müssen, da Quelle Geld braucht. Nun geht es um einen sogenannten Massekredit, den es für insolvente Unternehmen gibt, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Bei solchen Krediten wird der Kreditgeber vorrangig aus der Insolvenzmasse bedient. Den Kredit in Höhe von 50 Millionen Euro wollen sich der Bund (25 Mio Euro) und die Länder Sachsen (4 Mio Euro) und Bayern (21 Mio Euro) teilen.
Warum dauerte es so lange, bis eine Entscheidung fiel?
Der Bund pochte darauf, dass es bei Quelle für den Kredit genügend Sicherheiten gibt. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft war am Wochenende damit beschäftigt, diese Sicherheiten im Unternehmen auszumachen. Zudem sollte die staatliche KfW-Bank bei einem Ausfall zuerst Zugriff auf Sicherheiten in Höhe von 25 Millionen Euro haben - vor den Ländern Sachsen und Bayern. Diese Punkt galt am Freitag bereits als geklärt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erinnerte daran, dass bei der Kreditvergabe auch die Vorgaben aus Brüssel einzuhalten sind. Letztlich musste auch geprüft werden, ob ein Massekredit für Quelle überhaupt infrage kommt. Denn das Unternehmen hatte zwar Antrag auf Insolvenz gestellt - das Verfahren wurde aber noch nicht eröffnet.
Wie ist die politische Interessenlage?
Nach der Insolvenz von Quelle und des Quelle-Mutterkonzerns Arcandor am 9. Juni kündigte Kanzlerin Merkel an, dass die Bundesregierung den Beschäftigten helfen wolle. Guttenberg redete wiederholt von Chancen, die ein Unternehmen auch in der Insolvenz noch haben könne. Weder die Bundesregierung noch die bayerische Landesregierung haben ein Interesse daran, dass Quelle mit seinen rund 8000 Arbeitsplätzen vor der Bundestagswahl am 27. September den Betrieb einstellt. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) setzte sich vehement für den Massekredit ein.
Stichwort: Quelle
Früher wurde der Versandkatalog noch in der Nachbarschaft herumgereicht und lag irgendwann auf fast jedem Küchentisch. Heute nennt sich Quelle «das größte Homeshopping- Unternehmen in Europa» und setzt vor allem auf das Internet.

Das Versandhaus arbeitet unter dem Dach der Primondo-Gruppe, in der der Arcandor-Konzern seine Versandaktivitäten gebündelt hat. Primondo beschäftigt knapp 20 000 Menschen in 28 Ländern; bei der Quelle GmbH mit Sitz im fränkischen Fürth arbeiten rund 8000 Beschäftigte. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei 2,9 Milliarden Euro.
Am 9. Juni stellte die Arcandor AG in Essen Insolvenzantrag für sich und die Töchter Karstadt, Primondo und Quelle. Seitdem hoffen die Mitarbeiter, dass die Bundesregierung ihre Zustimmung zu einem Massekredit von insgesamt 50 Millionen Euro erteilt, um den Weiterbetrieb zu sichern. Bayern will dazu 21 Millionen Euro beisteuern. Sachsen, das ebenfalls um Arbeitsplätze bei Quelle bangt, hat vier Millionen Euro zugesagt. In Sachsen hängen rund 1300 Arbeitsplätze von Quelle ab, etwa im Versandhaus in Leipzig.
Die Insolvenz trifft Quelle mitten in einem tiefgreifenden Umbau, der in den vergangenen Jahren zu scharfen Einschnitten geführt hat. Das Unternehmen hatte die Bedeutung des Internets für den Handel zu spät erkannt; zudem gibt es mit dem Hamburger Versandhändler Otto einen scharfen Konkurrenten. Ziel ist nun die strategische Neuausrichtung auf das Internet-Geschäft, in dem nach Überzeugung des Managements die Zukunft des Versandhandels liegt. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres 2008/09 (30. September) gab es Online-Bestellungen für 720 Millionen Euro, das waren 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Gegründet wurde Quelle von dem Fürther Kaufmann Gustav Schickedanz (1895-1977). Als «Geburtstag» gilt der 26. Oktober 1927, an dem das Unternehmen in das Handelsregister am Amtsgericht Fürth eingetragen wurde. Quelle wuchs schnell und begann auch nach dem Zweiten Weltkrieg rasch wieder zu florieren. Nach dem Tod des Firmengründers führte dessen Witwe Grete Schickedanz (1911-1994) das Unternehmen weiter. 1999 fusionierte Quelle mit Karstadt zum KarstadtQuelle- Konzern, der später in Arcandor umbenannt wurde. Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, die Tochter von Gustav und Grete Schickedanz, ist Großaktionärin bei dem Unternehmen.




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