DEUTSCHLAND/WELT
03.07.2009

03.07.2009 | Fürth (dpa)
Lage von Quelle spitzt sich zu - Katalog gestoppt
Die Lage des insolventen Versandhauses Quelle spitzt sich weiter zu: Die Druckereien haben Produktion und Auslieferung des Hauptkatalogs komplett gestoppt. Hintergrund sind die Befürchtungen zweier Druckereien, dass die Arbeiten nicht bezahlt werden und sie auf ihren Kosten sitzenbleiben. Der Katalog ist jedoch für das Überleben von Quelle entscheidend.
Quelle-Sprecher Manfred Gawlas bestätigte am Freitag, dass Quelle trotz des von der Politik bewilligten Massekredits über 50 Millionen Euro noch nicht über Liquidität verfüge. Man hoffe, dass die Zahlungsfähigkeit Mitte nächster Woche wieder hergestellt sei. «Sobald wir Zugriff auf die Konten haben, werden wir in unserem ureigenen Interesse die drängendsten Rechnungen bezahlen.»
Der Insolvenzverwalter geht ebenfalls davon aus, dass die Essener Valovis-Bank bis zum kommenden Mittwoch die Zahlungen an Quelle wieder aufnehmen könne. Bis zum Montag sei mit der Vorlage des äußerst komplizierten Vertrags zu rechnen, der derzeit bereits 700 Seiten umfasse, sagte Thomas Schulz, der Sprecher des Arcandor-Insolvenzverwalters. Zahlreiche Auflagen aus Brüssel und des Bundes müssten darin berücksichtigt werden. Die Valovis-Bank, die die Finanzgeschäfte für Quelle abwickelt, hat das Versandhaus nach der Insolvenzanmeldung von jeglichen Geldströmen abgeschnitten.

«Das wird sich nächste Woche klären. Dann läuft alles wieder normal», sagte auch ein Arcandor-Sprecher in Essen. Die Sorge der Druckereien bezeichnete er als «verständlich». Sie sei jedoch unbegründet. Ein Teil der Auflage des Quelle-Katalogs von insgesamt neun Millionen Exemplaren sei zudem bereits ausgeliefert.
Der Katalog wird etwa zu einem Drittel von der Schlott-Gruppe (Freudenstadt) und zu zwei Dritteln von Prinovis mit Sitz in Itzehoe produziert. Auch die mittelständische Unternehmen Print.Forum (Sinsheim) ist beteiligt. Bei Schlott stehen die Maschinen bereits seit Mittwoch still. Sprecher Marco Walz sagte, bislang sei nicht gewährleistet, dass der Katalog bezahlt werde. «Wir haben noch keine Zusage», sagte er und bestätigte einen Bericht von «Focus Online».
Prinovis teilte mit, Schlott und Print.Forum hätten einen Eigentumsvorbehalt auf von ihnen vorproduzierte Bögen geltend gemacht. Diese Bögen sollten von Prinovis in Nürnberg zusammen mit Katalogseiten, die im eigenen Betrieb gedruckt wurden, zum Gesamtkatalog weiterverarbeitet werden. Prinovis sei jedoch verpflichtet, Produktion und Auslieferung des Katalogs auszusetzen, bis die Vorlieferanten von dem Eigentumsvorbehalt zurücktreten, und habe die Maschinen deshalb am Mittwochabend ebenfalls gestoppt. «Wir haben ein Interesse, unserem langjährigen Kunden Quelle zu helfen», sagte ein Firmensprecher. Es liege jedoch nicht in den Händen von Prinovis, wann man die Auslieferung fortsetzen könne.

Der Bund sowie die Länder Bayern und Sachsen hatten zur vorläufigen Rettung von Quelle einen Massekredit über 50 Millionen Euro zugesagt. Damit wird die Valovis-Bank besichert. Quelle-Sprecher Gawlas unterstrich, dass Quelle selbst das Geld aus dem Kredit nicht erhält. Zunächst müsse das Factoring-Programm wieder anlaufen. «Jede Verzögerung ist eine weitere Schwierigkeit für uns», räumte er ein. Ein Massekredit ist in der Insolvenz ein Instrument, um den Geschäftsbetrieb in vollem Umfang zu erhalten. Dabei steht der Kreditgeber in der Liste der Gläubiger ganz weit oben, seine Forderungen werden vorrangig bedient.
Quelle versuchte am Freitag mit positiven Nachrichten dagegenzuhalten. Im Juni seien erstmals 50 Prozent der Umsätze im Internet erzielt worden, berichtete das Unternehmen. Damit sei ein wichtiges Etappenziel bei der Ausrichtung von Quelle auf das elektronische Geschäft (E-Commerce) erreicht, erklärte Geschäftsführer Konrad Hilbers.
Eine klare Mehrheit der Bürger ist laut ZDF-Politbarometer gegen den 50-Millionen-Euro-Kredit für Quelle. 64 Prozent lehnen ihn ab und 31 Prozent finden ihn richtig, ergab die am Freitag veröffentlichte Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen bei 1206 Wahlberechtigten. Keine Angabe machten 5 Prozent.

Stichwort: Der Quelle-Katalog
Zweimal im Jahr landete der rund 1000 Seiten starke Quelle-Hauptkatalog in den deutschen Haushalten und bot bis zu 70 000 Artikel an - von der Herrensocke bis zur Waschmaschine. Die Produktion und Auslieferung des etwa zwei Kilogramm schweren Katalogs wurde nun aber gestoppt.
Druckereien fürchten um ihr Geld, nachdem sie die Arbeit an dem Katalog zuvor im Vertrauen auf Kreditzusagen begonnen und vorfinanziert hatten.
Beim Durchblättern der 1348 Seiten ist nur ein Zehntel des Gesamtangebots des Versandhauses zu entdecken - der Rest findet sich im Internet. Obwohl der Online-Handel an Bedeutung gewinnt, ist der Katalog mit einer Auflage von bis zu neun Millionen Exemplaren immer noch in etwa jedem vierten Haushalt zu finden. Der Hauptkatalog erscheint zweimal im Jahr, daneben gibt es noch Monats- und Spezialkataloge. Die erste Ausgabe erschien 1954.
Die Druckkosten für den Quelle-Hauptkatalog werden mit bis zu 25 Millionen Euro beziffert. Gut 70 Prozent der Internetbesteller informieren sich vor ihrem Einkauf noch in einem Katalog - und das über alle Altersgruppen hinweg. Darauf verweist der Bundesverband des Deutschen Versandhandels. Im vergangenen Jahr steuerte das Internet schon fast 47 Prozent zum Gesamtumsatz des Versandhandels von rund 29 Milliarden Euro bei. Nach Quelle-Angaben gibt der Versandhändler allein in Deutschland jährlich 143 Spezialkataloge heraus.




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