DEUTSCHLAND/WELT
05.07.2009

05.07.2009 | Geesthacht/Berlin (dpa)
Neuer Krümmel-Störfall heizt Atom-Debatte an
Nach einem erneuten Störfall im Kernkraftwerk Krümmel setzen Bundes- und Landesbehörden den Betreiber Vattenfall und die gesamte deutsche Stromwirtschaft stärker unter Druck.
Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kündigte an, er werde die Elektronik in allen deutschen Atommeilern untersuchen lassen. Die Kieler Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) will die Zuverlässigkeit von Vattenfall als Betreiber von Kernkraftwerken erneut prüfen lassen. Das Unternehmen entschuldigte sich öffentlich dafür, entgegen den Bestimmungen nicht unverzüglich den zuständigen Einsatzstab des Kieler Innenministeriums informiert zu haben. Zahlreiche Umweltorganisationen und Politiker der Grünen forderten, den Atommeiler an der Elbe endgültig stillzulegen.
Nach zwei Jahren Stillstand war das Kernkraftwerk vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, aber nicht störungsfrei gelaufen. Am Wochenende sollte der Reaktor wieder auf seine volle Leistung hochgefahren werden, schaltete sich aber selbstständig ab. Ursache war ein Kurzschluss in einem Transformator, ähnlich wie bei dem Störfall vor zwei Jahren, der zu dem jahrelangen Ausfall des Kraftwerks führte. «Der Transformator soll umgehend einer sorgfältigen Schadensanalyse unterzogen werden», sagte Ernst Michael Züfle, Geschäftsführer von Vattenfall Europe Nuclear Energy, am Sonntag in Hamburg. «Für die Ursache des neuen Kurzschlusses haben wir bisher keine Erklärung.» Nach dem Kurzschluss in dem anderen Transformator vor zwei Jahren seien an dem diesmal betroffenen Trafo umfangreiche Prüfungen und Analysen durchgeführt worden. «Unter anderem die Herstellerfirma und Sachverständige haben uns die uneingeschränkte Gebrauchsfähigkeit bestätigt.»

Trauernicht kritisierte neben dem Störfall selbst vor allem die Informationspolitik des Energiekonzerns. «Warum es nicht möglich war, binnen 40 Minuten auf dem fest vereinbarten und vorgeschriebenen Weg eine kurze Erstinformation über die Reaktorschnellabschaltung an das Lagezentrum und die Atomaufsicht zu geben, ist mir völlig unverständlich», sagte sie. «Auch dies muss Konsequenzen haben!» Züfle räumte Versäumnisse im Informationsfluss ein. «Wir bedauern außerordentlich, dass es durch den Vorfall erneut zu einer Verunsicherung der Öffentlichkeit gekommen ist», sagte er. Vattenfall werde aus dem Ablauf klare Konsequenzen ziehen.
Die Schnellabschaltung führte in der nahe gelegenen Millionenstadt Hamburg zu massiven Störungen und Einschränkungen. Rund 1500 von 1800 Ampelanlagen fielen vorübergehend aus. Die Wasserversorgung wurde durch ausfallende Pumpen und darauffolgende Wasserrohrbrüche im Westen der Stadt beeinträchtigt; tausende von Hamburgern waren in der Nacht zum Sonntag ohne Wasser. Auch die Aluminiumwerke und die Stahlwerke waren von Stromausfällen betroffen. Geldautomaten funktionierten nicht mehr. Mittlerweile sind alle Störungen wieder behoben.
Vor dem Kernkraftwerk demonstrierten am Sonntag Kernkraftgegner für die sofortige Abschaltung von Krümmel. Sie erhielten Unterstützung von Organisationen wie dem BUND, dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz BBU und Robin Wood, sowie verschiedenen Bundes- und Landespolitikern der Grünen. Die Minister Gabriel und Trauernicht erinnerten dagegen an die Möglichkeit aus der Vereinbarung über den Atom-Ausstieg, restliche Strommengen von älteren und anfälligeren Atomreaktoren auf neuere Anlagen zu übertragen und so ältere Anlagen früher vom Netz zu nehmen. Dagegen wandte sich CDU-Fraktionschef Volker Kauder. «So lange Kernkraftwerke sicher sind, sollen sie auch laufen können», sagte er dem «Hamburger Abendblatt».
Völlig offen ist, wann Krümmel wieder ans Netz gehen kann. Gabriel hat erklärt, dazu werde eine Genehmigung der Bundesaufsicht erforderlich sein. Auch die von Trauernicht veranlasste Prüfung der Zuverlässigkeit wird einige Zeit in Anspruch nehmen.
Hintergrund: Das Atomkraftwerk Krümmel

Das Atomkraftwerk Krümmel - 30 Kilometer südöstlich von Hamburg an der Elbe gelegen - kann mit einer Leistung von 1400 Megawatt jährlich rund zehn Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen.
Das entspricht laut Vattenfall etwa einem Drittel der gesamten in Schleswig-Holstein produzierten Menge. Das Kraftwerk ist seit 1983 in Betrieb und liefert seit 1984 kommerziell Strom, bislang rund 200 Millionen Megawattstunden. Es gilt damit als leistungsstärkster Siedewasserreaktor der Welt.
Krümmel wird immer wieder mit einer Häufung von Leukämiefällen in der Umgebung in Zusammenhang gebracht; Beweise dafür gibt es bislang nicht.
Chronologie: Vorfälle in Krümmel und Brunsbüttel
Das Atomkraftwerk Krümmel ist erst am 19. Juni nach fast zwei Jahren Stillstand wieder angefahren worden. Es war ebenso wie der Meiler Brunsbüttel nach einer Pannenserie am 28. Juni 2007 abgeschaltet worden.
Brunsbüttel liefert nach wie vor keinen Strom. Die Informationspolitik nach den Störfällen kostete hohe Manager des Betreibers Vattenfall Europe seinerzeit den Posten.
Eine Chronologie:

28.6.2007: Vattenfall meldet zwei Vorfälle: Das AKW Brunsbüttel fährt nach einem Kurzschluss herunter; gut eineinhalb Stunden später brennt in der Anlage Krümmel ein außerhalb des Reaktorgebäudes gelegener Trafo - das Kraftwerk geht per Schnellabschaltung vom Netz.
30.6.: Öffentlich erklärt Vattenfall: «Die Störungen in Krümmel und Brunsbüttel waren konventioneller Art und standen nicht mit dem Nuklearbereich der Anlagen in Verbindung.»
1.7.: Das AKW Brunsbüttel wird wieder angefahren, geht aber schon zwei Wochen später wegen eines Ölwechsels im Transformator in einen «Stand By-Betrieb».
3.7.: Vattenfall räumt ein, dass die Schnellabschaltung Krümmels auch im Herzstück der Anlage eine Panne an einer Pumpe auslöste.
6.7.: Die Atomaufsicht teilt mit, dass laut Vattenfall beim Feuer in Krümmel Rauch in die Kontrollwarte drang, kurz die Eigen-Stromversorgung des Reaktors ausfiel und nicht alle Computerdaten gespeichert wurden. Vattenfall räumt Fehler ein. Es habe ein Missverständnis beim Personal gegeben.
8.7.: Die Atomaufsicht berichtet, dass es entgegen Konzernangaben beim Wiederanfahren des AKW Brunsbüttel am 1.7. Pannen gab.
13.7.: Die Polizei erzwingt ein Gespräch mit dem Reaktorfahrer in Krümmel.
14.7.: Der Konzern räumt in einem Zwischenbericht Pannen und Kommunikationsprobleme ein.
16.7.: Vattenfall entbindet Atomsparten-Chef Bruno Thomauske von seinen Aufgaben. Konzernsprecher Johannes Altmeppen tritt zurück.
18.7.: Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher tritt zurück.
21.7.: Auch der Meiler Brunsbüttel wird vollständig abgeschaltet. Grund sind Probleme mit fehlerhaften Dübeln und Verankerungen.
4.2.2008: In Krümmel gibt es in einer Lüftungsanlage des Reaktors einen Schwelbrand, der sofort gelöscht werden kann.
20.2.: In Brunsbüttel schaltet sich ein Transformator in der Notstromanlage ungewollt ab. Ursache ist eine defekte Elektronikkarte.
18.5. 2009: In Brunsbüttel gibt es beim Testlauf eines Dieselmotors im unabhängigen Notstandssystem eine Panne. Im Kühlkreislauf wird ein Leck festgestellt.
19.6.: Nach fast genau zwei Jahren Stillstand kann Krümmel wieder ans Netz gehen. Brunsbüttel bleibt abgeschaltet.
1.7.: Krümmel geht nach gut einer Woche wieder vom Netz. Die Turbine der Anlage schaltete sich nach Betreiberangaben automatisch ab. Auslöser war der Ausfall eines Eigenbedarftransformators. Einige Stunden später wird die Anlage mit verminderter Leistung wieder aktiviert. Der Zwischenfall soll durch menschliches Versagen ausgelöst worden sein. Kurz nach der Wiederinbetriebnahme gab es bereits einen Defekt in der Elektronik.
4.7.: Krümmel steht nach einer Schnellabschaltung wieder still. Angeblich gab es einen Kurzschluss in einem Transformator.




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