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DEUTSCHLAND/WELT

 

15.07.2009

15.07.2009 | Antalya/Uelzen (dpa)

Hängepartie dauert an: Marco-Prozess auf Herbst

Warten und kein Ende: Der Missbrauchs-Prozess in der Türkei gegen den Schüler Marco aus Uelzen ist am Mittwoch in Antalya nach nur zwei Minuten Verhandlungsdauer auf den 16. September vertagt worden. Es habe nicht genügend Zeit gegeben, die neuen Akten zu studieren, sagte ein Gerichtssprecher am Nachmittag. Welche Akten damit gemeint sind, ließ er offen. Marco wird vorgeworfen, im Osterurlaub 2007 die damals 13-jährige Britin Charlotte sexuell missbraucht zu haben. Der Schüler bestreitet dies. Der Staatsanwalt hatte für Marco eine Verurteilung wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs gefordert.

«Dieses Argument für die Vertagung zieht mir die Schuhe aus. Das muss sich erstmal setzen», sagte Marcos deutscher Anwalt, Jürgen Schmidt, in Uelzen (Niedersachsen). «Auf den Nerven von Marco und seiner Familie wird herumgetrampelt.» Die Mutter hatte sich lediglich bei einem Urteilsspruch öffentlich äußern wollen. Tags zuvor hatte die Familie die Situation als unerträglich beschrieben. Niemand könne sich ausmalen, welche Ängste und Befürchtungen Marco bereits durchgestanden habe und auch heute noch durchstehen müsse.

Marcos türkischer Verteidiger konnte die Begründung des Gerichts für die Vertagung zwar auch nicht verstehen. Ahmet Ersoy betonte jedoch in Antalya: «Das Wichtigste ist aber, ein gerechtes Urteil zu bekommen.» Nun wird der Prozess gegen Marco erst nach der Sommerpause des Gerichts fortgesetzt. «Wenn es dann entgegen meiner Erwartung keinen Freispruch gibt, gehen meine türkischen Kollegen in Revision», kündigte der deutsche Anwalt Schmidt an.

Gut zwei Jahre und vier Monate nach der Festnahme des damals 17 Jahre alten Schülers hatten sämtliche Prozessbeteiligte an diesem Mittwoch mit einem Ende des Prozesses gerechnet. Als dann jedoch ein vor der Marco-Verhandlung anberaumter Prozess bis zum Ende der Dienstzeit des Gerichtes dauerte, gab es bei den Anwälten und dem Dutzend deutscher und türkischer Pressevertreter lange Gesichter. Die Verteidigung konnte nicht einmal ihr Plädoyer halten. Marcos Anwälte hatten zuvor angekündigt, einen Freispruch für den Schüler fordern zu wollen.

Für Marco geht damit die Nervenprobe weiter. Nach der Festnahme in der Hotellobby an der türkischen Riviera am 12. April 2007, den stundenlangen Verhören und insgesamt 247 Tagen in türkischer Untersuchungshaft ist nun wieder alles offen. Zu den Prozessterminen muss Marco allerdings nicht mehr anreisen. In Deutschland hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg Anfang Mai ihr  rmittlungsverfahren gegen Marco eingestellt, weil sich der Verdacht nicht bestätigt hatte. Der
junge Mann besucht inzwischen eine Berufsbildende Schule.

Marcos Freunde und Unterstützer überraschte die Nachricht der Vertagung nicht mehr. «Das Bemühen der türkischen Seite wird sein, die Untersuchungshaft in irgendeiner Weise zu rechtfertigen», sagte Siegfried Rabenau vom Freundeskreis Marco. Er vermutet, dass der Schüler eine Haftstrafe erhalten wird, die dann mit der U-Haft abgegolten wäre.


Chronologie Der Fall Marco

 

Marco aus Uelzen (Niedersachsen) soll 2007 im Türkei-Urlaub als 17-Jähriger die damals 13 Jahre alte Britin Charlotte sexuell missbraucht haben. Mehr als acht Monate saß er in Antalya in U-Haft. Nach zwei Jahren Prozess wurde am Mittwoch in Antalya nach nur zweiminütiger Verhandlungsdauer der Prozess erneut vertagt.

   11. April 2007: Ein Discoabend in Side endet für Marco und das Mädchen im Hotelzimmer der Britin. Er spricht später von gemeinsamen Zärtlichkeiten, sie von sexueller Belästigung.

   12. April: Nach einer Anzeige von Charlottes Mutter wird Marco festgenommen. Er kommt in Untersuchungshaft.

   6. Juli: Am ersten Prozesstag wird die Verhandlung nach eineinhalb Stunden vertagt. Marco bleibt hinter Gittern.

   8. August: Ein Gutachter bestätigt Marcos Aussage, dass das Mädchen keinen Geschlechtsverkehr hatte und nicht vergewaltigt wurde.

   6. September: Das Gericht gibt ein neues Gutachten in Auftrag.

   8. Oktober: Eine Haftbeschwerde wird wegen der Schwere des Tatvorwurfs abgelehnt.

   14. Dezember: Nach 247 Tagen Haft kommt Marco ohne Auflagen aus der Untersuchungshaft frei. Marco muss laut Gericht zum weiteren Verfahren nicht mehr erscheinen.

   7. Januar 2008: Marco ist wieder in Uelzen und wird nach einem Betriebspraktikum eine Fachoberschule für Technik besuchen.

   4. Juli: Weil ein medizinisches Abschlussgutachten fehlt, wird der Prozess vertagt.

   26. November: Mit der Begründung, es seien einige Richter ausgewechselt worden, wird der Prozess erneut vertagt.

   28. November: Marcos Buch «Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast» erscheint. Wegen der Veröffentlichung während des laufenden Verfahrens legen seine deutschen Rechtsanwälte ihre Mandate nieder.

   10. April 2009: Der erwartete Urteilsspruch bleibt aus, die Verhandlung wird auf den 5. Juni vertagt.

   4. Mai 2009: Die zuständige Staatsanwaltschaft in Lüneburg stellt das Ermittlungsverfahren gegen Marco ein. Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs habe sich nicht bestätigt, sagt ein Sprecher.

   5. Juni 2009: Der türkische Staatsanwalt fordert eine mehrjährige Haftstrafe, nennt aber keinen genauen Strafrahmen. Die Verteidigung kündigt an, am nächsten Verhandlungstag auf Freispruch zu plädieren.

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