DEUTSCHLAND/WELT
19.07.2009

19.07.2009 | Nachterstedt (dpa)
Bangen um drei Vermisste in Nachterstedt
Nach dem verheerenden Erdrutsch in Nachterstedt in Sachsen-Anhalt gibt es noch immer kein Lebenszeichen von den drei Vermissten. Die Hoffnung, das vermisste Ehepaar (48 und 50) und den Mann (51) lebend zu finden, wird von den Bergungskräften als gering eingeschätzt.
Sie hatten wegen der Gefahr weiterer Erdrutsche keine Möglichkeit zu den Haustrümmern vorzudringen, die in dem See vermutet wurden.
Gerätselt wird über die Unglücksursache, bei der ein Zusammenhang mit dem früheren Braunkohle-Tagebau angenommen wurde. «Es wird umfangreicher Gutachten in den nächsten Wochen und Monaten bedürfen», sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsstaatssekretär Detlef Schubert (CDU). Die Polizei leitete ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ein, hatte aber keinen konkreten Verdacht gegen mögliche Schuldige. Nachterstedt wurde zum Katastrophengebiet erklärt.
In der rund 2000 Einwohner zählenden Gemeinde im Harzvorland rief die Katastrophe Fassungslosigkeit und Bestürzung hervor. Am See bildete sich ein riesiger Kraterrand. Mit den Erdmassen auf einer Fläche von rund 350 mal 120 Metern versanken auch eine Straße und eine Aussichtsplattform im Concordia-See. Ein Mehrfamilienhaus, dessen Bewohner im Urlaub sind, wurde ebenso zur Hälfte zerstört. Dieses Gebäude und das 1936 gebaute Doppelhaus standen rund 120 Meter vom Seeufer entfernt.
41 Bewohner aus umliegenden Häusern wurden bis auf weiteres in anderen Gebäuden untergebracht. Sie bekamen Gutscheine, um sich Lebensmittel und andere Dinge für den Lebensunterhalt zu kaufen.

Für Erleichterung sorgte unterdessen die Entwarnung im Fall eines 22 Jahre alten Taubstummen, dessen Schicksal nach dem Unglück bis Sonntagmittag unklar war. Er meldete sich wohlauf bei den Einsatzkräften. Der Sohn des vermissten 51-Jährigen wohnt zwar an einem anderen Ort, ist aber in dem versunkenen Doppelhaus gemeldet. Die Frau des vermissten 51-Jährigen überlebte das Unglück, weil sie Ärztin ist und Nachtdienst hatte. Vermisst wird auch ein Ehepaar im Alter von 48 und 50 Jahren.
Am Sonntag berieten die Rettungskräfte über eine Möglichkeit, zu den in dem Concordia-See vermuteten Opfern vorzudringen, kamen aber nicht voran. Geplant war, mit einem Boot an die Stelle zu gelangen, weil das Gelände rund um die Abbruchkante weiter einsturzgefährdet war. Auch der Einsatz eines Roboters der Bundeswehr wurde geprüft. Suchhunde konnten nicht eingesetzt werden, weil das Seeufer weich und morastig war. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) besuchte am Sonntag Nachterstedt und sprach mit Rettungskräften und Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten.
Bereits 1959 hatte es in Nachterstedt, wo bis 1991 Braunkohle abgebaut wurde, ein schweres Unglück gegeben, als gewaltige Erdmassen wegsackten. Ein Bergarbeiter wurde getötet. Dieses Unglück führten Experten auf den lockeren Sandboden zurück, der sich mit Wasser vollgesogen hatte. Ein solcher Verlauf wurde auch zur Erklärung des Erdrutsches am Samstag in Erwägung gezogen. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die für die Flutung des Sees zuständig ist, schloss nicht aus, dass sich unter dem Gelände Stollen des früheren Untertagebaus befanden, die möglicherweise zur Instabilität geführt haben.
Den zurzeit rund 350 Hektar großen See nutzen Schwimmer, Taucher und Wassersportler. Bisher sind 40 Prozent der geplanten Wassermenge in den See gelaufen, die Flutung soll im Jahr 2027 beendet sein. Dann soll der Wasserspiegel um weitere 20 Meter angestiegen sein.
Chronologie: Unglücke durch Bauarbeiten und Bergbau
Immer wieder geschehen in Deutschland Unglücke durch Erdrutsche und Absackungen, die vom Bergbau oder Tunnelarbeiten verursacht werden. dpa listet einige Beispiele auf:
Juli 2009: Im westfälischen Kamen entsteht nach Bohrarbeiten für eine Erdwärmeanlage ein mehrere Meter tiefer Krater, ein Bagger versinkt. Der Schaden geht in die Millionen. An umliegenden Häusern bilden sich Risse.
März 2009: Das Historische Stadtarchiv in Köln und zwei benachbarte Häuser stürzen ein. Das Unglück steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Bau einer neuen U-Bahn. Zwei junge Männer kommen ums Leben.
November 2008: Vor der Garage eines Einfamilienhauses in Siegen (Nordrhein-Westfalen) reißt ein zwei Meter tiefes Loch auf. Ein 200 Jahre alter Erzbergbau-Schacht war eingebrochen.
Sommer 2004: Eine kleine Senke vor einer Garage in einem Wohngebiet in Mülheim/Ruhr wird mit 8,5 Millionen Euro zum teuersten Tagesbruch der deutschen Bergbaugeschichte. Betroffen ist eine gesamte Straße. Grund: ein 200 Meter langer, wilder Kohleabbau.
April 2003: Bei Bauarbeiten an einer S-Bahn-Haltestelle am Hamburger Flughafen verursacht ein Wassereinbruch einen Millionenschaden. In einer Baugrube war ein Hohlraum entstanden und eine Hochdruck-Wasserleitung gebrochen.
Juli 1997: An einer Großbaustelle der Deutschen Bahn in Berlin bricht ein Tunnel ein. Weite Teile des umliegenden Erdreichs sacken ab. Menschen werden nicht verletzt. Vermutlich hatte Grundwasser eine Betonwand gesprengt.
September 1994: In München stürzt ein voll besetzter Linienbus an einer U-Bahn-Baustelle in ein Riesenloch, das sich plötzlich in der Straße auftut. Zwei Fahrgäste und ein Bauarbeiter kommen ums Leben, 36 Menschen werden verletzt. Der 150 Quadratmeter große und 10 Meter tiefe Krater entstand infolge eines Wasser- und Kieseinbruchs unter Tage.




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