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DEUTSCHLAND/WELT

 

22.07.2009

22.07.2009 | Berlin (dpa)

Bundeswehr mit Panzern in Afghanistan-Offensive

 

Die Bundeswehr kämpft derzeit in ihrer bisher größten Militäroffensive gegen radikal-islamische Taliban in Nord-Afghanistan und setzt dabei erstmals Panzer und schwere Waffen ein.

 

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) begründete die Operation von rund 300 deutschen und 900 afghanischen Sicherheitskräften am Mittwoch in Berlin mit der Verschlechterung der Lage im Raum Kundus durch zunehmende Angriffe und Hinterhalte von Aufständischen. «Wir sind jetzt besonders herausgefordert in Kundus», sagte er.

 

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan sagte, Ziel sei, die Lage dort vor der afghanischen Präsidentschaftswahl im August wieder unter Kontrolle zu bekommen, um einen ordnungsgemäßen Ablauf der Wahl zu gewähren. «Es war jetzt einfach an der Zeit, diese Eskalation vorzunehmen, (...) auch um Abschreckungseffekte zu erzielen.» Die Offensive in einem Radius von 30 Kilometern um Kundus werde noch etwa eine Woche dauern. Das Sicherheitsproblem sei damit aber nicht erledigt. «Wir sind jetzt sieben Jahre in Afghanistan. Das ist das Problem der Asymmetrie. Wir wissen es nicht, wie sich das entwickelt.»

 

Die Linke warf Jung vor, er kalkuliere den Tod von immer mehr Zivilisten und Soldaten ein. «Frieden in Afghanistan kann nicht herbeigebombt werden», sagte der Abgeordnete Paul Schäfer. Jung warnte die Linkspartei wiederum davor, den Afghanistan-Einsatz in Deutschland als «Wahlkampf-Munition» zu nutzen. Die Taliban suchten die Bundeswehr gezielt für Angriffe aus, weil sie um die Wirkung in der deutschen Bevölkerung wüssten. Die Taliban missbrauchten auch Kinder als Schutzschilde und hätten keinen Respekt vor Krankenwagen. «Das Rote Kreuz ist für sie eher noch ein Angriffsziel.»

Nach dem «Sorgenbarometer» des Magazins «Stern» wächst in Deutschland die Furcht der Deutschen vor Kriegen mit deutscher Beteiligung. 35 Prozent der Befragten hätten Angst davor - 5 Prozentpunkte mehr als bei einer Umfrage im März.

 

Schneiderhan sagte, neu an dieser Militäroffensive sei das Ausmaß, das es im Norden so noch nicht gegeben habe. Der Einsatz schwerer Waffen sei dagegen «keine neue Qualität», da die Truppe dort schon lange über das Kriegsgerät verfüge. Die Militärführer vor Ort entschieden aber, wann, wo und wie die Waffen eingesetzt würden. Nach Angaben aus der Bundeswehr werden radikal-islamische Taliban in der Region aus Pakistan gesteuert und finanziert. Die Taliban sollten nun vertrieben und ihre Führung zerstört werden.

 

Laut Verteidigungsministeriums kommt auch sogenannte Luftnahunterstützung zum Einsatz, in der Militärsprache «close air support» genannt. Das bedeutet, dass die Luftwaffe den Bodentruppen zu Hilfe kommt. Diesmal soll erstmals aus der Luft scharf geschossen worden sein. Die Linke meinte, bedroht seien davon auch Zivilisten, was die Bevölkerung in die Arme der Taliban treibe.

 

Jung bezeichnete den Einsatz trotz der neuen Offensive nicht als Krieg: «Wir machen einen Stabilisierungseinsatz und keinen Krieg.» Ziel sei nicht, die westliche Demokratie nach Afghanistan zu tragen. «Dort müssen wir jetzt die Sicherheitslage in den Griff bekommen, um auch weiter Wiederaufbau vorantreiben zu können.» In 360 von 400 Distrikten sei die Lage stabil. Der Grünen-Verteidigungsexperte Winfried Nachtwei beklagte, in Kundus mache sich der gravierende Fehler bemerkbar, dass hunderte Stellen bei der Polizei gestrichen worden seien. Dadurch hätten sich die Taliban dort festsetzen können.

 

Schneiderhan und Jung erklärten, sie sähen keine Notwendigkeit, den Bundestag um eine erneute Ausdehnung des Einsatzes zu bitten. Das Mandat erlaube den Einsatz von bis zu 4500 Soldaten und er habe noch Spielraum, sagte Schneiderhan. In der Bundeswehr wird allerdings mit zusätzlichen Aufgaben in Afghanistan gerechnet, was mit der derzeitigen Truppenstärke nicht geleistet werden könnte.


 

Chronologie: 35 Tote bei Bundeswehreinsatz

Mit dem jüngsten Vorfall in der nordafghanischen Region Kundus sind beim Einsatz am Hindukusch bislang 35 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. 16 von ihnen fielen nach Angaben der Bundeswehr Anschlägen und Gefechten zum Opfer.

 

23. Juni 2009: Nach einem Feuergefecht in der Region Kundus sterben drei Bundeswehrsoldaten. Sie sollen bei einem Ausweichmanöver mit ihrem Transportpanzer vom Typ «Fuchs» umgekippt und in einem Graben liegengeblieben sein.

 

29. April 2009: In der Nähe der Stadt Kundus gerät eine Patrouille der Bundeswehr in einen Hinterhalt. Ein deutscher Soldat stirbt, vier weitere werden verletzt. Wenige Stunde zuvor waren bei einem Attentat in der Nähe des deutschen Feldlagers Kundus fünf deutsche Soldaten leicht verletzt worden.

 

20. Oktober 2008: Zwei deutsche Soldaten sterben bei einem Selbstmordanschlag nahe der Stadt Kundus. Die Taliban bekennen sich zu dem Anschlag.


27. August 2008: Eine Patrouille der Bundeswehr gerät in der Nähe von Kundus in eine Sprengfalle. Ein Soldat erliegt seinen Verletzungen, drei weitere werden verletzt.


19. Mai 2007: Bei einem Selbstmordanschlag eines Taliban-Terroristen auf einem Markt in Kundus werden drei Soldaten einer Fußpatrouille getötet, zwei weitere verletzt.

 

14. November 2005: In Kabul reißt ein Selbstmordattentäter einen Bundeswehrsoldaten mit in den Tod, zwei weitere werden verletzt. Zu dem Anschlag bekennen sich die radikal-islamischen Taliban.

 

7. Juni 2003: In Kabul werden bei einem Selbstmordattentat vier Bundeswehrsoldaten getötet und 29 verletzt. Ein mit 150 Kilogramm Sprengstoff beladenes Taxi explodierte neben einem Bundeswehrbus.


29. Mai 2003: Ein Geländewagen fährt in der Nähe des deutschen ISAF-Camps in Kabul auf eine Mine. Ein deutscher Soldat stirbt.

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