DEUTSCHLAND/WELT
24.07.2009

24.07.2009 | Stuttgart/Wolfsburg (dpa)
Nach Übernahme-Krimi beraten Porsche und VW Details
Nach dem Übernahme-Krimi von Volkswagen und Porsche und dem Aus für Porsche-Chef Wendelin Wiedeking müssen die beiden Autobauer weitere Details beraten und Machtbereiche abstecken. Außerdem deutet sich eine Diskussion um eine Kapital-Beteiligung für die Arbeitnehmer in dem neuen Konzern an, wie die IG Metall sie fordert.
Europas größter Autobauer übernimmt nach der Entscheidung von Donnerstag die hochverschuldete Sportwagenschmiede und strebt an die Weltspitze. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der ursprünglich VW schlucken wollte und zum Abschied von der Belegschaft gefeiert wurde, trat nach der Niederlage gegen VW-Patriarch Ferdinand Piëch zurück. Der Wolfsburger Konzern will Porsche bis Mitte 2011 schrittweise als zehnte Marke in das neue Autoimperium einbauen. Neuer milliardenschwerer Großaktionär wird das Wüstenemirat Katar.
Neben Wiedeking wird auch Finanzvorstand Holger Härter den Konzern mit sofortiger Wirkung verlassen. Wiedekings Nachfolger an der Spitze von Porsche, der bisherige Produktionsvorstand Michael Macht, bezeichnete seine Ernennung als ein Zeichen für die Kontinuität des Unternehmens. Jetzt gelte es, die Absatzkrise und den Schulterschluss mit VW zu meistern, sagte er nach einer einer Marathonsitzung in der Nacht zu Donnerstag. Der neue starke Mann im VW/Porsche-Konzern dürfte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn werden. Porsche hatte sich mit der Übernahme von knapp 51 Prozent von VW verhoben und gut zehn Milliarden Euro Schulden angehäuft.

Nach der Entscheidung der Aufsichtsräte von Porsche und Volkswagen soll durch eine schrittweise Beteiligung von Volkswagen an Porsche und die anschließende Verschmelzung der Porsche Holding SE mit der Volkswagen AG ein neuer Großkonzern entstehen. Die Familien Porsche und Piëch werden mit mehr als 50 Prozent der Aktien Mehrheitseigner des künftigen Konzerns. Danach folgt Niedersachsen mit 20 Prozent. Das Emirat Katar werde zunächst 17 Prozent aus den Optionen von Porsche an VW erwerben.
Die Konkurrenz dürfte diese Wandlung zum Markt-Giganten aufmerksam verfolgen: Denn nach Ansicht des Branchenexperten Willi Diez könnte das Zusammengehen von VW mit Porsche für die deutschen Autobauer Daimler und BMW gravierende Folgen haben. «Daimler und BMW wissen hoffentlich, was auf sie zukommt», sagte der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen/Steige (dem Bremer
«Weser-Kurier» (Freitag). Er Experte empfahl den beiden Premiumherstellern, ihre alten Kooperationspläne wieder zu intensivieren.
Hintergrund: Gewinner und Verlierer im Autokrimi
Es dürfte eine der heftigsten und längsten Übernahmeschlachten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte gewesen sein.
Intrigen, Drohgebärden, scharfe verbale Angriffe und massive Beschimpfungen - nichts von dem ließen die Kontrahenten aus in ihrem monatelangen Kampf um die Macht bei VW und Porsche. Nach den Aufsichtsratssitzungen bei Porsche und VW ist der Autokrimi nun entschieden. Europas größter Autokonzern VW und die kleine Sportwagenschmiede Porsche sollen zu einem neuen Autoimperium verschmelzen - VW übernimmt Porsche.
DIE GEWINNER
FERDINAND PIËCH - Für den gewieften Strippenzieher und Chefaufseher bei VW erfüllt sich ein Stück mehr von seiner großen Vision: Ein großes, alle Mobilitätssparten umfassendes Autoreich, das weltweit an der Spitze steht. Am Anfang - als Porsche im September 2005 den geplanten Einstieg bei VW verkündete - soll der VW-Patriarch angeblich eingeweiht gewesen sein. Doch dann drehte der den Spieß um. Seit der Schlamassel bekannt wurde, in dem Porsche steckt, arbeitete Piëch am Kauf des Sportwagengeschäfts durch VW. Bei einer Autovorstellung auf Sardinien im Mai erhöhte er den Druck auf Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und machte deutlich, dass er die Führungsrolle in einem vereinten Großkonzern bei VW-Boss Martin Winterkorn sieht.
CHRISTIAN WULFF - Der niedersächsische CDU-Ministerpräsident hat im Schulterschluss mit Piëch die Verschmelzungspläne gegen massive Widerstände aus Stuttgart durchgefochten. Dabei konnte Wulff von einer Position der Stärke aus agieren, weil es ihm gelungen war, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel das VW-Gesetz zu retten. Es sichert dem Land Niedersachsen mit seinem 20 Prozent-Anteil ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen bei VW sichert. Ohne Niedersachsen läuft nichts mehr bei VW - und auch Wiedeking, der mit allen Mitteln das VW-Gesetz bekämpfte, biss auf Granit.
BERND OSTERLOH - Den einflussreichen VW-Betriebsratschef verärgerte Wiedeking schon von Beginn an: Bei VW dürfe es keine «heiligen Kühe» geben, ließ er kurz nach dem Einstieg in Wolfsburg wissen - ein Angriff auf die Konsens-Kultur bei VW, mit einer starken Mitbestimmung, Haustarif und einer traditionell mächtigen IG Metall. Doch der Provokateur aus Stuttgart zog letzten Ende den Kürzeren. Die Allianz von Arbeiterschaft und Milliardär erwies sich wieder einmal als belastbar. Osterloh zog mit Piëch an einem Strang, um das Unternehmen vor einer Übernahme durch Porsche zu schützen.
DIE VERLIERER
WENDELIN WIEDEKING - Seine Niederlage hat der jetzt abgetretene Porsche-Chef nach Einschätzung von Experten zum Teil auch sich selbst zuzuschreiben. Von Anfang an habe er viel guten Willen bei der Belegschaft in Wolfsburg und bei der Landesregierung in Niedersachsen verspielt. Ganz ohne Not habe er schon in der ersten Zeit viel Aggressivität in die Debatte um die Übernahme von VW durch Porsche gebracht. Auch dafür erhalte er jetzt die Quittung, heißt es in Branchenkreisen. Ein taktischer Fehler war, dass er fest von der Abschaffung des VW-Gesetzes durch die EU ausging und Wulff unterschätzt hat.
WOLFGANG PORSCHE - Der Porsche-Chefaufseher hat lange seine schützende Hand über Wiedeking gehalten, zum Schluss aber musste er nachgeben, um den hoch verschuldeten Konzern zu retten. In Branchenkreisen hieß es, er sei zuletzt möglicherweise auch unter den Druck der restlichen Familienmitglieder geraten, die zum Teil in ganz unterschiedlichen Berufen unterwegs sind und denen es vor allem um die Sanierung des Unternehmen gehe.
GÜNTHER OETTINGER - Er kämpfte für die Unabhängigkeit von Porsche, um den prestigeträchtigen Namen samt Steuereinnahmen im Lande zu halten. Doch er unterlag. Im Laufe der Zeit verstärkte sich der Eindruck immer mehr, dass Oettinger Wulff kein Paroli bieten kann. Die Zuffenhausener fühlten sich von ihrem Ministerpräsidenten im Stich gelassen - Oettinger habe sich nicht genug engagiert, um das VW-Gesetz abzuschaffen, beklagten sie.
Hintergrund: Die Machtkonstellationen
Am Anfang lief alles ganz friedlich bei Volkswagen und Porsche. Mit offenen Armen wurde die kleine feine Sportwagenschmiede bei VW empfangen, als sie im September 2005 verkündete, sie wolle sich an dem sehr viel größeren Wolfsburger Autobauer beteiligen.
Porsche wurde als «weißer Ritter» gefeiert, denn VW hatte außer dem Land Niedersachsen keinen Großaktionär zum Schutz vor einer feindlichen Übernahme. Alle begrüßten das Projekt. Doch als Porsche nach der ganzen Macht bei Europas größtem Autobauer griff, gingen die Hauptakteure zum Angriff über. Die wichtigsten Konstellationen der Gewinner und Verlierer:
FERDINAND PIËCH UND WENDELIN WIEDEKING:
Der mächtige VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Miteigentümer Piëch einerseits und der bisherige Porsche-Chef Wiedeking andererseits waren die entscheidenden Kontrahenten. Dabei konnte sich Wiedeking lange Zeit auf den Rückhalt von Porsche-Chefaufseher Wolfgang Porsche verlassen. Doch nachdem klar wurde, dass er sich bei der Übernahme von VW massiv verzockt hatte, konnte auch Porsche Wiedeking zum Schluss nicht mehr retten. Der gewiefte Taktiker Piëch verbuchte den Sieg. Die Führungsrolle in dem neuen Großkonzern sieht Piëch bei seinem Vertrauten, VW-Chef Martin Winterkorn.
FERDINAND PIËCH und CHRISTIAN WULFF:
Die beiden waren nicht von Anfang an Freunde. Im Gegenteil: Am Anfang gehörte der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Wulff zu Piëchs schärfsten Widersachern - er kritisierte vor allem dessen Doppelrolle als VW-Chefaufseher und Porsche-Miteigentümer. Zuletzt aber einte sie das gemeinsame Ziel, den Wolfsburger Konzern vor einer Übernahme durch Porsche zu schützen.
CHRISTIAN WULFF und GÜNTHER OETTINGER:
Mit seinem Parteifreund und Regierungschef in Baden-Württemberg Günther Oettinger war Wulff dagegen auf Konfliktkurs. Er kenne kein Tier, «bei dem der Schwanz mit dem Hund wedelt», ließ er in Richtung Stuttgart verlauten, als Porsche VW übernehmen wollte. Oettinger kämpfte für die Unabhängigkeit von Porsche, um den prestigeträchtigen Namen samt Steuereinnahmen im Lande zu halten - auch er nun ein Verlierer.
WENDELIN WIEDEKING UND CHRISTIAN WULFF:
Das Duell von Wiedeking und dem Regierungschef in Hannover drehte sich vor allem um das VW-Gesetz, das dem Land Niedersachsen mit 20 Prozent Anteil an dem Autobauer ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen sichert. Wiedeking setzte darauf, dass die EU das Gesetz kippt und Porsche über einen Beherrschungsvertrag auch an die Barreserven von VW gelangen würde. Doch das Kalkül schlug fehl. Im Schulterschluss mit Bundeskanzlerin Angela Merkel konnte Wulff das VW-Gesetz retten. Das trug dazu bei, Wiedeking in Bedrängnis zu bringen die Zwangslage zu bringen. Porsche häufte gut 10 Milliarden Euro Schulden an, VW hat gut ebenso hohe liquide Mittel.
WOLFGANG PORSCHE UND FERDINAND PIËCH:
Die Cousins, beide Enkel des Autopioniers Ferdinand Porsche, geben sich nach außen hin meist in bestem Einvernehmen. Tatsächlich sollen sie oft zerstritten sein. Wolfgang Porsche hielt lange an Wiedeking fest, aber zum Schluss musste er dem Übernahmeangebot von VW nachgeben, um den hochverschuldeten Sportwagenbauer zu retten.
BERND OSTERLOH und WENDELIN WIEDEKING:
Den einflussreichen VW-Betriebsratschef verärgerte Wiedeking schon von Beginn an: Bei VW dürfe es keine «heiligen Kühe» geben, ließ er kurz nach dem Einstieg in Wolfsburg wissen - ein Angriff auf die Konsens-Kultur bei VW, mit einer starken Mitbestimmung, Haustarif und einer traditionell mächtigen IG Metall. Es folgte ein erbitterter Streit um die Mitbestimmung in der Porsche SE, der VW- Betriebsrat sah sich in einer Vereinbarung dazu ausgebootet. Nun aber gehört Osterloh zu den Gewinnern.
BERND OSTERLOH und UWE HÜCK:
Während Osterloh gemeinsam mit Piëch und Wulff für die Eingliederung der Porsche AG in den Wolfsburger Konzern kämpfte, setzte sich der Porsche-Betriebsratschef massiv für die Eigenständigkeit des Sportwagenbauers ein. Zuletzt drohte er sogar mit Streik.




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