DEUTSCHLAND/WELT
30.07.2009

30.07.2009 | Palma de Mallorca (dpa)
Mallorca nach Terroranschlag zeitweise abgeriegelt
Terror im Ferienparadies: Mitten in der Hochsaison haben mutmaßliche ETA-Terroristen auf der spanischen Ferieninsel Mallorca einen Bombenanschlag verübt und zwei Polizisten getötet. Das Attentat ereignete sich am Donnerstag im beliebten Badeort Palmanova, in dem Tausende von Urlaubern ihre Ferien verbringen. Die Sicherheitskräfte riegelten Mallorca vorübergehend von der Außenwelt ab. Der Flughafen der Insel wurde für eine Stunde und 40 Minuten geschlossen, auch in den See- und Jachthäfen ging vorübergehend nichts mehr. Im europäischen Luftverkehr kam es zu massiven Verspätungen.
Nach Angaben der Behörden besteht kein Zweifel daran, dass die baskische Untergrundorganisation ETA hinter dem Attentat steckt. Die ETA, die an diesem Freitag vor 50 Jahren gegründet wurde, hatte erst am Mittwoch in der nordspanischen Stadt Burgos vor einer Polizeikaserne eine 200-Kilo-Bombe gezündet und 65 Menschen verletzt. Zu beiden Terroranschlägen gab es keine Vorwarnung.

Der Anschlag auf Mallorca war gegen die Besatzung eines Streifenwagens der paramilitärischen Guardia Civil (Zivilgarde) gerichtet. Wie der Präfekt auf den Balearen, Ramon Socías, mitteilte, hatten die Terroristen an dem Polizeifahrzeug eine Haftbombe angebracht und mit einer Fernzündung zur Explosion gebracht. Die beiden Beamten an Bord des Fahrzeugs waren auf der Stelle tot. Der Präfekt bestritt Medienberichte, wonach bei der Explosion mehrere Passanten verletzt wurden.
In der Nähe des Tatorts entdeckten die Ermittler später in einem parkenden Auto eine zweite Bombe. Das Fahrzeug war vor einer Polizeikaserne in Palmanova abgestellt. Sprengstoffexperten der Polizei wollten die Bombe nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur EFE noch am Abend mit einer «kontrollierten Sprengung» unschädlich machen.
Die Bundesregierung verurteilte den Terroranschlag auf Mallorca scharf. «Deutschland steht in dieser schweren Stunde an der Seite Spaniens», erklärte Außenminister Frank- Walter Steinmeier in Berlin. Nach Schätzungen des Deutschen ReiseVerbands(DRV) halten sich gegenwärtig allein zwischen 150 000 und 200 000 Deutsche auf Mallorca auf.

Die ETA hatte in der Vergangenheit mehrere Anschläge auf Mallorca verübt, dabei aber bislang keinen Menschen getötet. Im Jahr 1995 war die Organisation auf der Insel mit dem Vorhaben gescheitert, den spanischen König Juan Carlos mit einem Präzisionsgewehr zu erschießen.
Der Anschlag auf die Polizisten ereignete sich nur etwa acht Kilometer vom Marivent-Palast entfernt, in dem die königliche Familie traditionell ihre Sommerferien verbringt. Juan Carlos und Königin Sofía wurden für den kommenden Samstag auf Mallorca erwartet.
Um ein Entkommen der Terroristen zu verhindern, leiteten die Sicherheitskräfte die «Operation Käfig» ein und ordneten zwei Stunden nach dem Anschlag die vorübergehende Schließung des Flughafens und der Seehäfen an. Mallorcas Flughafen Son Sant Joan ist während der Feriensaison einer der Airports mit dem höchsten Passagieraufkommen in Europa. Für Donnerstag war die Abfertigung von 660 Flugzeugen mit insgesamt 86 900 Passagiere an Bord vorgesehen. Infolge der Schließung bauten sich erhebliche Verspätungen im europäischen Luftverkehr auf. Tausende von Passagieren waren betroffen.

In Palmanova durften zahlreiche Urlauber in unmittelbarer Nähe des Tatorts ihre Hotels vorübergehend nicht verlassen. Die Polizei hatte um den Ort der Explosion eine Sicherheitszone eingerichtet und das Betreten und Verlassen des Gebiets zeitweise untersagt.
Probleme bereitete die Schließung vor allem auch der Fluggesellschaft Air Berlin: Sie hat in Palma ihr Drehkreuz mit zahlreichen Umsteigeverbindungen. Dabei wurden Verspätungen von bis zu 195 Minuten gemeldet. Viele Flugzeuge, die in Richtung Mallorca starten sollten, blieben in den Heimatländern zunächst am Boden. Andere Maschinen, die bereits in der Luft waren, wurden umgeleitet. Die Fluggesellschaften hofften, trotz der Zwangspause die Verspätungen im Laufe der Nacht wieder aufholen zu können, da es am Flughafen von Mallorca kein Nachtflugverbot gibt.
Blutige Terroranschläge der ETA
Viele blutige Anschläge gehen auf das Konto der baskischen Separatistenorganisation ETA. Fälle aus neuerer Zeit:
19. Juni 2009: Bei einem Bombenanschlag auf einem Parkplatz nahe Bilbao wird ein Polizeiinspektor getötet.
14. Mai 2008: Vor einer Polizeikaserne nahe der baskischen Hauptstadt Vitoria explodiert eine Autobombe. Ein 41-jähriger Polizist stirbt.
7. März 2008: Zwei Tage vor der Parlamentswahl in Spanien erschießen mutmaßliche ETA-Terroristen einen früheren Politiker der regierenden Sozialisten.
1. Dezember 2007: Im südfranzösischen Capbreton erschießen ETA-Terroristen zwei spanische Polizisten. Die beiden Männer der Guardia Civil waren zur Aufklärung des ETA-Rückzugsgebiets in Frankreich eingesetzt.
30. Dezember 2006: Bei einem Bombenanschlag auf dem Madrider Flughafen Barajas kommen zwei Menschen ums Leben. Durch die Wucht der Explosion stürzen mehrere Parkdecks ein.
6. Dezember 2004: In sieben spanischen Städten explodieren fast zeitgleich Bomben, die allerdings nur geringe Sprengkraft haben. 13 Menschen werden leicht verletzt.
22. Juli 2003: Bei Bombenanschlägen auf zwei Urlauber-Hotels an der Costa Blanca werden 13 Menschen verletzt, darunter ein Deutscher.
30. Mai 2003: Eine Bombe detoniert unter einem Polizeifahrzeug. Zwei Menschen kommen ums Leben, sechs werden verletzt.
4. August 2002: Im ostspanischen Badeort Santa Pola detoniert eine Autobombe der ETA und tötet zwei Menschen.
17. März 2001: Bei der Explosion einer Autobombe im spanischen Urlaubsort Rosas kommt ein Polizist ums Leben.
21. November 2000: In Barcelona töten mutmaßliche ETA-Terroristen den früheren sozialistischen Gesundheitsminister Ernest Lluch (63) mit
zwei Kopfschüssen.
30. Oktober 2000: Mutmaßliche ETA-Mitglieder töten mit einer Autobombe in Madrid einen hohen spanischen Richter und zwei Begleiter. Fast 70 Anwohner und Passanten werden verletzt.
21. September 2000: Mutmaßliche ETA-Terroristen erschießen bei Barcelona den konservativen Kommunalpolitiker Jose Luis Ruiz Casado. 7. Mai 2000: Im Baskenland erschießt die Untergrundorganisation einen Journalisten der Zeitung «El Mundo».
ETA - Bomben für ein unabhängiges Baskenland
Seit 50 Jahren hat die Untergrundorganisation ETA im Kampf für einen unabhängigen baskischen Staat Bomben gelegt und gemordet. Bei etwa 4000 Terroranschlägen kamen mehr als 830 Männer, Frauen und Kinder ums Leben. 2300 Menschen wurden verletzt. Die ETA sieht sich selbst als linksstehende Befreiungsorganisation. Von der Europäischen Union und anderen internationalen Organisationen wurde sie offiziell als terroristische Vereinigung eingestuft.
«Euskadi Ta Askatasuna» (Baskenland und Freiheit) wurde 1959 gegründet. Dem ersten Attentat 1968 folgten zahlreiche Anschläge in ganz Spanien. Die ETA spielte eine wichtige Rolle beim Kampf gegen die Franco-Diktatur (1939-1975). Eine der spektakulärsten Aktionen war 1973 die Ermordung des damaligen spanischen Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco.
Auch nach der Rückkehr Spaniens zur Demokratie setzte die Organisation ihren bewaffneten Kampf fort. 1987 gab es bei einem Anschlag auf ein Kaufhaus in Barcelona mit 21 Toten die bisher meisten Todesopfer. Die ETA erklärte in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals eine «Waffenruhe» und führte Verhandlungen mit der spanischen Regierung, die aber - wie zuletzt 2006/2007 - stets scheiterten. Die ETA-nahe Separatistenpartei Batasuna (Einheit) wurde im März 2003 vom Obersten Gerichtshof verboten. Sie gilt als der politische Arm der Terroristen.

Die spanische Ferieninsel Mallorca
Mallorca ist die größte Ferieninsel der spanischen Balearen. Das beliebte Reiseziel im Mittelmeer erstreckt sich über rund 3600 Quadratkilometer und ist damit etwa viermal so groß wie die Ostseeinsel Rügen. Verwaltungszentrum, wichtigste Hafenstadt sowie Hauptstadt der autonomen Region Balearen ist Palma de Mallorca.
Neben Ballermann-Fans und Golf-Urlaubern zieht es vor allem Naturfreunde auf die Insel. Das türkisblaue Meer und das mediterrane Klima sind besonders bei Strandurlaubern beliebt. Wanderfreunde und Radfahrer genießen im Norden die Natur und das Farbenspiel von Mandelblüten, Orangenbäumen und Olivenhainen.
Mallorca hat rund 750 000 Einwohner. Etwa 15 Prozent davon sind Ausländer, darunter viele Deutsche. Bundesbürger machen auch den Löwenanteil der Touristen aus. Jährlich kommen rund 3,5 Millionen Deutsche auf die Insel. Neben dem Tourismus ist die Landwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig. Der Name Mallorca geht auf die lateinische Bezeichnung «insula maior» (die größere Insel) zurück und bezieht sich auf den Vergleich mit der Nachbarinsel Menorca.




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