DEUTSCHLAND/WELT
06.08.2009

06.08.2009 | Berlin (dpa)
Mediziner: Schweinegrippe-Tote in Deutschland im Herbst möglich
Für den Herbst rechnet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mit deutlich mehr Schweinegrippe-Erkrankungen und schwereren Verläufen als bisher. Dann seien Todesfälle auch in Deutschland möglich, sagte PEI-Präsident Johannes Löwer am Donnerstag in Berlin. Die ersten Risiko-Gruppen könnten jedoch bereits im September gegen die neue Grippe geimpft werden, ergänzte er. Sinnvoll sei nach dem Vorschlag der Weltgesundheitsorganisation zuerst medizinisches Personal und dann chronisch Kranke und Schwangere zu impfen. Er sei optimistisch, dass sich die Kostenfrage mit den Kassen lösen lasse, sagte Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts.
Das PEI ist in Deutschland für Impfstoffe zuständig. 50 Millionen Impfdosen als Schutz gegen die neue Grippe hat die Bundesrepublik bei Pharma-Unternehmen bestellt. Damit können 25 Millionen Menschen mit der nötigen Zweifach-Impfung im Abstand von zwei Wochen Immunschutz erhalten. Voraussetzung für die Auslieferung des Impfstoffs ist die Zulassung in Deutschland. Nötig ist auch die Einigung darüber, welche Risikogruppen von wem geimpft werden. Die Entscheidung darüber liege bei Bund und Ländern, sagte Hacker.

Um die Finanzierung der Schweinegrippe-Impfungen gibt es weiterhin Streit zwischen Gesundheitsministerium und Krankenkassen. Ohne Steuermittel wollen die Kassen den Beitragssatz möglicherweise erhöhen. Gehe die Bundesregierung nicht auf diesen Vorschlag ein, werde es bei der einen oder anderen Kasse Zusatzbeiträge geben, sagte eine Sprecherin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung GKV am Donnerstag.
Das Bundesgesundheitsministerium sieht hingegen vor, dass die Kassen die Massenimpfung bezahlen. «Die Impfung ist eine Pflichtaufgabe», sagte Staatssekretär Klaus Theo Schröder. Bei den Kassen stünden genug Mittel zur Verfügung. «Der Ruf nach Beitragserhöhungen ist völlig unangemessen», urteilte er. Die Kassen rechnen für die Impfung mit Kosten von 600 Millionen bis zu einer Milliarde Euro - je nachdem, ob Menschen beim Gesundheitsamt oder in Arztpraxen geimpft werden. Das steht noch nicht fest.
Nach den jüngsten Zahlen von Mittwoch sind in Deutschland bisher 8619 Fälle der Neuen Grippe nachgewiesen. 80 Prozent der neuen Patienten sind Urlauber, die sich im Ausland mit dem Virus infizierten. Die Zahl der Neuinfektionen pro Woche ist damit weiter gestiegen - von 1179 Fällen Mitte Juli auf 2847 Fälle Anfang August. «Wir erwarten, dass es auf diesem Niveau weitergeht», sagte Hacker. In der EU gebe es inzwischen fast 29 000 Fälle und 42 Todesopfer. Weltweit seien rund 200 000 Patienten und 1444 Tote registriert.

Als eine gute Nachricht werteten die Impf-Experten die Erkenntnis, dass sich das Erbmaterial der neuen Influenza-Viren seit Monaten kaum verändert hat. «Das Genom ist relativ stabil», berichtete Hacker. Bisher seien gegen Grippe-Medikamente in Deutschland (Neuraminidasehemmer) auch noch keine Resistenzen feststellbar. Nur aus dem Ausland seien Einzelfälle belegt.
Beim neuen Impfstoff seien Nebenwirkungen wie Schwellungen an der Einstichstelle, Fieber und Kopfweh eher zu erwarten als bei der gewohnten saisonalen Grippeimpfung, erläuterte Löwer. Für Schwangere sei der neue Impfstoff trotzdem unbedenklich, weil er inaktive Substanzen enthalte - und keine vermehrungsfähige Viren. Grund für eine mögliche schlechtere Verträglichkeit sei, dass der Impfstoff gegen Schweinegrippe eine kleinere Antigenmenge enthalte - und daher eine Verstärkersubstanz (Adjuvanz) benötige. Durch diese Technik könnten sehr viel mehr Impfdosen schneller produziert werden. Das bereits erprobte Verfahren sei auch ein Stück «Solidarität mit dem Rest der Welt», betonte der PEI-Präsident. Bei der üblichen Antigen-Menge in einem Grippeimpfstoff wäre er bereits jetzt «ausverkauft».

06.08.2009 | Berlin (dpa)
Schweinegrippe: Staatssekretär gegen höhere Kassenbeiträge
Der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, hat die Forderung der Krankenkassen nach Beitragserhöhungen wegen der Schweinegrippe-Impfung zurückgewiesen. «Die Impfung ist eine Pflichtaufgabe der Kassen», sagte Schröder am Donnerstag in Berlin. Dafür stünden bei den Krankenkassen genügend Finanzmittel zur Verfügung. «Der Ruf nach Beitragserhöhungen ist völlig unangemessen.» Es sei auch nicht richtig vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung GKV, in dieser Situation die Finanzfrage nach vorne zu stellen. «Das entspricht nicht der Verantwortung eines so wichtigen Entscheidungsgremiums und eines so wichtigen Trägers zur Sicherung öffentlicher Interessen», sagte Schröder. «Wie kann man denn bei der Vorbeugung diese Frage nach vorne schieben?»
Aus Sicht der Krankenkassen sollen die Millionenkosten der Schweinegrippe-Impfungen ab Oktober notfalls mit einer Erhöhung des Beitragssatzes finanziert werden. «Sofern keine Finanzierung aus Steuermitteln erfolgt, wäre eine Alternative, die unterjährige Anpassung des allgemeinen Beitragssatzes (...) mit voraussichtlicher Wirkung zum 01.10.2009», heißt es in einer Stellungnahme des Kassen-Spitzenverbands, die auf der Verbandshomepage veröffentlich ist.
Informationen & Tipps zur Schweinegrippe
+ + + INFORMATIONS-HOTLINES ZUR SCHWEINEGRIPPE + + +
Robert-Koch-Institut (RKI) Tel. 030/18754416 (Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr)
Bundesgesundheitsministerium Tel. 01805/996619 (Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr, Freitag 8 bus 12 Uhr)
Verstärkt auf Hygiene achten!
- Das bedeutet vor allem: Regelmäßig Hände waschen, besonders nach dem Anfassen von Türklinken oder Türöffnern in U- oder S-Bahn
- Nicht Küssen, auch den (in Frankreich üblichen) Wangenkuss unterlassen
- Mundschutz kaufen
- Möglichst große Menschenansammlungen vermeiden
Medikamente
- Gegen Schweinegrippe wird in akuten Fällen Tamiflu verabreicht.
- Für das Mittel wurde in Krankenhäusern und Apotheken eine Notreserve angelegt. Es wird aber nur auf Rezept verabreicht.
- Die Gesundheitsbehörden warnen dringend davor, sich privat Antibiotika über das Internet zu besorgen. Die Anbieter sind in aller Regel nicht seriös.
Noch mehr Informationen finden Sie auf
den Internetseiten des Robert.Koch-Instituts
www.rki.de
und unter
www.wir-gegen-viren.de
Neun Empfehlungen zum Schutz vor Schweinegrippe
Zum Schutz vor Ansteckung mit der sogenannten Schweinegrippe empfehlen Experten folgende neun Verhaltensregeln:
1. Hände waschen und vom Gesicht fernhalten
2. Hygienisch husten, das heißt in den Ärmel
3. Krankheit zu Hause auskurieren
4. Auf erste Anzeichen einer Viruserkrankung achten wie hohes Fieber, Husten, Gliederschmerzen
5. Bei schwerer Erkrankung Arzt aufsuchen
6. Familienmitglieder schützen, indem man unter anderem in einem separaten Raum schläft sowie auf besondere Sauberkeit in Küche und Bad achten
7. Geschlossene Räume regelmäßig lüften
Im Fall einer Pandemie:
8. Abstand zu anderen Menschen halten und Menschenansammlungen meiden
9. Ergänzend zu anderen Maßnahmen kann eine Hygienemaske über Mund und Nase getragen werden, um den Empfang und Ausstoß von Erregern zu verringern (über Wirksamkeit liegen keine ausreichenden Daten vor)




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