DEUTSCHLAND/WELT
20.08.2009

19.08.2009 | Frankfurt/Main (dpa)
Mehr Leiharbeit und Teilzeit in Deutschland
Befristete Arbeitsverträge, häufig schlecht bezahlte Teilzeit- und Leiharbeit - so sieht für immer mehr Beschäftigte in Deutschland die Arbeitswelt aus.
Im kommenden Aufschwung könnte sich die Zahl der Leiharbeiter sogar auf 2,5 Millionen verfünffachen, fürchtet die IG Metall und verlangt schärfere gesetzliche Regeln. Die Arbeitgeber, so der am Mittwoch in Frankfurt geäußerte Vorwurf des Gewerkschaftsvize Detlef Wetzel, setzten die Leiharbeiter zunehmend als dauerhaften Ersatz für die Stammbelegschaften ein und unterliefen so Tarifverträge und Sozialvorschriften. Die Arbeitgeber widersprachen heftig.
Das Statistische Bundesamt hatte am Mittwoch die Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und ihre sozialen Folgen beschrieben: Der Anteil «klassischer» Beschäftigung ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken. Im vergangenen Jahr hatten noch 66,0 Prozent aller Erwerbstätigen einen unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag mit mehr als 20 Stunden pro Woche. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 72,6 Prozent. Die Leiharbeiter verdienten im Schnitt mit 9,71 Euro in der Stunde deutlich weniger als die «klassischen» Angestellten mit 18,04 Euro und seien häufiger von Armut bedroht.

Die IG Metall stützt ihre Erwartungen zur Ausbreitung der Leiharbeit auf Aussagen von Betriebsräten, Zeitarbeitsfirmen und eine neue Studie der gewerkschaftseigenen Otto-Brenner-Stiftung. Viele Unternehmen hielten es für den größten Fehler, in der Vergangenheit zu wenig auf Leiharbeit gesetzt zu haben, sagte Wetzel. «Die Unternehmen haben gesehen, wie leicht man sich von Menschen trennen kann.» In Zukunft werde die Leiharbeit verstärkt strategisch eingesetzt und nicht nur zur Bewältigung von Auftragsspitzen.
Die Gewerkschaft verlangte von den Regierenden, den Grundsatz «Gleiches Geld für gleiche Arbeit» durchzusetzen. Arbeitnehmer dürften künftig höchstens für sechs Monate überlassen werden, und die Betriebsräte müssten stärker mitbestimmen können, forderte Wetzel. Dass Leiharbeiter nur für einen Ausleihjob eingestellt und dann wieder entlassen werden können, müsse wieder verboten werden. «Wir fordern, dass eine Verbesserung der Wirtschaftslage mit dem Aufbau regulärer Beschäftigung einhergehen muss.» Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) könne sich aus dieser Diskussion nicht heraushalten.
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Berlin erklärte hingegen, Zeitarbeit werde nicht dazu genutzt, Tarifbestimmungen zu unterlaufen. Im jüngsten Aufschwung bis Juni 2008 habe die Metall- und Elektro-Industrie 60 000 Zeitarbeitnehmer zusätzlich beschäftigt und gleichzeitig fast 250 000 neue Stammarbeitsplätze geschaffen - von Verdrängung könne also keine Rede sein. Ein ausgewogener Mix an verschiedenen Erwerbsformen führe zu mehr Chancen für alle, meinte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) und verwies auf den historisch höchsten Beschäftigungsstand von 40 Millionen Arbeitnehmern Ende 2008. Die Zeitarbeit habe vielen schlecht ausgebildeten Menschen den Einstieg in Arbeit ermöglicht.
Im Internet finden Sie die Studie zu Niedrigeinkommen unter: tinyurl.com/nkw9zt




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