DEUTSCHLAND/WELT
28.08.2009

29.08.2009 | Berlin (dpa)
Buback-Sohn hofft auf neuen RAF-Prozess
Nach der Verhaftung der früheren RAF-Terroristin Verena Becker setzt der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, Michael Buback, auf Aufklärung durch einen neuen RAF-Prozess.
«Ich hoffe, dass es zu einer Anklage und zu einem Prozess kommt, in dem die Art der Mittäterschaft von Verena Becker geklärt und die Wahrheit über das Karlsruher Attentat bekannt wird», sagte Buback dem «Tagesspiegel» (Samstag). Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach forderte eine Aufklärung über eine Rolle des Verfassungsschutzes nach dem Buback-Mord.
Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker war mehr als 32 Jahre nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback unter dringendem Tatverdacht am Freitagabend in Untersuchungshaft genommen worden. Sie soll am 7. April 1977 an dem Attentat in der Karlsruher Innenstadt beteiligt gewesen sein, teilte die Bundesanwaltschaft am Freitag in Karlsruhe mit. Dabei waren auch zwei Begleiter Bubacks erschossen worden. Nach den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft soll Becker entgegen früherer Erkenntnisse «wesentliche Beiträge zur Vorbereitung und Durchführung des Anschlags» geleistet haben.

Die 57-Jährige war im Dezember 1977 wegen einer Schießerei während ihrer Festnahme nach dem Mord an Buback zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach vier Jahren im Gefängnis suchte sie den Kontakt zum Verfassungsschutz. Dabei soll sie RAF-Insiderwissen weitergegeben und erklärt haben, dass der frühere RAF-Terrorist Günter Sonnenberg das Motorrad fuhr, Christian Klar im Fluchtwagen wartete und Stefan Wisniewski vom Motorrad-Rücksitz aus auf Bubacks Wagen geschossen hat.
Das Verfahren gegen Becker im Mordfall Buback war im März 1980 ohne eine Anklage eingestellt worden, weil die Beweise dafür nicht reichten und Becker inzwischen zu lebenslang verurteilt worden war. 1989 wurde sie begnadigt und lebte zuletzt in Berlin.
«Seit mehr als zwei Jahren weise ich darauf hin, dass Verena Becker mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Ermordung meines Vaters beteiligt war», sagte Buback. «Trotz der zahlreichen von mir dargelegten Indizien hat sich jedoch sehr lange kaum etwas in dieser Richtung bewegt. Jetzt bin ich sehr froh über die neue Entwicklung.» Im MDR Info sagte er: «Wenn sich in einem Prozess bestätigt, dass Verena Becker eine Mittäterin war, wird man der Frage nachgehen müssen, wie es sein konnte, dass trotz der sehr, sehr starken Hinweise diese Aufklärung so zögerlich vonstatten gegangen ist.»
Unions-Fraktionsvize Bosbach sagte der «Nordwest-Zeitung» (Samstag): «Die Vermutung des Buback-Sohnes Michael, dass der Verfassungsschutz jemanden deckt, der vielleicht an einem Mord beteiligt war, beinhaltet einen massiven Vorwurf. Ich hoffe nicht, dass der sich eines Tages bestätigt». Dass jetzt 32 Jahre nach der Tat die Ermittlungen mit Hochdruck fortgeführt würden, «zeigt doch, dass der Staat nichts zu vertuschen hat», betonte Bosbach. Die Verhaftung Beckers beweise, «dass der genaue Tathergang bis heute nicht vollständig geklärt werden konnte. Man darf einen Haftbefehl allerdings nicht mit einer Verurteilung verwechseln.»

28.08.2009 | Karlsruhe (dpa)
Ex-RAF-Terroristin Verena Becker festgenommen
Mehr als 30 Jahre nach dem Mord am damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist die frühere RAF-Terroristin Verena Becker unter dringendem Tatverdacht festgenommen worden. Sie soll im April 1977 am Attentat in der Karlsruher Innenstadt beteiligt gewesen sein.
Das teilte die Bundesanwaltschaft in Berlin am Freitag mit. Die 57-Jährige habe nach den Ermittlungen «wesentliche Beiträge zur Vorbereitung und Durchführung des Anschlags» geleistet, hieß es. Allerdings gebe es nach wie vor keine Beweise, dass Becker auch die tödlichen Schüsse auf Buback und seine beiden Begleiter abgefeuert habe. Gegen Becker wurde Haftbefehl erlassen, sie sollte am Freitag dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden, der ihr den Haftbefehl eröffnen werde, hieß es.
Der seit langem bestehende Verdacht gegen die frühere Terroristin habe sich nach einer Hausdurchsuchung vor einer Woche erhärtet. «Dabei wurden Unterlagen sichergestellt, deren Inhalt zusammen mit den bereits bisher vorhandenen Beweismitteln den dringenden Tatverdacht begründet, dass Verena Becker als Mittäterin an dem Anschlag beteiligt war», erklärte die Bundesanwaltschaft.

Zu dem Attentat hatte sich das «Kommando Ulrike Meinhof» der Roten Armee Fraktion (RAF) bekannt - wer aber auf Buback geschossen hatte, ist bis heute ungeklärt. Unter anderem hatte eine neue DNA-Analyse den Verdacht einer Beteiligung Beckers zuletzt erhärtet, nachdem sie 2008 noch entlastet worden war. An Briefumschlägen, mit denen die damaligen Bekennerschreiben versandt worden waren, war Genmaterial entdeckt worden, das nach dem Gutachten eindeutig von Becker stammt. Der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, Michael Buback, hatte immer wieder die These geäußert, Becker könne die Todesschützin gewesen sein.
Die 57-Jährige war im Dezember 1977 wegen einer Schießerei während ihrer Festnahme zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach nur vier Jahren im Gefängnis suchte sie den Kontakt zum Verfassungsschutz. Dabei soll sie RAF-Insiderwissen weitergegeben und erklärt haben, dass der frühere RAF-Terrorist Günter Sonnenberg das Motorrad fuhr, Christian Klar im Fluchtwagen wartete und Stefan Wisniewski vom Motorradrücksitz aus auf Bubacks Wagen schoss.
Das Verfahren gegen Becker im Mordfall Buback war im März 1980 ohne eine Anklage eingestellt worden, weil die Beweise nicht für eine Anklage reichten und Becker inzwischen zu lebenslang verurteilt war. 1989 wurde sie begnadigt und lebte zuletzt in Berlin.
Hintergrund - Der Mordfall Buback
Der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 erschütterte die Bundesrepublik. Auch sein Fahrer Wolfgang Göbel und Justizhauptwachtmeister Georg Wurster wurden bei dem Attentat erschossen. Die Terroristen feuerten in der Karlsruher Innenstadt von einem Motorrad aus auf Bubacks Dienstwagen. Ein «Kommando Ulrike Meinhof» bekannte sich zu der Tat. Wer damals geschossen hat, ist bis heute unklar.
Drei RAF-Terroristen wurden wegen Beteiligung an dem Mordanschlag zu lebenslanger Haft verurteilt: Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt als Rädelsführerin im Hintergrund. Auch Günter Sonnenberg galt als Mittäter, doch weil er bereits anderweitig verurteilt war und bei seiner Festnahme im Mai 1977 eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, stellte man das Verfahren gegen ihn ein.
Im Jahr 2007 - 30 Jahre nach dem Mord - beschuldigten frühere RAF- Mitglieder den 1999 auf Bewährung freigelassenen Stefan Wisniewski, die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben. Zudem geriet Verena Becker ins Visier der Ermittler. Noch Ende 2008 lagen der Bundesanwaltschaft nach Auswertung zahlreicher Aussagen und Spuren aber keine klaren Beweise für eine Beteiligung von Becker oder Wisniewski vor.
Nun hat sich bei einer DNA-Analyse und einer Hausdurchsuchung der Tatverdacht gegen Becker erhärtet, zur Vorbereitung und zum Attentat «wesentliche Beiträge» geleistet zu haben. Gegen Becker wurde Haftbefehl erlassen, Beamte des Bundeskriminalamtes nahmen sie am Donnerstag in Berlin fest.
28.08.2009 | Berlin (dpa)
Porträt - Die frühere RAF-Terroristin Verena Becker
Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker gilt als eine der schillernsten Figuren der deutschen Terrorszene. Sie spielt eine Schlüsselrolle im Fall Buback.
Becker wird 1952 in Berlin geboren. Sie verdient ihr Geld als Fabrikarbeiterin und entwickelt sich früh zu einer radikalen Feministin. Anfang der 1970er Jahre schließt sich die junge, schlanke Frau zunächst der «Bewegung 2. Juni» an. Die zweitgrößte Terrorvereinigung der 1970er Jahre hatte sich nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg gegründet. Gemeinsam mit der Gruppe raubt Becker Banken aus und beteiligt sich an einem Bombenanschlag in einem britischen Jachthafen in Berlin, bei dem ein Mensch ums Leben kommt. Sie ist damals keine 20 Jahre alt.
Von einem Gericht wird sie 1974 für ihre Beteiligung an dem Anschlag zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt. Schon ein Jahr später presst sie die «Bewegung 2. Juni» frei. In einem Militärlager in Jemen trainiert sie schließlich den Kampf mit Waffen und lernt dort Mitglieder der Roten Armee Fraktion kennen. Als 25-Jährige schließt sie sich der RAF an.
Am 7. April 1977 erschießt die RAF in Karlsruhe den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Auch sein Fahrer Wolfgang Göbel und Justizhauptwachtmeister Georg Wurster sterben bei dem Attentat. Vier Wochen nach dem Mord an Buback wird Becker verhaftet. Im Gepäck findet die Polizei die Tatwaffe. Im Dezember 1977 wird sie wegen einer Schießerei während ihrer Festnahme zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen der Beteiligung am Buback-Mord wird nach dem Urteil eingestellt, auch weil die Beweise nicht ausreichen.
Nach nur vier Jahren im Gefängnis sucht sie den Kontakt zum Verfassungsschutz. Dabei soll sie RAF-Insiderwissen weitergegeben und erklärt haben, dass bei dem Mord an Buback Günter Sonnenberg das Motorrad fuhr, Christian Klar im Fluchtwagen wartete und Stefan Wisniewski vom Motorradrücksitz aus feuerte.
Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) begnadigt Verena Becker schließlich. Sie kommt im November 1989 frei und lässt sich wieder in Berlin nieder.
Anlässlich des 30. Jahrestags des Attentats richtet sich das Augenmerk wieder verstärkt auf Becker, weil Bubacks Sohn Michael nachdrücklich behauptet, sie sei die Todesschützin gewesen - er beruft sich auf eine Augenzeugin, die eine zierliche Person auf dem Motorrad gesehen haben will.
Bei einer erneuten DNA-Analyse wird 2009 an Briefumschlägen der Bekennerschreiben von 1977 Genmaterial von Becker entdeckt. Nach einer Abhöraktion wird auch ihre Wohnung durchsucht, angeblich soll sie Dinge zum Fall Buback aufgeschrieben haben. Sie bestreitet aber öffentlich, dass sie die Todesschützin gewesen ist. Zuletzt hat sie in Berlin gelebt und soll als Heilpraktikerin tätig gewesen sein.




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