DEUTSCHLAND/WELT
05.09.2009

Kundus (dpa) | 05.09.2009
Deutsche Soldaten bei Selbstmordanschlag verletzt
Einen Tag nach dem von der Bundeswehr angeforderten verheerenden Luftschlag gegen die Taliban sind am Samstag bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan drei deutsche Soldaten verletzt worden.
Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam bestätigte den Zwischenfall, der sich am Morgen um 9.50 Uhr Ortszeit etwa fünf Kilometer nordöstlich von Kundus ereignet habe.
Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa, der Attentäter habe sich mit einem Auto in die Luft gesprengt. Ob Zivilisten zu Schaden gekommen sind, war unklar.
Die Taliban bekannten sich zu der Tat. Ihr Sprecher Sabiullah Mudschahid erklärte, der Selbstmordattentäter stamme aus dem Unruhedistrikt Char Darah.

Unterdessen soll neben Experten der NATO auch ein Team der Vereinten Nationen den von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklaster in Nordafghanistan mit Dutzenden Toten untersuchen. «Wir müssen prüfen, was geschehen ist und warum der Angriff erfolgte, obwohl Opfer unter Zivilisten nicht mit Sicherheit auszuschließen waren», sagte der stellvertretende UN-Beauftragte für Afghanistan, Peter Galbraith, am Freitagabend. Zuvor hatte bereits NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen eine Untersuchung angekündigt. Nach wie vor ist unklar, ob und wie viele Zivilisten bei dem Luftangriff starben.
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigte den Einsatz vom Freitag. Nach Darstellung seines Ministeriums wurden mehr als 50 Aufständische in der Nacht zum Freitag bei dem Luftangriff in der Provinz Kundus getötet. «Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen», hieß es in Berlin. Berichten der «Kölnischen Rundschau» und der «Stuttgarter Zeitung» zufolge ist diese Darstellung jedoch nicht aufrechtzuerhalten. Die NATO dränge die Bundeswehr dazu, ihre Informationspolitik diesbezüglich zu ändern.
Der afghanische Präsident Hamid Karsai ließ in Kabul mitteilen, es seien «rund 90 Menschen getötet oder verletzt» worden. Er äußerte sein «tiefes Bedauern» und erklärte: «Unschuldige Zivilisten sollten bei Militäroperationen nicht getötet oder verwundet werden.»

Nach Angaben von NATO-Generalsekretär Rasmussen ist bereits ein Team von Ermittlern unter der Leitung eines Admirals der NATO-geführten Schutztruppe ISAF an den Ort des Geschehens geschickt worden. «Das afghanische Volk muss wissen, dass uns alles daran liegt, es zu schützen, und dass wir diesen Vorfall umfassend und umgehend untersuchen werden», sagte Rasmussen in Brüssel. «Es ist möglich, dass es auch zivile Opfer gab, aber das ist noch nicht klar.»
Jung verteidigte in einem Interview mit den «Badischen Neuesten Nachrichten» das Vorgehen der Bundeswehr im Kampf gegen die Taliban. «Gerade im Raum Kundus herrscht eine besonders kritische Situation.» Bei den Taliban habe man es mit einem brutalen, aber leider auch mit einem intelligenten Gegner zu tun.
Nach Angaben der Bundeswehr hatten Taliban-Kämpfer in der Nähe von Kundus zwei beladene Tanklastzüge in ihre Gewalt gebracht. Bei der Durchquerung eines Flusses sechs Kilometer vom deutschen Wiederaufbauteam entfernt seien sie mit den Fahrzeugen in einer Sandbank steckengeblieben. Von der Bundeswehr angeforderte NATO- Flugzeuge hätten sie dann bombardiert.
Der Angehörige eines Opfers aus dem betroffenen Dorf Hadschi Amanullah sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa: «In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten.» Der Mann namens Nadschibullah berichtete, auch sein Cousin sei tot. Insgesamt seien «mehr als 150 Menschen getötet oder verletzt» worden.

Die Bewohner seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten, und nicht, um sich Benzin zu holen. Der Polizeichef von Kundus, Abdul Rasak Jakubi, sagte, eine «Anzahl Zivilisten» sei getötet worden. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid nannte die Zahl 150. Der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, sagte: «Das Problem ist, dass all diese Menschen rund um die Tanklastwagen schwer verbrannt wurden und es unmöglich ist, sie zu identifizieren.» Unter den Toten seien vier oder fünf Anführer der Taliban gewesen. Der Treibstoff sei für die Bundeswehr gewesen.
Die Internationale Schutztruppe ISAF und afghanische Stellen richteten eine Untersuchungskommission ein. «Die ISAF bedauert jeden unnötigen Verlust von Menschenleben und ist zutiefst besorgt über das Leid, das diese Aktion unseren afghanischen Freunden bereitet haben könnte», sagte ISAF-Sprecher Eric Tremblay. Nach Angaben des stellvertretenden UN-Beauftragten für Afghanistan, Galbraith, müsse nun zunächst sichergestellt werden, dass Verletzte angemessen versorgt werden und die Familien der Toten alle Unterstützung bekommen, die sie brauchen. EU-Chefdiplomat Javier Solana sagte: «Es tut mir für die Familien der Menschen, die bei der Explosion der Benzintankwagen getötet wurden, sehr leid.»
Der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte unter Berufung auf das vor dem Angriff erstellte «operative Lagebild»: «Sie können davon ausgehen, dass der Angriff angeordnet wurde, weil keine unbeteiligten Zivilpersonen durch den Angriff hätten zu Schaden kommen können.» Und: «Bei anwesenden Zivilisten hätte der Luftangriff nicht stattfinden dürfen.» Der Schutz von Zivilisten habe für die Bundeswehr oberste Priorität.
Jung wollte in dem Interview nach wie vor nicht von einem Krieg sprechen. «Das ist die völlig falsche Wortwahl, da Krieg Zerstörung bedeutet.» Die Bundeswehr befinde sich in Afghanistan in einem Stabilisierungseinsatz, das habe mit Krieg nichts zu tun. Der Sprecher des Ministeriums hatte zuvor ebenfalls betont: «Es handelt sich um einen Stabilisierungseinsatz, zugegeben um einen recht robusten Stabilisierungseinsatz, der Kampfhandlungen miteinschließt.»
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich besorgt über die Sicherheitslage. «Die Taliban schrecken offensichtlich vor nichts zurück, um die Sicherheit zu destabilisieren und Wiederaufbau unmöglich zu machen», sagte Steinmeier der «Ostsee-Zeitung». Den Bundeswehreinsatz nannte er so gefährlich wie Krieg. «Wenn es nur um die Gefährlichkeit geht, könnte man sagen: Ja, es ist Krieg. Aber sprachlich und inhaltlich wäre es nicht richtig», sagte der SPD-Kanzlerkandidat dem «Hamburger Abendblatt».
Opfer von Kämpfen und Terror in Nordafghanistan
Bei Kämpfen und der Explosion zweier von Taliban gestohlenen Tanklaster sind in Afghanistan nach unterschiedlichen Angaben zwischen 56 und über 90 Menschen ums Leben gekommen. Bei 90 Toten wäre es der bisher schwerste Zwischenfall im nordafghanischen Kommandobereich der Bundeswehr.
6. November 2007: Bei einem Selbstmordanschlag in Baghlan südlich von Kundus werden mindestens 75 Menschen getötet, darunter mehrere afghanische Parlamentarier und 59 Schüler. Der Anschlag ereignete sich bei der Eröffnungsfeier einer Zuckerfabrik, die mit deutscher Hilfe wiederaufgebaut wurde.
27. März 2008: Eine Patrouille des deutschen Wiederaufbauteams in Kundus fährt in eine Sprengfalle. Zwei Soldaten werden schwer verletzt. Die radikalislamischen Taliban bekennen sich zu diesem zehnten Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan seit Herbst 2006.
27. August 2008: Ein Soldat stirbt, als eine Patrouille der Bundeswehr nahe dem Feldlager Kundus in eine Sprengfalle gerät. 20. Oktober 2008: Während einer großangelegten Suche nach versteckten Waffenlagern kommen zwei deutsche Soldaten und fünf Kinder bei Kundus bei einem Selbstmordanschlag der Taliban ums Leben. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) spricht später erstmals von «Gefallenen» im Zusammenhang mit dem Afghanistan- Konflikt.
1. Juni 2009: Zwei Anschläge auf die Bundeswehr überschatten den Afghanistan-Besuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Ein Soldat stirbt, nachdem seine Patrouille nahe Kundus in einen Hinterhalt gerät und von einer Panzerfaust getroffen wird. Wenige Stunden zuvor wurden fünf Soldaten bei einem Anschlag der Taliban verletzt. Bereits sechs Tage später gibt es den nächsten Angriff auf die Bundeswehr. Bilanz einer Schießerei mit aufständischen Taliban: zwei verletzte Soldaten.




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