DEUTSCHLAND/WELT
09.09.2009

09.09.2009 | Hamburg/Berlin (dpa)
Linke legt in Wahlumfragen auf 14 Prozent zu
Knapp drei Wochen vor der Bundestagswahl legt die Linke in Umfragen deutlich zu, während Schwarz-Gelb nur noch eine hauchdünne Mehrheit hat.
Nach den Wahlerfolgen im Saarland und in Thüringen sowie der Diskussion um den umstrittenen Luftangriff in Afghanistan gewinnt die Linke in der wöchentlichen Forsa-Umfrage 4 Punkte und liegt bei 14 Prozent.
In der Erhebung für RTL und den «Stern» erreichen Union und FDP mit zusammen 49 Prozent den schlechtesten Wert im «Stern-RTL-Wahltrend» seit der zweiten Januarwoche. In einer Allensbach-Umfrage kommt Schwarz-Gelb sogar nur noch auf 48 Prozent.

Damit müssen CDU/CSU und FDP um eine Mehrheit für ihre Wunschkoalition nach dem 27. September zittern. Dies hängt vor allem mit den Zugewinnen der Linkspartei zusammen, während die Aufholjagd der SPD weiterhin ausbleibt. In der Forsa-Umfrage kommt die Linke, die einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordert, auf ihren besten Wert in diesem Jahr. SPD, Grüne und Linke erreichen nun zusammen 45 Prozent, ein Punkt mehr als in der Woche zuvor. Ihr Rückstand auf Schwarz-Gelb verkürzt sich dank des Zugewinns der Linken von 6 auf 4 Punkte. Ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene schließt die SPD aber für die kommende Legislaturperiode aus.
Im «Stern-RTL-Wahltrend» müssen Union, SPD und Grüne leichte Verluste verkraften. Die Union fällt um einen Punkt auf 35 Prozent und liegt damit auf dem Niveau ihres Wahlergebnisses von 2005, als sie 35,2 Prozent der Stimmen erhielt. Die SPD verschlechterte sich um einen Punkt auf 21 Prozent. Die Grünen rutschten um 2 Punkte auf 10 Prozent ab. Die FDP liegt weiterhin bei 14 Prozent. Sonstige Parteien erhalten 6 Prozent.
Linken-Chef Oskar Lafontaine sagte am Mittwoch in Saarbrücken, der Höhenflug seiner Partei hänge mit den jüngsten Wahlerfolgen zusammen. «Und zum zweiten mit der Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.» Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch hatte für die Bundestagswahl als Ziel «10 Prozent plus XXL» ausgegeben.

In einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» ist der Vorsprung von Schwarz-Gelb noch geringer: Union (35 Prozent) und FDP (13) liegen bei 48 Prozent. SPD (22,5), Grüne (13) und Linke (11,5) erreichen 47 Prozent. Im Vergleich zu Mitte August verliert die Union 0,5 Punkte, die FDP büßt 1,0 ein. SPD und Grüne verlieren je 0,5 Prozent. Gewinner in dieser Umfrage ist ebenfalls die Linke, die um 2,0 Prozentpunkte zulegt.
Nach Angaben von Allenbach-Geschäftsführerin Renate Köcher empfindet eine Mehrheit der Deutschen den bisherigen Wahlkampf als äußerst langweilig, nur 14 Prozent nehmen den Wettstreit der Parteien als harte Auseinandersetzung wahr. 49 Prozent bewerten den Wahlkampf als inhaltsleer. «Im Vorfeld der Bundestagswahl 2002, als dieser Vorwurf ebenfalls im Raum stand, hielten ihn nur 37 Prozent für berechtigt», schrieb Köcher in Zeitung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) büßte in der Forsa-Umfrage an Beliebtheit ein. Auf die Frage, wen sie direkt zum Kanzler wählen würden, entschieden sich 53 Prozent für Merkel, 4 Punkte weniger als in der Vorwoche. Für SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier würden 20 Prozent stimmen (plus 2 Punkte).
Analyse: Wahl-Umfragen und ihre Treffsicherheit
Lange Gesichter beim Gewinner CDU, Jubel beim Verlierer SPD - ein paradoxes Bild am Bundestagswahlabend 2005. Was war passiert? Die Union war eines klaren Sieges sicher gewesen, die Sozialdemokraten hatten vor dem Untergang gezittert - denn beide verließen sich auf Meinungsumfragen.
Dann das: Die Union ging beinahe baden, gewann nur hauchdünn. Eine «Niederlage der Meinungsforscher», hieß es anschließend. Doch die widersprechen: Umfragen seien Momentaufnahmen, keine Prognosen, betonen sie vor der nächsten Wahl am 27. September. Konsequenzen müssen sie aus den Erfahrungen von 2005 trotzdem ziehen.
Damals hatten sich zahlreiche Wähler in letzter Minute entschieden, es kam zum extrem seltenen «last minute swing», wie Demoskopen sagen. Auch jetzt sind noch rund 30 Prozent der Wähler unentschlossen. Ein Umschwung in letzter Minute halten die großen Institute dieses Mal dennoch für weniger wahrscheinlich. Anzeichen einer Aufholjagd der SPD gebe es nicht, der Vorsprung des bürgerlichen Lagers (CDU/CSU, FDP) vor dem linken (SPD, Linke, Grüne) sei «deutlich zementierter», heißt es. Bei der Sonntagsfrage lag die Union zuletzt 12 bis 14 Prozentpunkte vor der SPD.
Reagiert haben die Meinungsforscher auf 2005 trotzdem. «Infratest dimap wird mit den Umfragen so nahe wie möglich an die Wahl herangehen», kündigt Institutschef Richard Hilmer an, der den ARD- Deutschlandtrend liefert. Auch seine Kollegen in Allensbach wollen in den zehn Tagen vor der Wahl die Befragungen verstärken, zusätzliche Vorlieben abfragen sowie mögliche Parteienverdrossenheit ergründen. Hinweise auf einen Umschwung in letzter Minute würden verstärkt beachtet, kündigt Markus Küppers vom Institut für Demoskopie Allensbach an.
Auch wenn sie an der Methode feilen: Dass sie vor vier Jahren versagt hätten - das lassen die meisten Institute nicht auf sich sitzen. Journalisten hätten Umfragen als Prognosen gelesen, meint etwa Matthias Jung, der Chef der Forschungsgruppe Wahlen. «Kein seriöser Meinungsforscher käme auf die Idee, aus einer realistischen Stimmungsmessung im Mai einen Wahlausgang vier Monate später ableiten zu wollen», meint Jung, der das ZDF-Politbarometer liefert. Ins gleiche Horn stößt Klaus-Peter Schöppner, Chef von TNS Emnid: «Das allergrößte Risiko liegt in den Journalisten, die diese mathematischen Gesetzmäßigkeiten nicht wahrnehmen.»
Rückendeckung erhalten sie von der Kommunikationsforschung. Der Passauer Journalistik-Professor Ralf Hohlfeld hat Fernsehnachrichten ausgewertet und festgestellt, dass Umfragen politische Inhalte an den Rand drängten. Außerdem: «Massenmedien lassen keinen Zweifel daran zu, diese Zahlen könnten manipuliert, falsch oder schlicht bedeutungslos sein.» Laut der Berliner Wissenschaftlerin Juliane Raupp nennen Medien dabei zu selten das statistische Verfahren und die Fehlertoleranz, die üblicherweise immerhin drei Prozent betrage.
Davon will Hendrik Zörner nichts wissen. Der Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbands meint zwar auch: «Die Leser müssen registrieren, dass es sich um Meinungsumfragen handelt.» Die dafür nötigen Warnhinweise, etwa über Unsicherheitsfaktoren und kurz entschlossene Wähler, fehlten aber nur selten. Zörner rät aber davor ab, sich in der Politikberichterstattung auf die Wiedergabe von Umfrageergebnissen zu beschränken. «Es gibt eine Fokussierung auf Umfragen, die in dem Maße vielleicht nicht nötig ist.»
Doch im Verzicht liegt die Lösung nicht. ARD und ZDF etwa strahlen seit langem in der Woche vor der Wahl keine Umfrage-Ergebnisse aus. Als ihre Institute 2005 in den Tagen vor der Wahl Anzeichen für einen Stimmungsumschwung verzeichneten - wie sie heute betonen - blieben diese Umfragen deshalb unter Verschluss.




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