DEUTSCHLAND/WELT
17.09.2009

17.09.2009 | Frankfurt/Main (dpa)
Merkel will Autobranche bei Zukunftstechnik helfen
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat der deutschen Autobranche Unterstützung bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien in Aussicht gestellt.
Es gehe darum, das Potenzial Deutschlands als Automobilnation des 21. Jahrhunderts so weit wie möglich auszuschöpfen, sagte Merkel am Donnerstag zur Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt. Sie mahnte die Hersteller an, beim Zukunftsthema Elektroauto mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten.
Merkel sagte zu den Vertretern der Autoindustrie: «Wir sollten nach den Bundestagswahlen doch einmal zusammenkommen und uns überlegen, wohin geht der Pfad.» Dabei solle auch besprochen werden, was die Bundesregierung tun könne, um dieses nationale Anliegen voranzutreiben.
Die Bundeskanzlerin bezeichnete die Batterietechnologie als «Jackpot der Welt» für die Elektroauto-Entwicklung. In diesem Bereich gebe es starke Konkurrenz aus Asien. Schlüsselfragen seien zum Beispiel auch Standards für Stecker zum Aufladen von Elektroautos. «Ich kann uns nur raten: Wenn asiatische Märkte die Führungsrolle übernehmen und wir die Hoheit über die Normierung verlieren, dann gehen uns auch die Märkte verloren», sagte Merkel.

Bei der diesjährigen IAA stehen Elektroautos als wahrscheinlichste Zukunftstechnologie im Mittelpunkt. Merkel bekräftigte zugleich ihre Unterstützung für die deutsche Autobranche in deren Klimaschutz-Diskussion mit der EU-Kommission. «Es kann nicht sein, dass wir in einer freiheitlichen Welt die Größe des Autos vorschreiben und normieren», sagte Merkel mit Blick auf europäische Umweltauflagen, die Herstellern von Wagen mit einem hohen Spritverbrauch in einigen Jahren hohe Strafen bringen können.
Der Konsument müsse selbst entscheiden können, welche Art von Auto er wählt. «Würde es die Hersteller von Premiumfahrzeugen nicht geben, wäre die Innovation bei den Kleinen überhaupt nicht so schnell durchzusetzen.» Deutsche Hersteller wie Daimler oder BMW sind sogenannte Premium-Autobauer, die vor allem große Wagen mit größeren Motoren herstellen.
Zuvor hatte schon der Präsident des Branchenverbandes und IAA-Veranstalters VDA, Matthias Wissmann, vor einer Benachteiligung der Industrie durch europäische Umwelt-Auflagen gewarnt. Die Autoindustrie hoffe, dass die EU die Balance zwischen Industriepolitik und Klimaschutz finde. Das Problem müsse weltweit angegangen werden, es dürfe keine Sonderlasten nur in einem Erdteil geben. Die EU will, dass europäische Neuwagen zum Jahr 2015 im Schnitt maximal 120 Gramm des Klimakillers CO2 pro Kilometer ausstoßen. Im vergangenen Jahr lag der Durchschnittswert noch bei gut 150 Gramm.
Es sei der Anspruch der deutschen Industrie, in Sachen umweltfreundlicher Mobilität Avantgarde zu sein, sagte Wissmann. Schon heute kämen die ersten Mittelklassewagen mit weniger als vier Litern Kraftstoff auf 100 Kilometer aus. «Modelle deutscher Konzernmarken fahren hier ganz vorne mit.» Die Automobilbranche sei keine im Wortsinn «alte» Branche: «Sondern sie erfindet das Automobil ständig neu. Sie ist jünger und kreativer denn je.» Das zeige sie auch auf der IAA.

Umweltschützer hatten hingegen kritisiert, dass die aktuellen Modelle immer noch zu viel Kohlendioxid (CO2) ausstießen. Klimafreundliche Modelle wie Elektroautos seien auf der Messe vor allem als Konzeptfahrzeuge zu sehen, aber kaum serientauglich.
Vor dem Messegelände demonstrierten Greenpeace-Aktivisten mit einer sechs Meter hohen, platt gefahrenen Weltkugel gegen die deutsche Autoindustrie. Auf einem Transparent forderten sie die Bundeskanzlerin auf: «Frau Merkel, Spritfresser stoppen!» Auf der IAA 2009 sei leider kein Durchbruch in Richtung Klimaschutz zu erkennen, sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck laut Mitteilung: «Kunden müssen für ein umweltfreundliches Auto immer noch einen satten Aufpreis zahlen und das, obwohl aus technischer Sicht ein Verbrauch von unter drei Litern seit Jahren möglich ist.»
Die Kritik der Umweltaktivisten richtete sich gegen die Kanzlerin, weil sie sich in der EU-Debatte um Grenzwerte für den CO2-Ausstoß für weichere Vorgaben eingesetzt hatte. «Damit macht sich Merkel zur Vorreiterin einer klimafeindlichen Modellpolitik», sagte Lohbeck.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf der der Branche vor, lediglich «im Inszenieren von Illusionen» Weltmarktführer zu sein: «Eine "Grüne Woche" gibt es auf der größten deutschen Automesse nur in den Reden der Chefs der deutschen Autokonzerne. In Wahrheit zeigen die Hersteller, die sich selbst gern als Weltmeister in Sachen Innovationen feiern, eine Modellpalette vor, die den Erfordernissen von Nachhaltigkeit und Klimaschutz nicht gerecht wird.»
Merkel verteidigte ausdrücklich die Rettungsmaßnahmen für den Autobauer Opel. Sie wisse, dass vor Opel noch eine schwierige Wegstrecke liege. Aber es sei richtig gewesen, diesem Stück deutscher Industriegeschichte eine Chance am Markt zu geben, auch wenn es darüber Diskussionen gegeben habe. Zudem habe die US-Regierung den Opel-Mutterkonzern General Motors massiv unterstützt.




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