DEUTSCHLAND/WELT

08.10.2009 | Berlin (dpa)
Herta Müller: «Ich brauche Zeit, es einzuordnen»
Sie liebt ihn nicht, den großen Auftritt. Fast erschrocken sieht Herta Müller aus, als sie sich am Donnerstagabend einen Weg durch das viel zu kleine, mit Menschen vollgestopfte Büro des Deutschen Börsenvereins in Berlin bahnt. Die 56-jährige Literaturnopelpreisträgerin ringt auch Stunden nach der Nachricht aus Stockholm um die richtigen Worte. «Es ist noch nicht in meinem Kopf angekommen», sagt Müller und ein scheues Lächeln huscht über ihr schmales Gesicht. «Ich kann gar nicht darüber reden. Ich brauche Zeit, es einzuordnen.»
Herta Müllers Platz ist der Schreibtisch, nicht die große Bühne mit Blitzlicht und Kameras. Etwas ratlos reagiert sie deshalb auf Fragen, was ihr die Ehrung und ihr neuer Platz neben den deutschen Nobelpreisträgern Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass bedeuten. «Es ist o.k., es ist schön, aber es wird sich an mir nichts verändern. Meine innere Sache ist das Schreiben. Daran kann ich mich festhalten.»

War die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für die Rumänien-Deutsche auch ein politisches Zeichen? In Herta Müllers Stimme schwingt leise Genugtuung mit, wenn sie 20 Jahre nach dem Mauerfall über das Ende des Kommunismus in Osteuropa spricht. «Als die Ceausescu-Diktatur 1989 zusammengebrochen ist, hatte ich endlich das Gefühl, jetzt werde ich nicht mehr bedroht.» Und dann erinnert sie an die Freunde, die in Rumänien zurückblieben.
In Deutschland, dem Land ihrer Muttersprache, habe sie eine sichere Heimat gefunden. «Ich bin eine deutsche Schriftstellerin, weil ich auf Deutsch schreibe», sagt sie. Auf die Frage, ob der mit einer Million Euro dotierte Preis ihr Leben verändern werde, sagte sie: «Ich bin die Person, die ich bin. Ich bin jetzt nichts Besseres, ich bin auch nichts Schlechteres», meint sie. «Ich werde nicht den ganzen Tag Nobelpreisträgerin sein - wenn ich am Tisch sitze, Spiegeleier mache oder Kartoffeln kaufe, das kann ich schon einordnen.»

Den ganzen Donnerstagnachmittag über hatten Journalisten vor Müllers Wohnhaus im beschaulichen Berlin-Friedenau ausgeharrt, wo früher auch Grass wohnte. Doch die Tür des gepflegten Altbaus mit Backsteinfassade blieb zu. Erst am späten Nachmittag verließ Müller das Haus.
Es war der Schriftstellerin im dunklen Hosenanzug und mit Sonnenbrille im Haar sichtlich unangenehm, als die Menschenmenge sie mit Fragen bestürmte. Bevor sie mit ihrem Mann in ein Taxi stieg, ließ sich Müller dann doch noch überreden, ein paar Fotos mit Glückwunsch- Blumenstrauß von sich machen zu lassen. «Ich war sicher, es passiert nicht», wird sie später sagen und wieder etwas verlegen lächeln.
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