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DEUTSCHLAND/WELT

 

Haiti Erdbeben
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13.01.2010 | São Paulo/Port-au-Prince (dpa)

Gewaltiges Erdbeben erschüttert Haiti

 

Bei einem gewaltigen Erdbeben in Haiti sind nach Befürchtungen von Hilfsorganisationen mehrere tausend Menschen ums Leben gekommen.

 

Offizielle Angaben zur Opferbilanz in der Hauptstadt des bitterarmen Karibikstaates Port-au-Prince gibt es nach dem Beben der Stärke 7,0 am Dienstagnachmittag (Ortszeit) noch nicht. Auch über die Situation im übrigen Land ist wenig bekannt. Die Schäden seien gewaltig, betonte die Nachrichtenagentur Haiti Press Network. Das Beben ließ den riesigen Präsidentenpalast in Port-au-Prince zusammensacken. Hotels, Schulen und Einkaufszentren stürzten ein, ebenso Krankenhäuser und Ministerien.

 

Überlebende versuchten mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. In der Stadt leben rund 1,2 Millionen Menschen. Haiti ist das ärmste Land des gesamten Kontinents. «Es fühlte sich an, als ob ein großer Lastwagen durch die Hauswand gekracht wäre. Dann hat es etwa 35 Sekunden lang gewackelt», beschrieb Frank Williams, Landesdirektor der Hilfsorganisation World Vision Haiti, das Beben. Viele Menschen seien schreiend auf die Straße gelaufen.

 

«Die Mauern sind überall zusammengestürzt. Ich bin um mein Leben gelaufen. Menschen schrien: Jesus! Jesus! Es war völlig irreal», erzählte Fotograf Ivanoh Demers dem kanadischen Online-Magazin cyberpresse.ca. Er war gerade rechtzeitig aus dem Hotel Villa Créole in Port-au-Prince geflohen. «Ich bin aus meinen Hotelzimmer gelaufen, und die Mauer ist direkt neben mir zusammengebrochen.»

Dem französischen Minister für Entwicklungshilfe, Alain Joyandet, zufolge stürzte auch das bei Ausländern beliebte Luxushotel Montana ein. «Wir gehen davon aus, dass es dort etwa 200 Tote gibt», sagte Joyandet dem Sender France 2. Nur etwa 100 Menschen hätten das Gebäude rechtzeitig verlassen können. Betroffen waren auch die Vereinten Nationen. Der Chef der UN-Mission MINUSTAH, der Tunesier Hedi Annabi, sei vermutlich tot, sagte der französische Außenminister Bernard Kouchner dem Sender RTL. Mehrere Überlebende seien inzwischen aus dem eingestürzten UN-Hauptquartier gerettet worden, sagte ein UN-Sprecher in New York. Allerdings lägen noch Dutzende, vermutlich noch mehr als 100 Menschen unter den Trümmern des «Hotel Christopher».

 

Die UN hat derzeit etwa 7000 Soldaten und 2000 Polizisten vor allem aus südamerikanischen Ländern in Haiti im Einsatz. Brasiliens Armeeführung berichtete, dass vier brasilianische Blauhelm-Soldaten ums Leben gekommen seien. Mindestens weitere fünf seien verletzt worden. Es würden noch mehrere Militärangehörige vermisst. Auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern gab es Berichte über getötete oder vermisste UN-Mitarbeiter. Deutschland ist an der Friedensmission nicht beteiligt.

 

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hielt dennoch auch deutsche Opfer für möglich. «Wir hoffen es nicht, ich kann es leider auch nicht ausschließen», sagte er. Deutsche Urlauber sind dem Deutschen Reiseverband (DRV) zufolge nicht betroffen. Da es seit Jahren eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für Haiti gibt, biete kein Veranstalter Reisen in den Karibikstaat an, sagte DRV-Sprecher Torsten Schäfer. Aus der benachbarten Dominikanischen Republik, einem beliebten Ziel auch bei deutschen Urlaubern, seien bisher keine Erdbebenschäden bekannt.

 

Nach Aufzeichnungen der US-Erdbebenwarte hatte das Beben kurz vor 17 Uhr Ortszeit begonnen. Das Telefonnetz brach zusammen, ebenso die Stromversorgung. Vor allem die Elendsviertel an den Berghängen von Port-au-Prince seien betroffen, berichtete die deutsche Diakonie Katastrophenhilfe. Die Hänge seien großflächig abgerutscht, über der Stadt liege eine gewaltige Staubwolke. Aus Angst vor Nachbeben verbrachten etliche Menschen die Nacht im Freien.

Auf Hilfe der eigenen Behörden können die Menschen nach Angaben einer Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nicht hoffen. «Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung, und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben», sagte Svenja Koch. Rasch liefen dagegen die Hilfsmaßnahmen aus dem Ausland an. Die deutsche Bundesregierung stellte umgehend 1,5 Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Die EU-Kommission sagte eine Nothilfe von drei Millionen Euro zu. Frankreich, Großbritannien, Italien und weitere Länder kündigten an, Rettungsteams und Hilfsgüter nach Haiti zu schicken. Auch US-Präsident Barack Obama bot Hilfe an.

 

Die Vereinten Nationen mobilisierten 30 internationale Hilfeteams. Schnell aktiv wurden zudem die Hilfsorganisationen. Mobile Krankenhäuser, tonnenweise Lebensmittel und Trinkwasser, medizinisches Personal, Bergungstrupps und Suchhunde - die Liste angekündigter Hilfen war lang. Eine Welle der Solidarität löste das Erdbeben auch im Internet aus. In sozialen Netzwerken wie Facebook bildeten sich Gruppen, in denen Menschen das Geschehen diskutierten und zu Spenden aufriefen. Auch beim Kurznachrichtendienst Twitter war Haiti das Top-Thema.    

 

Das Land liegt im kleineren westlichen Teil der zu den Großen Antillen gehörenden Karibik-Insel Hispaniola. Im Osten liegt die Dominikanische Republik. In dem rund neun Millionen Einwohner zählenden Land sind seit 2004 UN-Friedenstruppen in Einsatz. Ein so schweres Beben wie am Dienstag gab es in Haiti seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Die Ränder der tektonischen Platten in dem Bereich hätten sich auf einen Schlag rund ein bis zwei Meter verschoben, sagte Jochen Zschau vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam. «Da hat sich über sehr lange Zeit Spannung aufgebaut.»

 

Das Beben habe zudem in geringer Tiefe stattgefunden. «Bei so einem flachen Beben gehen die Risse bis an die Oberfläche durch.» Die Intensität der Bodenerschütterungen, gemessen auf einer Skala von eins bis zwölf, habe im Zentrum bei neun bis zehn gelegen - also extrem hoch.

 

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