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Barack Obama - Ein Jahr im Amt

Obama - ein Jahr im Amt
Fotos
Zum 20. Januar | Washington (dpa)

Entzaubert, aber ohne Patzer - Obama ist ein Jahr im Amt

Der Zauber ist verflogen, die Magie verpufft. Ein Jahr ist Barack Obama im Amt - die Realität hat ihn eingeholt, der Alltag ihm Fesseln angelegt. Sogar die Gesichtszüge des Präsidenten haben sich verändert: Das strahlende Lächeln ist nicht mehr, die Lippen sind schmaler, die Miene ist ernster geworden. «Yes, we can» - schillernd und vage, vollmundig und scheinbar grenzenlos waren die Versprechungen, die den jungen Mann ins Weiße Haus brachten. Der erste schwarze US-Präsident, ein «zweiter Kennedy», ein Charismatiker, ein Menschenfänger - halb Amerika lag ihm zu Füßen, in Europa schäumte die Begeisterung noch höher.

Es sind diese himmelhohen Erwartungen, die er selbst schürte, die Obama heute unter Druck setzen, seine Popularität purzeln lassen. Dabei kann er durchaus Erfolge vorweisen, mit der Gesundheitsreform könnte ihm gar ein Triumph gelingen. Und vor allem: Ein großer Fehler, ein dicker Patzer ist Obama nicht unterlaufen - für das verflixte erste Jahr eines US-Präsidenten schon eine passable Bilanz.

Tief gespalten sind die Amerikaner heute, tief ist der Absturz des Präsidenten. Fast 70 Prozent der US-Bürger, so Umfragen, standen hinter ihm, als er am bitterkalten 20. Januar die Hand zum Amtseid hob. Heute gibt es Umfragen, wonach ihn nicht mal mehr jeder zweite Amerikaner unterstützt. Der steilste Fall, den je ein US-Präsident erlebt hat, behaupten manche. Bitter und verhärtet sind die Gegensätze in den USA, deutlich schärfer etwa als in Deutschland und Europa. Auch rassistische Zwischentöne sind dabei. Konservative Kommentatoren stellen gern die Frage, ob Obama eigentlich «echter Amerikaner» sei, schließlich wurde er auf Hawaii geboren.

Dabei droht das zweite Amtsjahr noch härter zu werden als das erste: Mit dem Iran steht die wahre Kraftprobe noch bevor, in Afghanistan die große Auseinandersetzung mit den Taliban. Auch die Arbeitslosigkeit ist unverändert hoch, die Schulden galoppieren
davon. Und zu allem Überfluss gibt es im November Kongresswahlen - Obamas klare Mehrheit im Senat ist in Gefahr. Die Republikaner wittern Morgenluft.

Ein verrücktes erstes Jahr: Als Obama auf den Stufen des Kapitols vereidigt wurde, kämpften Amerika und die Welt mit der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der «Großen Depression» - doch die Welle des Enthusiasmus und des Optimismus, die das Land erfasste, schien stärker als jede Krisenangst. Alles schien möglich, und alles sofort: Die Schließung von Guantánamo, das Ende des Irakkrieges, dem Iran sollte die Hand gereicht werden, ebenfalls Nordkorea und Kuba, dem Klimawandel wollte man einen Riegel vorschieben - und natürlich die Gesundheitsreform, die Bildung, mehr Jobs. «We will change America and we will change the world!» Wir werden Amerika verändern, und wir werden die Welt verändern - Bescheidenheit war Obamas Sache nicht.

Doch es wurde noch verrückter, Purzelbäume und Ironie gehören bekanntlich zur Trickkiste der Geschichte: So bekam Obama, kaum elf Monate im Amt, den Friedensnobelpreis überreicht, obwohl er ein paar Tage zuvor eine massive Eskalation des Afghanistan-Krieges befohlen hatte. In seiner Rede in Oslo sprach Obama dann nicht so sehr über den Frieden, sondern über den «gerechten Krieg» - das Publikum war trotzdem begeistert.

Dennoch, die Nobel-Jury traf einen Nerv. Der Präsident erhalte den Preis «für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu stärken», begründete sie ihren Coup. Ob in Amerika oder in Europa, es war die Erleichterung über das Ende der Bush-Ära, die der Hoffnung Flügel wachsen ließ. Ende der «Cowboy-Politik», der militärischen Alleingänge, der verklemmten Schwarz-Weiß-Malerei - das Aufatmen in den Regierungskanzleien im «alten Europa» war unüberhörbar. «Obama spürte ganz richtig, dass viele Menschen in der Welt einen anderen Stil in der Führung Amerikas wollten», meinte der liberale Publizist Charles Lane.

Neuer Ton, neuer Stil, neues Vokabular: Bestimmte Worte kommen bei Obama schlichtweg nicht mehr vor: «Krieg gegen den Terrorismus», «Achse des Bösen», «Schurkenstaat». Die Zeit der rhetorischen Bush-Aggressivität ist vorbei. Mitunter sprach Obama schon brav von der «Islamischen Republik des Iran» - die Republikaner schäumten.

Überhaupt: Große Gesten, große Reden, große Auftritte. Obama bietet an, sich ohne Vorbedingungen mit den Führen Irans und Kubas zusammenzusetzen, er reist eigens nach Kairo und hält eine Rede an die muslimische Welt, streckt die Hand aus zum großen Friedensschluss. Viele in der Welt applaudieren - nur die Iraner nicht. Und die Konservativen zu Hause rümpfen die Nase.

Vielen Amerikanern ist das zu wenig Härte, zu wenig Supermacht. Als Obama vor dem japanischen Kaiser eine Vorbeugung machte, ätzten Kritiker, der Bückling sei viel zu tief ausgefallen. Tagelang tobte die Debatte über die Petitesse, knallhart und unerbittlich. Dann ist da die angeblich allzu weiche Haltung Obamas gegenüber China. «Statt zu versuchen, die amerikanische Vorherrschaft zu festigen, versuchen sie, den ihrer Meinung nach unaufhaltbaren amerikanischen Niedergang gegenüber anderen Supermächten zu managen», wettert der neokonservative Autor Robert Kagan über Obama und seine Leute.

Doch die «Obama-Strategie» ist anders. Der Präsident ist sich bewusst, dass seine Mandat in eine Zeitenwende fällt. Es ist vor allem der Aufstieg Chinas und Indiens, der die globalen Kräfte grundlegend verschiebt. Eingefleischte Menschenrechtler bemängeln, dass sich Obama unlängst weigerte, den Dalai Lama zu empfangen, nur um Peking nicht zu verärgern. Doch Obama weiß, er braucht Partner.

Denn die dicken Brocken liegen noch vor ihm. Bisher zeigen die Machthaber in Teheran Obama die kalte Schulter, ohne den Beistand aus Moskau, Peking und Europa ist auch der «mächtigste Mann der Welt« hilflos. Unilateral ist nicht mehr, auch in Sachen Wirtschaft ist heute die Mitarbeit aller angesagt. Die Welt hat sich verändert: Aus dem G7-Club, dem einst exklusiven Kreis der Europäer, Nordamerikaner plus Japan ist die G20-Runde geworden, neben den «Alten» sitzen jetzt China, Indien, Brasilien und Südafrika mit im Boot. Immer noch gilt «Yes we can» - aber im globalen Maßstab, nicht mehr im Alleingang.
Von Peer Meinert, dpa

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