DEUTSCHLAND/WELT

25.02.2010 | Berlin (dpa)
Betroffenheit über Käßmann-Rücktritt
Einen Tag nach dem Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann wegen einer Alkoholfahrt herrscht in Kirche und Politik weiter Betroffenheit. Käßmann hatte gestern ihren Rücktritt als Ratsvorsitzende und Bischöfin verkündet. Sie will als Pfarrerin tätig bleiben.
Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Katrin Göring-Eckardt, sagte am Donnerstag im Deutschlandradio Kultur, sie hätte sich eine weitere Zusammenarbeit mit Käßmann gewünscht. «Ich respektiere diese Entscheidung, auch wenn sie mich traurig macht», betonte Göring- Eckardt. Besonders viele Frauen bedauerten den Rücktritt. Dennoch könne sie den Schritt Käßmanns verstehen, sagte die Grünen-Politikerin.
Die Kirchenbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Maria Flachsbarth, sagte im Deutschlandfunk, eine weitere Amtsausübung Käßmanns wäre «sehr schwierig gewesen, denn sie wäre immer wieder mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert worden». Der Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Siegmund Ehrmann, sagte im RBB-Inforadio, Käßmann habe eine konsequente Haltung gezeigt. Sie selbst habe einen großen Vertrauensverlust eingeräumt. Er selbst bedauere den Rücktritt allerdings sehr.
Käßmann war am Samstagabend am Steuer ihres Dienstwagens in Hannover von der Polizei gestoppt worden, nachdem sie über eine rote Ampel gefahren war. Wegen des hohen Wertes von 1,54 Promille Alkohol im Blut hat die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen sie eingeleitet.
Der kommissarische Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, will das politische Engagement von Margot Käßmann fortführen. Das kündigte er am Mittwochabend in der ARD an.

24.02.2010 | Hannover (dpa)
Käßmann gibt Spitzenämter auf - Autorität beschädigt
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, gibt ihre kirchlichen Spitzenämter auf. Käßmann zog damit am Mittwoch die Konsequenzen aus dem Bekanntwerden einer alkoholisierten Autofahrt vom Wochenende. Sie trete mit sofortiger Wirkung als EKD-Ratsvorsitzende und als hannoversche Landesbischöfin zurück, erklärte die 51-Jährige am Mittwoch in Hannover vor der Presse. Sie bleibe aber Pastorin der hannoverschen Landeskirche.
«Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue», sagte Käßmann. Sie könne und wolle nicht darüber hinweg sehen, dass ihr Amt und ihre Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt seien. «Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte.»
Käßmann war am Samstagabend mit 1,54 Promille Alkohol im Blut am Steuer ihres Dienstwagens gestoppt worden. Sie hatte zuvor im Zentrum von Hannover eine rote Ampel missachtet. Auf sie wartet nun ein Strafverfahren, da Alkoholvergehen am Steuer ab 1,1 Promille keine Ordnungswidrigkeit mehr sind.

Einer ihrer Ratgeber habe ihr am Dienstag ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: «Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät (37,17)», erklärte Käßmann mit brüchiger Stimme. «Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben.» So manches, was sie jetzt über ihre Verfehlung lese lese, sei mit der Würde dieses Amtes nicht vereinbar. «Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet.»
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte nach einer nächtlichen Krisenberatung noch am Mittwochmorgen Käßmann einmütig das Vertrauen ausgesprochen. Dafür bedankte sich die Bischöfin auf der Pressekonferenz ausdrücklich, auch bei ihren Freunden, Ratgebern und allen, «die mich so wunderbar getragen und gestützt haben».

Die EKD reagierte mit tiefem Bedauern auf den Rücktritt ihrer Ratsvorsitzenden. «Die Gradlinigkeit und Klarheit in ihren theologischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Positionen werden der Evangelischen Kirche in Deutschland fehlen», hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der EKD-Synodenpräsidentin, Katrin Göring-Eckardt sowie des stellvertretenden EKD-Vorsitzenden, Nikolaus Schneider. «Ihr Rücktritt ist ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus.»
Käßmann war erst im Oktober 2009 zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt worden. In der Geschichte der EKD ist sie die erste Frau gewesen, die dieses Spitzenamt inne hatte. Bis zu einer Neuwahl im November werde ihr Stellvertreter Nikolaus Schneider, der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, das Amt übernehmen, erklärte die Kirche. Der 62-Jährige ist seit 2003 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Eine Neuwahl werde voraussichtlich bei der nächsten Synodentagung vom 5. bis 10. November in Hannover erfolgen.
24.02.2010 | Hannover (dpa)
Käßmann seit 1999 stark in der Öffentlichkeit
Margot Käßmann steht seit vielen Jahren im Licht der Öffentlichkeit. Die redegewandte Theologin nahm als Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu vielen gesellschaftspolitischen Streitfragen Stellung. Auch mit privaten Schwierigkeiten ging sie offen um. Ein Rückblick:

September 1999: Käßmann wird als neue Bischöfin von Hannover in ihr Amt eingeführt. Sie ist die zweite Frau an der Spitze einer Landeskirche.
Juli 2003: Bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im kanadischen Winnipeg kritisiert Käßmann die Konsumgesellschaft und einen übertriebenen Schönheitskult.
November 2003: Bei der Wahl des neuen EKD-Ratsvorsitzenden unterliegt sie dem berlin-brandenburgischen Landesbischof Wolfgang Huber.
Mai 2005: Als Gastgeberin des Evangelischen Kirchentages in Hannover kritisiert sie das Profitstreben mancher Unternehmen. Sie fordert Manager auf, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.
Oktober 2006: Nach einer Brustkrebsoperation macht Käßmann Frauen in ähnlicher Lage Mut. Eine solche Diagnose sei nicht gleich ein Todesurteil.

Mai 2007: Die Landeskirche in Hannover teilt mit, dass Käßmann nach 26 Ehejahren die Scheidung eingereicht hat. Die Bischöfin will weiter im Amt bleiben. «Die von mir zu erwartende Vorbildfunktion sehe ich darin, wahrhaftig zu sein», sagt sie.
Oktober 2009: Die EKD-Synode in Ulm wählt Käßmann mit großer Mehrheit zur Ratsvorsitzenden. Erstmals übernimmt eine Frau das höchste Amt der EKD.
November 2009: Die Bischöfin kritisiert die vom Deutschen Ethikrat geforderte Abschaffung von Babyklappen.
Dezember 2009: Käßmann spricht sich für Ganztagsschulen und gegen das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld aus. In der Debatte um das Minarett-Verbot in der Schweiz fordert sie weltweite Religionsfreiheit, ermahnt die in Deutschland lebenden Muslime aber, alle Verfassungs- und Freiheitsrechte ernst zu nehmen.
Januar 2010: In ihrer Predigt am Neujahrstag 2010 stellt Käßmann den Afghanistan-Kurs der Regierung infrage. Sie fordert einen Abzugsplan für die deutschen Soldaten. Vor allem ihre Worte «Nichts ist gut in Afghanistan» sorgen für heftige Kritik. Das Buch der vierfachen Mutter «In der Mitte des Lebens» schafft es auf den ersten Platz der Ratgeber-Bestsellerliste.
Februar 2010: Käßmann überfährt mit ihrem Dienstwagen in Hannover eine rote Ampel und wird von der Polizei gestoppt. Eine Blutprobe ergibt einen Alkoholwert von 1,54 Promille.

24.02.2010 | Hamburg (dpa)
Nikolaus Schneider: Stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender
Nach dem Rücktritt von Margot Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende rückt ihr Stellvertreter in den Blick. Nikolaus Schneider, seit 2003 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, wird zunächst den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland leiten - und damit höchster Repräsentant von 25 Millionen evangelischen Christen sein. Schneider ist bekannt für sein soziales wie politisches Engagement. Aus Sicht des 62-Jährigen muss sich die Kirche «von der Leidenschaft Gottes für die Schwachen» leiten lassen.
Schneider wurde am 3. September 1947 in Duisburg als Sohn einer Stahlarbeiters geboren. Nach seiner Ordination im Jahr 1976 arbeitete er zunächst als Gemeindepfarrer in Duisburg-Rheinhausen, wo er sich stark für die vom Strukturwandel betroffenen Stahlarbeiter und Bergleute einsetzte.
Auch als Superintendent des Kirchenkreises Moers ab 1987 blieb er seinem Motto treu, «den Sorgen der Menschen Ausdruck und eine Stimme geben» zu wollen. Der Fußballbegeisterte suchte stets das Gespräch mit allen Gesellschaftsschichten. Für sein Engagement erhielt er 1998 die Hans-Böckler-Medaille des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

1997 wurde Schneider Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland und war als Personaldezernent im Landeskirchenamt in Düsseldorf zuständig für etwa 2000 Theologen. 2003 trat er die Nachfolger des rheinischen Präses Manfred Kock an und wurde damit zum Oberhaupt der mit rund drei Millionen Gläubigen zweitgrößten deutschen Landeskirche. Den im selben Jahr begonnenen Irakkrieg lehnte er strikt ab.
Der verheiratete Familienvater setzt sich für die Ökumene ein, wiederholt forderte er von der katholischen Kirche «mehr Zeichen» zur Verständigung. In der Vergangenheit kritisierte Schneider mehrfach Entscheidungen aus der Politik und der Wirtschaft - etwa zu den Themen Finanzkrise, Umweltschutz oder Afghanistan.

Erklärung der Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann: Es gilt das gesprochene Wort!
Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich ihn bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinweg sehen, dass das Amt und meine Autorität als Landesbischöfin sowie als Ratsvorsitzende beschädigt sind. Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte. Die harsche Kritik etwa an einem Predigtzitat wie "Nichts ist gut in Afghanistan" ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird.
Einer meiner Ratgeber hat mir gestern ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: "Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät" (37,17). Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben. So manches, was ich lese, ist mit der Würde dieses Amtes nicht vereinbar. Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet.
Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete. Ich war mehr als 10 Jahre mit Leib und Seele Bischöfin und habe all meine Kraft in diese Aufgabe gegeben. Ich bleibe Pastorin der hannoverschen Landeskirche. Ich habe 25 Jahre nach meiner Ordination vielfältige Erfahrungen gesammelt, die ich gern an anderer Stelle einbringen werde.
Es tut mir Leid, dass ich viele enttäusche, die mich gebeten haben, im Amt zu bleiben, ja die mich vertrauensvoll in diese Ämter gewählt haben. Ich danke allen Menschen, die mich so wunderbar getragen und gestützt haben, für alle Grüße und Blumen, die meiner Seele sehr gut getan haben in diesen Tagen. Dem Rat der EKD danke ich sehr, dass er mir gestern Abend deutlich sein Vertrauen ausgesprochen hat.
Ich danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der hannoverschen Landeskirche und in der EKD, die mich haupt- und ehrenamtlich unterstützt haben. Insbesondere danke ich meinem engsten Team, das mir in manchem Sturm die Treue gehalten hat. Ich danke allen Freundinnen und Freunden, allen guten Ratgebern. Und ich danke meinen vier Töchtern, dass sie meine Entscheidung so klar und deutlich mittragen und heute hier sind.
Zuletzt: Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.
Dr. Margot Käßmann, 24. Februar 2010




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