DEUTSCHLAND/WELT

07.04.2010 | Stuttgart/Paris/Brüssel (dpa)
Daimler greift mit Renault-Nissan im Kleinwagen-Markt an
Daimler greift mit Renault-Nissan die Konkurrenz im lukrativen Kleinwagen-Markt an. Die Konzern-Lenker Dieter Zetsche und Carlos Ghosn vereinbarten am Mittwoch in Brüssel ein strategisches Bündnis zwischen den Autobauern, das neben einer umfangreichen Kooperation im Kompaktwagensegment auch die Zusammenarbeit bei Elektroantrieben, leichten Nutzfahrzeugen sowie den Austausch von Motoren vorsieht. Die Konzerne binden sich über eine Überkreuzbeteiligung von jeweils 3,1 Prozent aneinander. Von ihrer Allianz erhoffen sich die neuen Partner Einsparungen von zwei Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren.
«Diese Kooperation ist der richtige Schritt zur richtigen Zeit», erklärte Daimler-Chef Dieter Zetsche. Der Stuttgarter Premiumhersteller sei bei großen Modellen bereits bestens aufgestellt. Im heiß umkämpfen Kompaktwagenmarkt hätten die Schwaben dagegen Nachholbedarf. Zudem steige die weltweite Nachfrage nach kleineren Modellen weiter deutlich an. Renault-Nissan-Chef Ghosn betonte: «Daimler ist für uns der optimale Partner. Wir profitieren alle voneinander.»
Die neuen Partner vereinbarten, die nächste Generation des City-Flitzers smart fortwo, einen neuer Viersitzer der Marke smart sowie den nächsten Renault Twingo auf Basis einer gemeinsamen Architektur zu entwickeln. Die Markteinführungen dieser Modelle sind von 2013 an vorgesehen - auch Varianten mit Elektroantrieb soll es geben. Das smart-Werk im französischen Hambach wird die Zweisitzer produzieren. Die Viersitzer-Varianten sollen aus dem Renault-Werk im slowenischem Novo Mesto kommen.

Die Zusammenarbeit bei den Antrieben soll vor allem die gemeinsame Nutzung von Diesel- und Benzinmotoren umfassen. Die Renault-Nissan-Allianz wird Antriebe mit drei und vier Zylindern an Daimler liefern, die dann von Mercedes-Benz angepasst werden. Daimler will so zusätzliche Absatzpotenziale für seine nächste Generation von Kompaktwagen erschließen. Das Bündnis aus Renault und Nissan lastet seine Kapazitäten besser aus.
Im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge werden die Franzosen Mercedes-Benz Vans die Basis für einen neuen Stadtlieferwagen zur Verfügung stellen. Dieser soll im Renault-Werk in Maubeuge gefertigt werden und von 2012 an auf den Markt kommen.
Beide Manager betonten, dass eine Fusion zu keinem Zeitpunkt zur Debatte gestanden habe. Ein Ausbau der Zusammenarbeit mit weiteren Projekten wäre jedoch möglich. Entscheidend sei dabei, dass die Identität und die Marken der Autobauer nicht beschädigt werden. «Wir werden Sorge dafür tragen, dass ein Mercedes ein Mercedes bleibt», sagte Zetsche.

Die Mitarbeiter von Daimler und Renault erhoffen sich derweil durch das Bündnis der beiden Autobauer zusätzliche Arbeitsplätze. «Die Arbeitnehmervertreter auf beiden Seiten erwarten von der Kooperation in erster Linie, dass die Beschäftigung in den beteiligten Unternehmen gesichert und ausgebaut wird», erklärte Daimler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm. «Dies muss nun in Form von Vereinbarungen und Produktzusagen auf Werksebene konkretisiert werden.»
Renault und Nissan bilden seit 1999 ein Bündnis. Sie haben mit Ghosn den selben Chef und teilen sich Märkte und Kosten. Daimler war mit ähnlichen Projekten mit Mitsubishi und Chrysler gescheitert. Sowohl Daimler als auch Renault sind in der Finanzkrise tief in die Verlustzone gerutscht. Bei Renault ist der französische Staat mit rund 15 Prozent beteiligt. Er hatte in der Vergangenheit für Kredite Standortgarantien verlangt. Wirtschaftsministerin Christine Lagarde kündigte am Mittwoch an, der französische Staat werde einen zusätzlichen Anteil an Renault in Höhe von 0,55 Prozent erwerben. Dieser Schritt werde es erlauben, den Staatsanteil bei rund 15 zu halten.
Hamburg (dpa)
Hintergrund: Allianzen der Autobauer
Die vereinbarte Allianz von Daimler mit Renault und Nissan ist ein weiteres Beispiel für den Konzentrationsprozess in der kriselnden Autobranche. In der Vergangenheit hatte die Achterbahnfahrt von Daimler und Chrysler lange für Schlagzeilen gesorgt. 1998 gaben die Daimler-Benz AG und Chrysler Corporation die Fusion zur DaimlerChrysler AG bekannt. Der damalige Daimler-Chef Jürgen Schrempp übernahm Chrysler für knapp 40 Milliarden Dollar. Doch das US-Unternehmen entpuppte sich als milliardenschwerer Sanierungsfall. 2007 wurde das Ende der Allianz besiegelt. Chrysler wird nun vom italienischen Autobauer Fiat kontrolliert.
Verluste auf dem Weg zu der von Schrempp ausgerufenen «Welt-AG» produzierten zudem die Beteiligungen an Hyundai und Mitsubishi im Jahr 2000. Bis 2005 trennte sich DaimlerChrysler von beiden.
Auch BMW musste für die Übernahme der britischen Rover Lehrgeld zahlen. Der damalige Vorstandschef Bernd Pischetsrieder fädelte 1994 die Fusion ein. BMW zahlte zwei Milliarden DM und steckte erhebliche Summen in die Entwicklung neuer Modelle. Als diese sich nicht verkaufen ließen, stieg BMW 2000 wieder aus.
Segensreich für beide Partner war dagegen die Liaison des französischen Renault-Konzerns mit dem japanischen Autobauer Nissan. Vor elf Jahren wurde Renault größter Anteilseigner und machte aus Nissan ein ertragreiches Unternehmen.
Volkswagen konnte erst nach einem erbitterten Übernahme-Machtkampf mit Porsche das Rennen für sich entscheiden. Der Sportwagenbauer wird nun bis 2011 als zehnte Marke in den VW-Konzern integriert. Volkswagen baut sein Imperium mit Milliardeninvestitionen massiv aus. Im Dezember 2009 beteiligte sich der Konzern für 1,7 Milliarden Euro mit knapp 20 Prozent an Japans viertgrößtem Autobauer Suzuki. Geplant ist zudem eine Lastwagen-Allianz aus VW, MAN und Scania unter dem Konzern-Dach der Wolfsburger.




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