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DEUTSCHLAND/WELT

 

08.05.2010 | Washington

Stahlkuppel nähert sich Öl-Leck am Meeresgrund

Im Golf von Mexiko hat ein dramatisches Wettrennen mit der Zeit begonnen. Während erstes Öl an die US-Küste schwemmte, haben Experten eine tonnenschwere Stahl- und Zementkuppel in die Tiefe abgelassen.

Sie soll den anhaltenden Ölaustritt nach dem Untergang der Plattform «Deepwater Horizon» eindämmen. Der Konzern BP zeigte sich optimistisch, dass der mehr als 100 Tonnen schwere Behälter noch am Freitagabend (Ortszeit) sein Ziel auf dem Meeresboden erreicht. Bisher laufe alles prima, sagte BP-Sprecher John Curry am Mittag: «So weit so gut.» Wenn das so bleibe, könne ab Dienstag das in dem Behälter aufgefangene Öl aufgesogen und auf ein Bohrschiff geleitet werden.

Der Container hatte am Vormittag etwa Dreiviertel seiner Reise in 1500 Meter Tiefe zurückgelegt: Dort sollte er dann über das Hauptleck gestülpt werden, aus dem seit mehr als zwei Wochen Öl ins Meer sprudelt. Je näher die Kuppel ihrem Ziel kam, desto komplizierter und damit auch langwieriger wurde die Arbeit: Es galt, den Stahlbehälter genau über die undichte Stelle im Meeresboden zu manövrieren - eine ferngesteuerte Präzisionsarbeit mit Hilfe von Robotern.

Dabei wird es immer dringender, das Hauptleck abzudichten: Am Donnerstag hatte der Ölfilm erstmals Land erreicht. Eine rosafarbene dünne Brühe aus Öl, Wasser und Chemikalien, die BP zum Zersetzen des Ölteppichs einsetzt, erreichte die Chandeleur Islands. Das ist eine kleine unbewohnte Inselkette vor Louisiana mit einem reichen Vogelbestand. Das Öl schwappte zunächst auf Uferteile der Freemason-Insel an der Südspitze der Kette, etwa 45 Kilometer vom Festland entfernt.

Nach Angaben der US-Küstenwache wurde bei Beobachtungsflügen in der Nähe der Chandeleur Islands auch «schwereres Öl» entdeckt. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass es auch an Land gelangt sei. Helfer hatten unmittelbar nach Entdeckung der ersten Ölspuren an den Ufern mit dem Auslegen schwimmender Barrieren begonnen.

Das Hauptaugenmerk galt aber dem Manöver mit der Kuppel auf dem Meer: Derartige Stahlkonstruktionen sind zwar in der Vergangenheit schon einige Male eingesetzt worden, aber noch nie in einer solchen Tiefe.

Die Kuppel ist etwa so hoch wie ein vierstöckiges Haus. Geht alles glatt, wollen Experten sie mit einem Bohrschiff verbinden. Dann würde das in dem Behälter aufgefangene Öl durch ein Rohr aufgesaugt. Bis zu 85 Prozent des Ölflusses könnten laut Experten so gestoppt werden. Gelingt das Manöver, will BP eine weitere kleinere Kuppel über ein zweites Leck in der Tiefseeleitung stülpen. Ein kleiner Riss war bereits von einem Unterwasser-Roboter geschlossen worden.

Seit die von BP geleaste Bohrinsel am 22. April gesunken ist, sprudeln täglich mindestens 700 Tonnen Rohöl ins Meer. Der Rückversicherer Munich Re schätzte am Freitag, dass der Untergang der Ölplattform einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag kosten werde, davon 60 Millionen Euro für den reinen Sachschaden.

Der BP-Konzern sagte wegen der Ölpest die Jahrespressekonferenz seiner deutschen Tochter ab. Auch in Deutschland müssten einige Ressourcen auf die Bewältigung der Situation ausgerichtet werden. «Daher sehen wir uns momentan außerstande, die Geschäftszahlen der deutschen BP im zurückliegenden Geschäftsjahr angemessen zu präsentieren», begründete das Unternehmen am Freitag in einer Mitteilung die Absage der Veranstaltung am 18. Mai in Düsseldorf.

Die Ölpest hat auch Auswirkungen auf die Energiepolitik von US- Präsident Barack Obama. Er hatte kurz vor dem Unglück eine energiepolitische Kehrtwende vollzogen und nach jahrelangen Debatten doch Ölbohrungen vor den Küsten genehmigt. Das Innenministerium legte nun am Donnerstag öffentliche Anhörungen zu geplanten Probebohrungen und seismischen Tests vor der Küste des Bundesstaates Virginia auf Eis. Innenminister Ken Salazar sagte, es werde mindestens bis zum 28. Mai keine neuen Bohr-Genehmigungen geben. Dann soll eine erste Untersuchung der Gründe für den Unfall abgeschlossen sein. Nach Angaben des Ministers fallen auch Pläne des Shell-Konzerns für Bohrungen vor der Küste Alaskas unter dieses Moratorium.

Die Wirtschaftsagentur Bloomberg zitierte BP-Chef Tony Haward mit den Worten, dass die Zukunft der Ölbohrungen in Küstennähe davon abhänge, wie der Konzern die Ölpest im Golf von Mexiko bewältige. «Es hängt alles davon ab, wie erfolgreich wir mit unserer Antwort (auf die Ölpest) sein werden.»


Website der am Einsatz beteiligten US-Behörden und Unternehmen: www.deepwaterhorizonresponse.com

Quelle: dpa
05.05.2010 | New Orleans/Washington (dpa)

Stahlkuppel soll Öl im Golf von Mexiko stoppen

 

Im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko ist eine beispiellose Aktion angelaufen: In Louisiana brach am Mittwoch ein Schiff mit einer 113 Tonnen schweren und 12 Meter hohen Stahlkuppel auf.

 

Sie soll in den nächsten beiden Tagen über das sprudelnde Bohrloch in 1500 Metern Tiefe gestülpt werden. Knapp zwei Wochen nach dem Untergang der Bohrinsel «Deepwater Horizon» gab es außerdem bereits einen kleinen Fortschritt vor der US-Südküste: Dem BP-Konzern gelang es, das kleinste der drei Lecks am Meeresboden zu schließen.

 

BP will das aufgefangene Öl dann auf ein Bohrschiff leiten. Der Konzern hofft, dass das komplizierte System innerhalb von sechs Tagen einsatzbereit ist. Eine solche Aktion in dieser Tiefe gab es bislang noch nie.

 

BP-Manager Doug Suttles sagte, es könne angesichts der Schwierigkeiten zunächst «frustrierend» werden. Aber: «Ich bin überzeugt, dass wir sie (die Kuppel) zum Funktionieren bringen.» Klappt das Manöver, will der Ölkonzern eine zweite solche Vorrichtung einsetzen, um das andere Leck abzudichten.

Politischer Druck auf BP


Inzwischen werden in Washington die Rufe lauter, BP nicht nur für die Reinigungsarbeiten, sondern auch für die erwarteten Schäden in Natur und Wirtschaft in vollem Umfang zur Kasse zu bitten. Zwei demokratische Senatoren im Kongress wollen erreichen, dass eine gesetzliche Obergrenze für derartige Schadensersatzleistungen von 75 Millionen Dollar auf zehn Milliarden Dollar (7,7 Milliarden Euro) erhöht wird.

 

Nach Medienberichten findet ihr Vorstoß immer mehr Unterstützung. Der Kommunikationsdirektor im Weißen Haus, Dan Pfeiffer, sagte in einem Blog, dass auch Präsident Barack Obama eine deutliche Anhebung unterstütze. BP-Chef Tony Hayward hatte versichert, dass der Konzern «legitime» Ansprüche befriedigen werde.

 

Das Leck, das ein Unterwasserroboter mit einem Ventil schließen konnte, ist eines von drei, aus denen seit nunmehr fast zwei Wochen täglich mindestens 700 Tonnen Rohöl ins Wasser fließen. Bereits am Dienstag hatte Suttles deutlich gemacht, dass sich der Ölaustritt kaum verringern werde, wenn nur das kleinste Leck abgedichtet werde.

 

Das Wetter spielt weiter mit: Günstige Winde halten den Ölteppich weiter vom Festland fern, die Einsatzleiter erwarten, dass das mindestens bis zum Wochenende so bleibt. Damit erhalten die etwa 7500 Einsatzkräfte mehr Zeit, um die Säuberungsarbeiten und Schutzmaßnahmen für die Küstenregion voranzutreiben. So wurde auch am Mittwoch daran gearbeitet, schwimmende Barrieren auszulegen und Öl abzuschöpfen.

Hoffnungen ruhen auf Stahlkuppel


Die Hoffnungen konzentrieren sich jedoch auf die rund 113 Tonnen schwere Stahlkuppel: Sie könnte, wenn alles klappt, nach Expertenangaben den Ölfluss zu 80 Prozent stoppen - so lange, bis das endgültige Abdichten der Lecks gelungen ist. Nach Absetzen des Behälters in 1500 Metern Tiefe müssen noch Leitungen von der Konstruktion zu einem Bohrschiff gelegt werden.

 

Schwierig ist das Manöver schon allein wegen der Meeresströmungen. Kurt Reinicke vom Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der TU Clausthal sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Die Umweltbelastung wird abgestellt, Sie gewinnen Zeit (...) Aber das Problem ist natürlich nicht gelöst. Das ist es erst, wenn die Bohrung unter Kontrolle ist. In die Kuppel tritt ja weiter unkontrolliert Öl aus.»

 

Reinicke erklärte weiter, bevor die zwölf Meter hohe Konstruktion platziert werden könne, werde BP versuchen, ein neues Absperrventil über dem Bohrlochkopf anzubringen. Dazu müssten Leitungen kurz oberhalb des Kopfes gekappt werden. «Damit wird der Querschnitt der Bohrung geöffnet. Klappt es (das Ventil anzubringen), wäre die Bohrung unter Kontrolle, klappt es nicht, wird mehr Öl ausströmen, weil Fließwiderstände beseitigt wurden.»

 

Am 22. April war die Bohrinsel gesunken, die BP von der Firma Transocean geleast hatte. Es kursieren unterschiedliche Angaben, wie viel Öl im schlimmsten Fall noch austreten kann. Am Dienstag informierten Vertreter von BP und Transocean US-Kongressmitglieder hinter verschlossenen Türen über das Ausmaß des Unglücks. Nach Medienberichten gab ein BP-Manager dabei als schlimmstes mögliches Szenario den täglichen Austritt von 60 000 Barrel Rohöl an. Das wäre mehr als zehnmal so viel wie jetzt. Suttles sagte am Mittwoch dem Sender CNN, dass dieses Szenario aber unwahrscheinlich sei. 60 000 Barrel entsprechen mehr als 8000 Tonnen.

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