DEUTSCHLAND/WELT
03.03.2009

04.03.09 / Köln (dpa)
Noch immer Einsturzgefahr in Köln - Bau der U-Bahn infrage gestellt

Einen Tag nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln stellte Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) den Bau der U-Bahn infrage. «Ich halte das eigentlich jetzt fast für unverantwortlich», sagte er im ARD-«Morgenmagazin». Das Archivgebäude und zwei benachbarte Wohnhäuser waren am Dienstag zusammengebrochen, möglicher Grund war ein Erdrutsch infolge des U-Bahn-Baus.
Die Leiterin des Historischen Archivs, Bettina Schmidt-Czaia, sagte der Deutschen Presse-Agentur (dpa), sie gehe davon aus, dass fast alle Bestände vernichtet sind. Das Ausmaß der Schäden stehe zwar noch längst nicht fest, es könne aber wohl nur ein geringer Teil des Archivmaterials gerettet werden.
Überreste der beiden benachbarten Wohnhäuser drohten weiter abzufallen. Ebenso bestand die Gefahr, dass Erdreich nachrutscht, wie die Sprecherin der Stadt Köln sagte. Zur Sicherung des Bodens wurde seit der Nacht Beton aufgefüllt. Um in die Nähe der beiden Stellen zu gelangen, an denen Suchhunde am Dienstag angeschlagen hatten, hatten Feuerwehrleute in der Nacht auch Garagen abgerissen.
03.03.2009 | Köln (dpa)
Kölner Archivhaus stürzt ein - Ursache möglicherweise U-Bahn-Bau

In der Kölner Innenstadt ist das Historische Stadtarchiv am Dienstag komplett eingestürzt und hat zwei Nachbargebäude mitgerissen. Binnen weniger Augenblicke verwandelte sich das vierstöckige Gebäude - eines der bedeutendsten Stadtarchive Deutschlands - in einen Schuttberg. Unklar war zunächst, ob Menschen zu Tode gekommen oder verletzt worden waren. Der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stefan Neuhoff, sagte bei einer ersten Pressekonferenz, auch von Leichtverletzten sei ihm nichts bekannt. Die Suche nach eventuell verschütteten Anwohnern gestaltet sich aktuell immer noch als schwierig. Heute Morgen sucht man noch nach zwei bis fünf Vermissten.
Es wurde darüber spekuliert, dass angrenzende U-Bahn-Bauten den Einsturz ausgelöst haben könnten. Der U-Bahn-Tunnel verläuft direkt neben der Unglücksstelle.
Neuhoff betonte, die Ursache müsse erst noch ermittelt werden. In einem ebenfalls großenteils eingestürzten Nachbarhaus mit Wohnungen könne sich möglicherweise ein Ehepaar befunden haben, nach ihm sollte mit Spürhunden gesucht werden. Die Mitarbeiter und Nutzer des Archivs hätten sich nach vorläufigen Erkenntnissen alle retten können, weil sich der Einsturz durch Geräusche angekündigt habe, sagte Neuhoff.

Augenzeugen berichteten auch davon, dass Bauarbeiter gerufen hätten, man solle sich schleunigst in Sicherheit bringen. Der Schaden geht in die Millionen. Statiker prüften am Dienstag noch, ob auch noch andere Gebäude einsturzgefährdet waren. Unklar war zunächst, ob nun auch alle im Stadtarchiv aufbewahrten Dokumente aus der zweitausendjährigen Geschichte Kölns verloren sind, darunter unwiederbringliche Urkunden aus dem Mittelalter.
Bei Polizei und Feuerwehr wurde Großalarm ausgelöst. Das Gebiet rund um den Unglücksort an der Severinstraße wurde weiträumig abgesperrt. Augenzeugen erzählten von einem dumpfen Krachen und einer riesigen Staubwolke. Die Kioskbesitzerin Paraskevi Oustampasiadi (42) sagte: "Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September."

Das Historische Archiv befand sich an der Severinstraße, unter der seit Jahren U-Bahn-Bauten stattfinden. Der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe, Rolf Papst, versicherte jedoch am Dienstag, die Tunnelarbeiten am Unglücksort seien schon seit über einem Jahr beendet. Zurzeit fänden dort noch "eher unbedeutende Arbeiten" statt. In dem Archivgebäude waren zuvor Risse festgestellt worden, die mit dem U-Bahn-Bau in Zusammenhang gebracht worden waren.
Der Bau der sogenannten Nord-Süd-Bahn hat schon für viel Ärger gesorgt. Die Kosten für das Projekt explodierten, die Geschäftsleute an der Einkaufsmeile Severinstraße klagten über Umsatz-Einbrüche. Dann geriet im Herbst 2004 noch ein Kirchturm durch den Tunnelbau in Schieflage. Mit mindestens 950 Millionen Euro soll die Linie 320 Millionen Euro mehr kosten als geplant. Als Gründe für die Kosten-Explosion wurden von den Kölner Verkehrs-Betrieben unter anderem archäologische Arbeiten genannt, die den Bau immer wieder gestoppt haben. Die Tunnelröhren befinden sich in bis zu 30 Metern Tiefe unter der Altstadt.
Das historische Stadtarchiv in Köln gilt als eines der größten kommunalen Archive Deutschlands. Es umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte.
Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Das «Gedächtnis» der Stadt Köln umfasst 65 000 Urkunden ab dem Jahr 922, 104 000 Karten und Pläne, 50 000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
Das Gebäude des Stadtarchivs in der Severinstraße, das am Dienstag komplett eingestürzt ist, wurde Anfang der 70er Jahre gebaut.





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