DEUTSCHLAND/WELT
Freude und Bangen liegen eng beieinander: Das Entführungsdrama um eine deutsche Familie im Jemen hat am Montag eine überraschende Wende genommen. Die beiden kleinen Töchter kamen frei. Doch das Schicksal der Eltern und weiterer Geiseln bleibt nach wie vor ungewiss.

18.05.2010 | Riad/Bautzen/Berlin
Jemen: Spezialeinheit rettet entführte Kinder aus Sachsen
Knapp ein Jahr nach ihrer Entführung im Jemen sind zwei kleine deutsche Mädchen überraschend freigekommen.
Von ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder fehlte aber jede Spur. Eine Spezialeinheit aus Saudi-Arabien rettete die Mädchen, die mit ihrer Familie im Juni 2009 verschleppt worden waren. Lydia (6) und Anna (4) Hentschel gehe es relativ gut, sagte der Sprecher des Innenministeriums in der saudischen Hauptstadt Riad, General Mansur al-Turki, am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Die Schwestern wurden nach inoffiziellen Angaben in eine Militärklinik in Chamis Muschait im Süden des Landes gebracht. Über das Schicksal der übrigen Geiseln gebe es keine Gewissheit, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP).
«Ihre Lage erfüllt uns mit großer Sorge», erklärte Westerwelle in Berlin. Die Bundesregierung werde alles tun, um so schnell wie möglich Klarheit zu gewinnen. Nach wie vor fehlten aber «belastbare Informationen», schränkte der Außenminister ein. Nach der Befreiung der Mädchen, die bereits am Mittwoch nach Deutschland zurückkehren sollen, fehlte von dem Elternpaar und dem fast zweijährigen Bruder weiter jede Spur. Nach Einschätzung von Angehörigen ist das jüngste Kind der aus dem sächsischen Meschwitz bei Bautzen stammenden Familie tot. Das Auswärtige Amt konnte dies vorerst nicht bestätigen.

«Wir müssen davon ausgehen, dass Simon nicht mehr lebt», entgegnete der Schwager des entführten Vaters, Reinhard Pötschke. «Wenn nur zwei Kinder befreit worden sind, wo ist dann das dritte?» Von den Eltern wisse er nichts. Die fünfköpfige Familie war vor elf Monaten zusammen mit einem britischen Ingenieur, zwei deutschen Frauen und einer Südkoreanerin in der nordjeminitischen Provinz Saada entführt worden. Die Ausländer arbeiteten dort in einem Krankenhaus.
Al-Turki betonte, das saudische Sondereinsatzkommando habe die Mädchen nicht selbst aus dem Jemen geholt, sondern im Grenzgebiet in Empfang genommen. Ob es Verhandlungen mit den Entführern gab oder möglicherweise deutsche Einsatzkräfte beteiligt waren, sagte er nicht. Aus jemenitischen Stammeskreisen hieß es, über dem Bezirk Schadha in der Provinz Saada seien Apache-Hubschrauber der saudischen Sicherheitskräfte zu sehen gewesen. Die Saudis hätten dort am Montagnachmittag mehrere Häuser durchsucht. Dabei seien auch Schüsse gefallen. Ein Stammesführer erklärte, Angehörige der schiitischen Houthi-Rebellen hätten womöglich geschossen, als sie die Hubschrauber gesehen hätten. Es habe jedoch keinen Schusswechsel gegeben.
Der Einsatz sei eine «Rettungsaktion» gewesen, keine «Befreiungsaktion», meinte al-Turki. Die neuen Informationen, die dabei gewonnen worden seien, würden nun genutzt, um das Schicksal der restlichen Geiseln aufzuklären, fügte er hinzu. Die jemenitische Führung äußerte sich zunächst nicht zu dem Fall. Ein Behördensprecher sagte aber, es sei nicht auszuschließen, dass die Saudis für die Freilassung der Kinder Lösegeld gezahlt hätten.
Jemens Regierung hatte den Houthi-Rebellen die Schuld an der Entführung gegeben. Deren Führung bestritt jedoch jede Beteiligung an dem Verbrechen. Einige Beobachter vermuten, dass eine Bande mit Verbindungen zu staatlichen Sicherheitskräften hinter der Entführung steckt. Mehrere Wochen nach der Verschleppung der Ausländer waren Videoaufnahmen aufgetaucht, auf denen die drei Kinder zu sehen waren. Der kleine Simon soll auf den Bildern sehr erschöpft gewirkt haben.
Quelle: dpa
18.05.2010 | Hamburg
Der Jemen: Armut, Wüste, Drogen, Aufstände
Die Republik Jemen im Südwesten der Arabischen Halbinsel ist von Bergen und Wüsten geprägt. Das Land, das von Präsident Ali Abdullah Salih regiert wird, gilt als Armenhaus Arabiens. Etwa drei Viertel der 23 Millionen Menschen, die in dem rund 530 000 Quadratkilometer großen Land leben, sind außerhalb der wenigen großen Städte wie Sanaa, Taizz, El-Hudaida und Aden angesiedelt. Die UNESCO erklärte die traditionellen Hochbauten aus Lehm in der Hauptstadt Sanaa zum Weltkulturerbe.

Die schlechte Wirtschaftslage verschärft die innenpolitische Krise des Landes. Im Landesinneren gruppieren sich um den Sitz der jeweiligen Stammesfürsten die Wohnhäuser der Clans. Diese erkennen die Souveränität der Zentralregierung zum Teil nicht an. Stammesfürsten ließen mehrfach Ausländer entführen, um Forderungen an die Behörden durchzusetzen. Ende 2005 waren auch der frühere Staatssekretär Jürgen Chrobog, seine Frau und drei Söhne in die Hände von Stammeskämpfern geraten. Sie kamen nach wenigen Tagen wieder frei.
Auch der bis 1990 unabhängige Südjemen fühlt sich von der Zentralregierung benachteiligt, immer wieder kommt es dort zu gewalttätigen Protesten. Hinzu kommt der teils politisch, teils religiös motivierte Aufstand der schiitischen Houthi-Rebellen im Nordwesten des Landes, der 2004 begann und seither sechsmal zum Bürgerkrieg eskalierte. Außerdem kämpft die Regierung seit etwa zehn Jahren mit mehr oder weniger großer Entschlossenheit gegen die Terroristen der Al-Kaida, die sich in einigen Stammesgebieten verschanzt haben. Im Jemen ist das Tragen von Waffen weit verbreitet. Die Produktivität der Wirtschaft wird stark beeinträchtigt durch den Konsum der Volksdroge Kat, deren Anbau einen großen Teil der knappen Wasserreserven des Landes verschlingt.




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