DEUTSCHLAND/WELT

06.09.2010 | München - update
Brunner-Prozess: Angeklagter wegen Mordes verurteilt
Für die Richter war es Mord, und sie zeigten Härte: Im Brunner- Prozess hat das Landgericht München die beiden jungen Angeklagten zu langen Haftstrafen verurteilt. Erste Reaktionen: Richtig so.
Knapp ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des Managers Dominik Brunner hat das Landgericht München I die Schläger zu langen Haftstrafen verurteilt, in einem Fall sogar wegen Mordes. Mit seinem harten Urteil folgte das Gericht am Montag annähernd den Forderungen der Staatsanwaltschaft.
Der 19-jährige Haupttäter Markus S. bekam neun Jahre und zehn Monate Haft wegen Mordes. Das Gericht blieb damit nur zwei Monate unter der höchstmöglichen Jugendstrafe. Gegen Sebastian L. (18) verhängte die Jugendkammer sieben Jahre wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Nach den Worten des Vorsitzenden Richters Reinhold Baier wollten sich die jungen Männer an Brunner rächen, weil er sich schützend vor die Schülergruppe gestellt hatte.

Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Haft für Markus S. und acht Jahre für Sebastian L. verlangt. Die Verteidigung hingegen hätte die beiden Angeklagten mit deutlich unter sieben und dreieinhalb Jahren ausreichend bestraft gesehen. Die Verteidiger wollen nun das Urteil anfechten. Bei Markus S. sehen sie vor allem den Mordvorwurf als überzogen an. Für die Anwälte von Sebastian L. hingegen ist die Strafe viel zu hoch.
Am 12. September 2009 hatten die beiden jungen Männer eine Gruppe Teenager in der Münchner S-Bahn bedroht und angekündigt, sie auszurauben. Brunner beobachtete dies, rief die Polizei und stellte sich schützend vor die Schüler. «Er hörte nicht weg», sagte Baier in der Urteilsbegründung. «Die Angeklagten, die sich gemeinsam stark fühlten, fragten beleidigend, warum er, "der Spastiker", sich einmische.»

An dem Bahnsteig am S-Bahnhof Solln habe sich Brunner «wie ein menschliches Schutzschild» vor die verängstigten Schüler gestellt und dann aus Notwehr als erster zugeschlagen. «Brunner durfte von einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der beiden Angeklagten ausgehen.» Die beiden seien gemeinsam brutal auf ihn losgegangen. Markus S. trat ihn gegen den Kopf und gegen den Bauch, als er bereits am Boden lag - beide Tritte hätten Gutachtern zufolge lebensgefährlich sein können.
Während Sebastian L. Brunner nur habe verletzen wollen, habe Markus S. als der Aggressivere den Tod Brunners in Kauf genommen. «Sein Verhalten steht auf sittlich niedrigster Stufe. Wäre er erwachsen, hätte das Gericht eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängen müssen», sagte Baier.
Sebastian L. habe während der Schlägerei versucht, seinen Freund von dem am Boden liegenden 50-Jährigen wegzuziehen. «Ohne seine Billigung trat Markus S. Brunner wuchtig», sagte Baier und begründete damit das mildere Urteil für den Jüngeren der beiden. Zudem habe er im Prozess aufrichtige Reue gezeigt. Bei Markus S. hingegen fehle dieses Bewusstsein bis heute. Noch in der Untersuchungshaft habe er Unverständnis geäußert, warum sich Brunner eingemischt habe.

Brunner starb schließlich nicht an den Verletzungen, sondern an einem Herzstillstand infolge der Schläge. Er hatte ein krankes Herz, ohne davon zu wissen. Brunners Vater Oskar, der im Prozess als Nebenkläger aufgetreten war, erschien zur Urteilsverkündung nicht. Seit dem Tod seines Sohnes gehe es ihm psychisch und physisch schlecht, berichtete die Anwältin des 80-Jährigen.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wertete das Urteil als klares Signal, dass Gewalt nicht geduldet werde. «Dominik Brunner hat in einer für die damaligen Opfer äußerst brisanten Lage unerschrocken geholfen und ist ein Vorbild für Zivilcourage.» Der Richterspruch sei «hart und deshalb gut», sagte der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. «Dominik Brunner hat eben nicht weggesehen, sondern ist eingeschritten, als junge Menschen durch kriminelle Schläger in Gefahr geraten sind. Daran ändert weder sein Herzfehler noch die Art seines Einschreitens etwas.»
Quelle: dpa
24.08.2010 | München
Chronologie der tödlichen Attacke in Solln
Etwa zweieinhalb Stunden lagen zwischen dem ersten Faustschlag und dem Tod Dominik Brunners: Der Manager aus Niederbayern hatte eingegriffen, als zwei Jugendliche eine Gruppe von Schülern bedrohte. Daraufhin prügelten die jungen Männer auf ihn ein. Die Chronologie der Ereignisse des Sonntags im September 2009 nach dem bisherigen Erkenntnisstand:

12. September, 15.45 Uhr: Drei Jugendliche im Alter von 17 und 18 Jahren bedrohen an der Münchner S-Bahn-Haltestelle Donnersbergerbrücke vier Schüler. Die drei Jugendlichen fordern 15 Euro von den 13- bis 15-Jährigen und schlagen mindestens einen der beiden Jungen in der Gruppe. Geld bekommen sie nicht.
12. September, 15.58 Uhr: Die S-Bahn in Richtung Solln fährt in den Bahnhof Donnersbergerbrücke ein. Die Schüler steigen ein. Zwei Angreifer folgen ihnen, der dritte nimmt eine andere Bahn. In der S-Bahn streiten sich die beiden späteren mutmaßlichen Täter. Laut sprechen sie darüber, dass sie von den Schülern Geld wollen, gehen aber nicht auf diese los. Der 50 Jahre alte Dominik Brunner stellt sich schützend vor die vier Jugendlichen und versucht, zu schlichten.
12. September, 16.00 Uhr: Der 50-Jährige verständigt per Notruf die Polizei. Gleichzeitig bietet er den Schülern an, gemeinsam mit ihm am S-Bahnhof Solln auszusteigen. Eigentlich wollten sie schon vorher aussteigen.
12. September, 16.09 Uhr: Die S-Bahn hält in Solln. Der Mann steigt mit den Schülern aus, die beiden Angreifer folgen ihnen. Nach Zeugenaussagen schlägt Brunner zuerst in Erwartung eines Angriffs einen der Jugendlichen. Die beiden Jugendlichen schlagen daraufhin auf den Mann ein, treten ihn weiter, als er schon am Boden liegt. Brunner verliert das Bewusstsein.

12. September, 16.10 Uhr: Der Streifenwagen startet - zunächst laut «Süddeutscher Zeitung» ohne Blaulicht, da aus Brunners Anruf keine akute Bedrohungssituation zu erkennen war.
12. September, bis ca. 16.13 Uhr: Mehrere Augenzeugen rufen bei der Polizei an und melden eine Schlägerei am S-Bahnhof Solln. Die Streife, die bereits unterwegs ist, schaltet nun Blaulicht ein. Der Rettungsdienst wird alarmiert.
12. September, ca. 16.15 Uhr: Brunner, der nach den Schlägen zusammengesackt war, rappelt sich nach Zeugenaussagen noch einmal auf, murmelt etwas wie «das war hart» und sackt wieder zusammen, wobei er blau anläuft. Die Obduktion ergibt später einen bereits lange vergrößerten Herzmuskel und Kammerflimmern als Ursache eines Herzstillstandes.
12. September, 17.30 Uhr: Sebastian L. und Markus S., die sich in einem nahe gelegenen Gebüsch versteckt haben, werden festgenommen.
12. September, 18.20 Uhr: Wenige Stunden nach dem Angriff stirbt Brunner im Krankenhaus. Sechsmal war ein Defibrillator eingesetzt worden. Es gelang nicht, einen stabilen Herzrhythmus herzustellen. Bis in die frühen Morgenstunden vernimmt die Polizei die Beschuldigten und Zeugen.
13. September: Gegen die beiden Hauptbeschuldigten wird Haftbefehl erlassen. Der dritte Jugendliche, der nicht an der Attacke auf den Geschäftsmann beteiligt war, wird festgenommen. Der 17-Jährige wird in einem Haus des Drogenhilfevereins «Condrobs» festgenommen, wo er wie der andere 17-Jährige lebte.




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