DEUTSCHLAND/WELT
16.03.2009

17.03.2009 | St. Pölten (dpa)
Fritzl-Urteil voraussichtlich am Donnerstag
Der Prozess gegen den geständigen Inzest-Täter von Amstetten, Josef Fritzl, wird voraussichtlich an diesem Donnerstag - einen Tag früher als ursprünglich geplant - zu Ende gehen.
Die Öffentlichkeit werde schon von diesem Mittwoch an wieder zu der Verhandlung zugelassen, gab der Sprecher des Landesgerichts St. Pölten, Franz Cutka, am Dienstag bekannt. Auch die Urteilsverkündung gegen den 73-Jährigen wird öffentlich sein.
Der zweite Tag im Prozess gegen Josef Fritzl (73) war der Tag seines Opfers. Die zwölf Geschworenen sahen weitere Teile der auf Video aufgezeichneten Aussagen der Fritzl-Tochter Elisabeth, die von ihrem Vater 24 Jahre lang in einem fensterlosen Keller gefangen gehalten und tausendfach vergewaltigt worden war. Außerdem wurde eine ebenfalls auf Video aufgezeichnete Aussage eines Bruders von Elisabeth vorgespielt. Die Öffentlichkeit war wegen der sehr persönlichen Details in ihrer Aussage auch am Dienstag von der Verhandlung ausgeschlossen.

«Josef F. hat zu allen Aussagen Stellung genommen», betonte Cutka. «Details kann ich aber aus rechtlichen Gründen nicht bekanntgeben.» Auch Fritzls Verteidiger verweigerte dazu die Auskunft: «Weil die Öffentlichkeit aus diesem Teil des Verfahrens gesetzlich ausgeschlossen ist, dürfen wir keinerlei Details bekanntgeben», meinte Anwalt Rudolf Mayer im österreichischen Fernsehen ORF. Fritzl droht eine lebenslange Gefängnisstrafe, wenn er des Mordes für schuldig befunden wird. In diesem Punkt hat er sich allerdings «nicht schuldig» bekannt.
Der Angeklagte selbst war wenige Minuten vor Verhandlungsbeginn aus dem benachbarten Untersuchungsgefängnis in den abhörsicheren Schwurgerichtssaal gebracht worden, wo sich das gleiche Schauspiel wie am Vortag abspielte. Fritzl - wieder ohne Handschellen - hielt einen geöffneten Aktenordner eng vor das Gesicht und blieb nahezu bewegungslos im Saal stehen, während ein Fotograf und zwei TV- Kameraleute versuchten, sein Gesicht aufzunehmen. «Er hat sich einfach geniert. Darum hat er nichts gesagt», erläuterte sein Anwalt.
Stunden später verlor der Angeklagte allerdings sein Spiel mit den Medien. Auf dem Rückweg von der Mittagspause zum Gerichtssaal hatte er für einen Augenblick seine Aktenordner-Tarnung heruntergenommen. Genügend Zeit für einen der zugelassenen Fotografen, den mutmaßlichen Inzest-Täter zu fotografieren.

Dass der Prozess und die drohende Verurteilung nicht spurlos an dem 73-Jährigen vorübergegangen sind, bestätigte am Dienstag ein Sprecher der Justizvollzugsanstalt St. Pölten, in der Fritzl seit Anfang Mai 2008 auf seinen Prozess gewartet hat. Der Angeklagte habe nach dem ersten Verhandlungstag ein Gespräch mit einem Psychiater geführt und werde das auch nach dem zweiten Tag tun, sagte der stellvertretende Gefängnisleiter Erich Huber-Günsthofer. Zu der Betreuung Fritzls zählt auch die psychiatrische Begleitung während der Urteilsberatung der Geschworenen und nach der Urteilsverkündung. Außerdem habe man Vorkehrungen gegen einen möglichen Suizidversuch getroffen, sagte der Beamte der Nachrichtenagentur APA. Bisher hat sich der 73-jährige vor Gericht allerdings «sehr kooperativ» verhalten, sagte sein Verteidiger am Dienstag.
Der Prozess wird am Mittwochmorgen mit dem entscheidenden psychiatrischen Gutachten über Josef Fritzl fortgesetzt. Darin wird nach Medienberichten dessen Sicherungsverfahrung nach dem Ende seiner erwarteten Gefängnisstrafe empfohlen. Das 130 Seiten starke Dokument war bereits vor Monaten in Auszügen bekanntgeworden. Zwei technische Gutachten über den Aufbau des Kellerverlieses sollen nur verlesen werden. Am Nachmittag werden dann die drei Berufsrichter einen Fragenkatalog erarbeiten, der den Geschworenen am Donnerstag als Entscheidungsgrundlage für ihr Urteil dienen wird. Die Plädoyers von Anklage und Verteidigung werden am Donnerstag gehalten.
Psychologen: Einmaliger Fall in Kriminalgeschichte
Der Fall des 73-jährigen Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen hielt, und der bei zahllosen Vergewaltigungen sieben Kinder mit ihr zeugte, ist nach Ansicht des österreichischen Gerichtspsychologen Reinhard Haller «einmalig» in der Kriminalgeschichte.
Fritzl, der nun in St. Pölten vor Gericht steht, sei ein "hochintelligenter" Täter mit einer "bösartigen Form des Narzismus", sagte Haller der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Für seine Opfer, die Tochter Elisabeth und ihre sechs Kinder, die zum Teil ihr Leben lang in einem dunklen Kellerverlies ohne Frischluft und Tageslicht lebten, gibt es jedoch Hoffnung auf ein einigermaßen normales Leben. Das meint zumindest die Wiener Psychologin und Spezialistin für posttraumatische Belastungsstörungen, Brigitte Lueger-Schuster.
Für Haller, der in den 1990-er Jahren bereits den berüchtigten österreichischen "Bomber" Franz Fuchs analysierte, ist klar, dass Fritzl für seine Taten voll verantwortlich ist. Für den Psychologen ist "sicher, dass der Mann nicht schwachsinnig, sondern hoch intelligent» und dabei auch nicht psychisch krank ist: «Ein psychisch Kranker könnte nie mit dieser Konstanz und mit dieser Kraft, mit dieser Entschlossenheit etwas durchziehen über einen so langen Zeitraum hinweg." Gleichzeitig müsse der 73-Jährige aber "zweifelsohne auch eine hochgradig abnorme Persönlichkeit sein, bei welcher Machtausübung eine ganz entscheidende Rolle spielt". Hinter all seinen Taten stecke "diese bösartige Form des Narzismus."

Nach Meinung des Experten lässt sich das Verhalten des Angeklagten gegenüber seiner Tochter und seiner Familie auch nicht allein mit seiner eigenen schweren Kindheit mit zahlreichen seelischen Misshandlungen durch seine Mutter erklären. Zwar sei bekannt, dass derartig behandelte Opfer später "zu Quälern werden"; dies aber sei keine Erklärung "für dieses Verbrechen, weil es sonst viel mehr Fritzls geben müsste". Krank sei Fritzl deshalb dennoch nicht, meint der anerkannte Forensiker: "Krankheit heißt, dass das Denken wirr wird, dass man Stimmen hört, dass man in einer wahnhaften Welt lebt, dass man wie gesagt ein völlig unfreier Mensch geworden ist. Und der relevante Unterschied ist: Der Persönlichkeitsgestörte hat natürlich einen freien Willen, während der psychisch Gestörte das nicht hat."
Dass Fritzl am Ende seine Opfer in die Freiheit entließ, sei bei ihm letztlich eine Frage des Alters gewesen. Haller: "Irgendwann geht einem dann einmal diese Kraft und dieses zielgerichtete Vorgehen und auch diese enorme Anstrengung die so ein Doppelleben erfordert, verloren."
Ungeachtet der Jahrzehnte dauernden Gefangenschaft und oft unerträglichen Gewalt durch Josef Fritzl haben seine Opfer nach Meinung der Wiener Psychologin Brigitte Lueger-Schuster, Chancen auf ein lebenswertes Leben. "Wir wissen von massiven Traumatisierungen durch KZ-Haft über viele Jahre hinweg, dass eine Erholung möglich ist, dass aber die Spuren des Traumas ein Leben lang vorhanden sind", betont die Wissenschaftlerin. "Eine Heilung in dem Sinne, dass man alle Symptome auf Dauer loswird, kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es ihr (Elisabeth) gelingt, auch Lebensphasen mit wirklich guter Lebensqualität zu haben." Dazu benötigten Elisabeth Fritzl (42) und ihre überlebenden sechs Kinder vor allem Ruhe: "Das braucht einen intimen Rahmen, den man ihr auch lässt." Aus diesem Grunde müsse ihr auch der volle Persönlichkeits- und Opferschutz zugesichert werden.
Rückfälle seien jedoch auch bei lang andauernder Behandlung immer wieder möglich, warnt die Professorin: "Es kann sein, dass es zu plötzlichen Intrusionen - also plötzlich wiederauftretenden Erinnerungen - kommt. Zum Teil in bildhafter Form, zum Teil auch in Geräuschen. Dass sie Ängste bekommt, wenn sie bestimmte Dinge hört, die sie an ihre ehemalige Situation erinnern. Es kann sein, dass sie darauf sehr unglücklich oder depressiv wird." Allerdings brächten die Opfer bereits gute Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben mit. "Die Opfer haben ja schon eine Übung im Miteinanderleben. Die haben das ja schon alle gemacht. Was das letztlich für ein Leben über der Oberfläche bedeutet, ist schwer zu sagen. Aber die haben mit Sicherheit Kompetenzen, miteinander zu leben, weil sie's ja schon zuvor getan haben", betont Lueger-Schuster.




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